Marguerite Duras - Der Liebhaber

Marguerite Duras - Der Liebhaber

Marguerite Duras - Der Liebhaber

Von Christel Wester

Marguerite Duras zählt zu den bedeutendsten französischen Autorinnen des 20. Jahrhunderts. Weltruhm verschaffte ihr vor allem ihr autobiografischer Roman "Der Liebhaber": Ein Klassiker, den man im Hörspiel neu entdecken kann.

Marguerite Duras
Der Liebhaber
Hörspiel von Kai Grehn
mit Dagmar Manzel, Paula Beer, Nina Kunzendorf, Alexander Fehling
Hörbuch Hamburg,
1 CD, Laufzeit: 84 Minuten
ISBN: 978-3-95713-064-8

Die Grande Dame der französischen Kulturszene

Marguerite Duras zählt zu den bedeutendsten Autorinnen des 20. Jahrhunderts. Ihre Romane, Theaterstücke, Hörspiele und Filmdrehbücher prägten eine ganze Generation. "Hiroshima mon amour" verfilmt von Alain Resnais, wurde zu einem Kultfilm der Nouvelle Vague. Geboren ist Marguerite Duras 1914 in der ehemaligen französischen Kolonie Cochinchina, dem heutigen Vietnam. Damals hießt sie Marguerite Donnadieu. Den Künstlernamen Duras wählte sie nach dem Heimatort ihres Vaters in Südfrankreich. 1996 ist sie in Paris gestorben – als Grande Dame der französischen Kulturszene.

Verleihung des Deutschen Hörbuchpreises 2012 als Auftakt der lit. COLOGNE im Kölner WDR-Funkhaus am Wallrafplatz. Kai Grehn, der als Regisseur den Preis für "Die künstlichen Paradiese erhielt" im Gespräch mit Moderatorin Katy Salié.

Kai Grehn

Weltruhm verschaffte ihr vor allem ihr autobiografisch geprägter Roman "Der Liebhaber", der 1984 erschien. Der Regisseur Kai Grehn hat diesen Roman jetzt zu einem Hörspiel verarbeitet, eine Produktion des Südwestrundfunks, die bei Hörbuch Hamburg auf CD erschienen ist.

Sehr bald in meinem Leben war es zu spät.

Marguerite Duras, Schriftstellerin

Marguerite Duras

Ein charakteristischer Satz für Marguerite Duras: existentialistisch, melancholisch, sich selbst beobachtend. Mit einem Rückblick beginnt das Hörspiel nach ihrem berühmtesten Buch "Der Liebhaber".

"Mit 18 war es zu spät. Zwischen 18 und 25 nahm mein Gesicht eine unerwartete Richtung. Mit 18 bin ich gealtert. Ich weiß nicht, ob es allen so geht. Ich habe nie gefragt."

70 Jahre alt war Marguerite Duras, als ihr Weltbestseller erschien: eine Collage aus Erinnerungen an ihre eigene Jugend im kolonialen Indochina der 1930er Jahre.

"Lassen Sie mich hinzufügen: Ich bin fünfzehneinhalb."

Dagmar Manzel

Dagmar Manzel

Mit zwei Stimmen hat der Hörspielregisseur Kai Grehn die Ich-Erzählerin in "Der Liebhaber" besetzt: Dagmar Manzel übernimmt dem Part der alternden Frau, die ihr Leben Revue passieren lässt. Ihr trockenes und zugleich doch auch warmes Timbre passt zum unsentimentalen Rückblick einer Intellektuellen, die nicht in Erinnerungen schwelgt, sondern darüber nachdenkt, wie sie zu der Frau wurde, die sie heute ist.

"Statt darüber erschrocken zu sein, verfolgte ich dieses Altern meines Gesichts mit der gleichen Neugier, mit der ich mich zum Beispiel in ein Buch vertieft hätte."

Marguerite Duras an ihrem Schreibtisch, ca. 1950

Marguerite Duras

Die Zeitsprünge in die Vergangenheit verkörpert dagegen die 1995 geborene Schauspielerin Paula Beer. Sie leiht der jungen Ich-Erzählerin ihre Stimme: ein Mädchen noch, das jedoch schon ziemlich kühl und illusionslos auf das Leben schaut.

"Es gibt keine Jahreszeiten in diesem Land. Wir leben in einer einzigen heißen, eintönigen Jahreszeit. Wir leben in der langen heißen Zone der Erde. Kein Frühling. Keine Wiederkehr."

Musik und französische Rezitation

Sabin Tambrea und Paula Beer bei den Dreharbeiten zu Ludwig II.

Paula Beer

Paula Beer und der chinesische Komponist Song Yuzhe nehmen einen mit auf eine akustische Zeitreise, in der es längere musikalische und auch kurze französische Passagen gibt, die man als atmosphärische Kulisse wahrnimmt.

Die Gesellschaft, in die die Reise führt, ist von Klassenunterschieden und Rassismus geprägt.

Alexander Fehling

Alexander Fehling

"Die Schulferien sind zu Ende, ich kehre nach Saigon zurück, ins Pensionat. Der Bus für Eingeborene ist vom Marktplatz in Sadec abgefahren. Wie üblich hat mich meine Mutter begleitet, hat mich dem Busfahrer anvertraut. Immer vertraut sich mich den Fahrern der Busse nach Saigon an, für den Fall eines Unglücks, einer Feuersbrunst, einer Vergewaltigung, eines Überfalls von Piraten, eines schlimmen Unfalls mit der Fähre. Wie üblich hat mich der Fahrer vorn neben sich gesetzt. Auf den Platz, der den weißen Reisenden vorbehalten ist."

Auf der Fähre über den Mekong trifft sie ihn, den Liebhaber: einen zwölf Jahre älteren Chinesen aus reichem Haus. Seinen Part spielt Alexander Fehling – auch er großartig: ein schüchterner Mann, der sich dem jungen weißen Mädchen unterlegen fühlt.

"Ich bin allein, auf grausame Weise allein mit meiner Liebe zu Ihnen."

Tun Sie es genau so

Sehr sinnlich inszeniert Kai Grehn intime Momente:

"Ich bin nie jemandem in ein Zimmer gefolgt. Ich will nicht, dass Sie mit mir reden. Ich will, dass Sie tun, was sie üblicherweise mit Frauen tun, die Sie in ihre Wohnung mitnehmen. Tun Sie es genau so. Er hat ihr das Kleid vom Leib gerissen."

Sie will die sexuelle Eskapade, aber sie reizt auch sein Geld. Denn sie ist Halbwaise und ihre Familie verarmt.

"Er gehörte zu jener Minderheit von Geschäftsleuten chinesischer Abstammung, die den gesamten Grundbesitz des Volkes in der Kolonie verwalten."

"Ich werde nie mehr im Eingeborenenbus reisen. Von jetzt an werde ich eine Limousine haben, die mich ins Gymnasium bringt und zurück ins Pensionat. Ich werde in den elegantesten Lokalen der Stadt speisen. Und ich werde immer alles bereuen."

Die Geschichte einer Amour fou

"Der Liebhaber" ist die Geschichte einer Amour fou: Erotische Anziehung und Leidenschaft paaren sich mit kühler Berechnung.

Hinzu kommt die gesellschaftliche Hierarchie, die sich immer wieder seltsam verkehrt. Sie gehört zur Klasse der Kolonialherren, die auf die Chinesen herabblickt. Doch sie ist arm, er reich. Auch seine Familie hat Standesdünkel und geißelt die Mesalliance. Natürlich hat diese Beziehung keine Zukunft. Kai Grehn inszeniert diese Liebesgeschichte voller Melancholie und Schmerz und vermeidet dabei doch Kitsch und Pathos. Dafür sorgen vor allem Dagmar Manzels ruhige, nachdenklich gesprochene Kommentare, aber auch Paula Beer gelingt es glänzend, den Kontrast zwischen Leidenschaft und Nüchternheit so auszubalancieren, dass eine eigenwillige reizvolle Spannung entsteht.

Marguerite Duras "Der Liebhaber"

WDR 3 Mosaik | 20.04.2017 | 05:18 Min.

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