Marlene Streeruwitz startet Gastdozentur in Paderborn

Die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz

Marlene Streeruwitz startet Gastdozentur in Paderborn

Wer Marlene Streeruwitz sagt, denkt an Romane und Theaterstücke, die ihr Genre sprengen. Jetzt wird es digital. Unter dem Titel "Frozen I-V" hält Streeruwitz die diesjährige Paderborner Poetikdozentur.

Marlene Streeruwitz

Marlene Streeruwitz

Marlene Streeruwitz hat ein beeindruckendes Repertoire. Im Bereich des geschriebenen und gesprochenen Wortes hat sie so ziemlich alles gemacht, was man machen kann. Sie ist Schriftstellerin, Kritikerin, Dramatikerin und Regisseurin, vor allem aber auch Pionierin, Experimentiererin. Sie hat einen Arztroman - original im Heftchenformat - geschrieben, nur ohne Arzt, ebenso wie einen Wahlkampfroman zur Wahl des Österreichischen Bundespräsidenten. Wer wäre besser geeignet als sie, die diesjährige Paderborner Gastdozentur für Schriftstellerinnen und Schriftsteller abzuhalten? Gerade (09.01.2017) hat sie ihre Auftaktvorlesung "Frozen I" absolviert.

WDR: Frau Streeruwitz, Poetikvorlesungen sind ja für Sie nicht neu, Sie waren in Tübingen, Frankfurt und Berlin zu hören. In Frankfurt begannen Sie mit Schlächter-Szenen aus Algerien. Politisch, gegenwärtig, nicht das, was man von Autoren erwartet, die über ihr Handwerk sprechen. Wie haben Sie jetzt Ihre Paderborner Vorlesung begonnen?

Marlene Streeruwitz: Eigentlich ähnlich, es wurde wieder der Bauch aufgeschnitten und alles lag da. Aber es ging darum, eine Art Menschenrechtserklärung für die literarische Figur abzugeben. Das war mir sehr wichtig, und das ist politisch glaube ich auch das, was jetzt gerade notwendig ist.

WDR: Der Titel Ihrer Vorlesung spendet ja durchaus Hoffnung: "Theorie und Praxis der Romane in der Digitalität". Ist das beschwörend, oder gehen Sie sicher davon aus, dass der Roman überleben wird?

Streeruwitz: Na ja, das ist eigentlich nicht ausgemacht. Die Szenarien gehen von 'Die Maschine kann es ohnehin besser' - zumindest im Unterhaltungsroman können wir schon erwarten, dass das mit ein bisschen Lernen von der Maschine ganz gut gehen wird. Sie erinnern sich an die Geschichten, die wir immer gehört haben, von Personen, die so Karteikästen hatten mit Motiven, die sie dann aneinander gereiht haben. Ich habe so jemanden gekannt. Das gibt's also wirklich, wieso soll dann die Maschine das nicht selber können, noch dazu viel reicher? Also ich bin nicht ganz sicher, ob nicht manche von diesen New York Times Bestseller-Autoren eigentlich Showgirls und Showboys für die Maschine sind. Das könnte ich mir schon gut vorstellen.

WDR: Mit ein bisschen Lernen haben Sie gesagt - diese digitale Welt ist ja nicht nur ein anderes Medium, sondern erfordert auch eine andere Form von Roman und Literatur. Was sind da die Herausforderungen?

Universitätsgebäude, Schriftzug "Universität Paderborn"

Universität Paderborn

Streeruwitz: Das ist doch das Problem. Dass das nicht gemacht wird, dass es nicht gefordert wird. Es wird einfach nur abgebildet, was es schon gibt und es wird nichts Neues entwickelt. Ich glaube aber, das ist etwas, das wir nicht aufgeben sollten: diesem Medium etwas anderes abzufordern, abzuquetschen, um auch zu Neuem zu kommen und nicht nur einfach das, was die Unterhaltungindustrie bisher konnte, anders zu speichern und rauszusenden.

WDR: Eine der Verheißungen der digitalen Literatur ist ja, dass die LeserInnen zu AutorInnen werden können, dass wir dadurch, was wir lesen, welchen Hyperlink wir klicken, wir selbst den Text gestalten können. Das hat sich recht bald weitgehend als Sackgasse herausgestellt, aber es gibt ja Versuche im Netz, die Literatur integrativer, auch kollektiver zu gestalten. Sie selbst haben mit Ihrem Essay "Das wird mir alles nicht passieren" ein Crossmedia-Projekt unternommen, bei dem Sie den Text im Internet haben weiterschreiben lassen. Mit welchen Erfahrungen?

Streeruwitz: Das ist zäher gegangen, als ich es mir vorgestellt habe, aber es ist auch mehr herausgekommen, als gedacht. Ich nehme an, dass wir da noch viel lernen müssen und dass 'teilen', also 'sharing' dazu notwendig ist. Wir müssen den Begriff des Kunstwerks abbauen, das nur dieser einen Person gehört, und es verteilen. Daran werden wir noch arbeiten müssen, aber das ist eigentlich spannend. Im Grunde geht es darum, eine Art von digitaler Performance zu entwickeln, in der es sehr schnell geht. Ich sitze ja dann doch ein halbes Jahr an einem Roman - das werden wir nicht transportieren können, das will ich auch nicht. Es muss schnellere Formen geben, und da ist Performance etwas. Wir könnten miteinander eine Roman-Performance machen, und am Ende haben wir irgendwas Lustiges, was wir dann auch gar nicht wieder lesen. Wahrscheinlich ist das das Problem, wie wir es jetzt haben: Dieses Wertstück Literatur, das geht nicht einzutragen, aber es gibt sicher eine andere Form. Da müssen wir uns noch etwas ausdenken.

Das Gespräch führte Annette Hager in WDR 3 Resonanzen.

Das komplette Gespräch zum Nachhören:

Marlene Streeruwitz startet Gastdozentur in Paderborn

WDR 3 Resonanzen | 09.01.2017 | 09:11 Min.

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Stand: 10.01.2017, 12:27