Mechtild Borrmann - Trümmerkind

Cover des Kriminalromans "Trümmerkind" vor Bild des zerstörten Nachkriegsberlin

WDR 2 Lesen

Mechtild Borrmann - Trümmerkind

Von Oliver Steuck

Die Autorin Mechtild Borrmann hat schon mehrere Krimipreise für ihre Bücher erhalten. Jetzt gibt es ein neues. Es heißt "Trümmerkind". Und wer schon mal etwas von Mechtild Borrmann gelesen hat, der weiß, den ganz typischen Kriminalroman darf man bei ihr nicht erwarten.

Im eisigen Hamburger Nachkriegswinter 1946/47 ist der 14-jährige Hanno in den Trümmern unterwegs, um Brennholz zu suchen. Sein Vater wird seit dem Krieg vermisst und Hanno versucht, seine Mutter und seine kleine Schwester irgendwie durchzubringen. In den Trümmern findet er die Leiche einer Frau. Außerdem stößt er in der Nähe auf einen etwa dreijährigen Jungen, halb erfroren und stumm. Hanno nimmt ihn mit nach Hause. Die Familie wird dieses Kind bei sich behalten und großziehen. Von der toten Frau wird Hanno aber erst Jahrzehnte später erzählen.

Mechthild Borrmann: - Trümmerkind

WDR 2 Krimitipp | 14.11.2016 | 03:40 Min.

Download

Drei bewegende Familienschicksale

Die Aufklärung des Mordes ist eine Spurensuche, die Autorin Mechtild Borrmann auf drei Zeitebenen stattfinden lässt. Als Leser begleitet man natürlich die Familie mit dem Findelkind durch die Jahre. Es gibt aber auch Rückblenden auf das Schicksal einer anderen Familie, die einen Gutshof in der Uckermark besitzt und in der Endphase des Zweiten Weltkriegs vor den Russen fliehen muss. Außerdem versucht kurz nach der Wende 1992 eine Kölner Lehrerin, ihre Familiengeschichte zu rekonstruieren. Ihre Mutter schweigt sich nämlich beharrlich über die Vergangenheit aus. Dass diese drei Schicksale miteinander verknüpft sind, ist eigentlich von Anfang an klar. Entscheidend ist das Wie, und das birgt einige Überraschungen.

Spannende Crossover-Krimis

Was Mechtild Borrmann macht, würde man in der Musik wohl als Crossover bezeichnen, also als Mix von verschiedenen Genres. Dreh- und Angelpunkt ist natürlich ein Verbrechen. Es sind aber die menschlichen Schicksale, die mit diesen Verbrechen verknüpft sind, die die 56-jährige Autorin viel mehr interessieren als die pure Aufklärung. Dabei spielen auch die historischen Hintergründe immer eine wichtige Rolle. So sind die Romane der Bielefelderin meist mit Ereignissen des 20. Jahrhunderts verwoben, häufig mit dem Zweiten Weltkrieg und seinen Folgen. Zuletzt ging es in "Die andere Hälfte der Hoffnung" um den Atomunfall in Tschernobyl.

Fesselnde Zeitgeschichte

Auch "Trümmerkind" ist alles andere als ein herkömmlicher Krimi. Der Schlüssel zur Aufklärung des Mordes ist gleichzeitig eine dramatische Familiengeschichte und eine kleine Geschichtsstunde über das Ende des Zweiten Weltkriegs und die Nachkriegszeit. Diesen Mix beherrscht Mechtild Borrmann so meisterhaft, dass man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen mag. So springt man zwischen den Zeiten hin und her und ist von jeder gefesselt und vor allem von den Kriegs- und Nachkriegsjahren sehr bewegt, weil man sich vergegenwärtigt, unter welchen Bedingungen die Menschen damals ihren Alltag bestreiten mussten. Ein wichtiges Stück Zeitgeschichte, das wir nicht vergessen sollten, verpackt in eine berührende Familiengeschichte. Und spannender als viele Krimis, die den üblichen Schreibmustern folgen.

Mechtild Borrmann
Trümmerkind
Verlag: Droemer
ISBN: 978-3-426-28137-6
Preis: 19,99 Euro

Stand: 14.11.2016, 17:03