Ella Frances Sanders - Lost in Translation. Unübersetzbare Wörter aus der ganzen Welt

Ella Frances Sanders - Lost in Translation. Unübersetzbare Wörter aus der ganzen Welt

Ella Frances Sanders - Lost in Translation. Unübersetzbare Wörter aus der ganzen Welt

Von Anja Hirsch

Manche Wörter sind endemisch – ein illustrierter Sprachführer versammelt unübersetzbare Begriffe.

Ella Frances Sanders
Lost in Translation. Unübersetzbare Wörter aus der ganzen Welt
Aus dem Englischen von Marion Herbert
DuMont Verlag, 2017
112 Seiten
18,00 Euro

Fast unübersetzbar

Bücher über Wörter sind etwas ganz Wunderbares. Zum Beispiel die Sammlung "Das schönste deutsche Wort", in welchem Schriftsteller und andere Menschen zu ihren Lieblingswörtern Liebeserklärungen abgeben. Buchstaben-Giganten wie das "Wolkenkuckucksheim" haben da hineingefunden. Aber auch unscheinbare wie das Wörtchen "nichtsdestotrotz", das in seiner irgendwie unbeholfenen Art Argumente und Positionen wandeln kann. Jetzt hat der DuMont Verlag ein Büchlein aus dem englischsprachigen Raum zugänglich gemacht, das gleichfalls verzaubert. Anders als die Sammlung schönster deutscher Wörter, stellt es Wörter vor, die sich dadurch auszeichnen, dass sie fast unübersetzbar sind. Zum Beispiel das portugiesische Wort "Saudade", das in etwa folgenden Zustand beschreibt:

"Ein reges, beständiges Verlangen nach etwas, das es nicht gibt und wahrscheinlich auch nicht geben kann, eine nostalgische Sehnsucht nach jemandem oder etwas Geliebtem und Verlorenem."

Schmetterlinge und empfindsame Waldwanderer

Aufgemacht als hübsches Geschenkbuch, stehen in "Lost in Translation" die Zeichnungen der Autorin und Illustratorin Ella Frances Sanders im Vordergrund, die den jeweilig benannten Zustand bildlich übersetzen - etwa in Form von Schmetterlingen, die einen Magen-Darm-Trakt umschwirren, wenn "Kilig" herrscht, das Gefühl, Schmetterlinge im Bauch zu haben. "Kilig", gebraucht als Substantiv, sagen die Philippinen dazu in ihrer am weitesten verbreiteten Sprache Tagalog. Nicht erst seit Wittgenstein ist bekannt, dass Sprache Phänomene überhaupt erst sichtbar macht. Empfindsame Waldwanderer zum Beispiel haben immer schon das Sonnenlicht bewundert, das durch die Blätter der Bäume schimmert. Wie umständlich ausgedrückt! Die Japaner haben dafür ein eigenes Substantiv:

"Komorebi"

Ziellos in die Ferne schauen

Ella Frances Sanders

Ella Frances Sanders

Die Japaner haben sowieso die schönsten Wörter. Etwa "Boketto", ziellos in die Ferne schauen, ohne an etwas Bestimmtes zu denken. Dass viele Wörter die kulturellen Grenzen aufheben, weil man sofort weiß, was gemeint ist, zeigt das hawaiianische Wort "Akihi", das unbedingt erfunden gehörte - beschreibt es doch erstmals den Zustand, der eintritt, wenn man sich eine Wegbeschreibung anhört, dann losläuft und sie augenblicklich wieder vergisst. Aus dem Deutschen fand die Autorin die Wörter Kummerspeck, Warmduscher, Kabelsalat und Waldeinsamkeit interessant. Die ost-kanadischen Inuit hingegen kennen folgendes Phänomen:

"Iktsuarpok: Wenn man immer wieder hinausläuft, um nachzusehen, ob jemand vorbeikommt."

Eine Entfernung, die ein Rentier bequem zurücklegen kann.

"Iktsuarpok" dürfte uns in Zeiten von Whats-App abhandengekommen sein. Und auch dass die Finnen "Poronkusema" sagen, wenn sie die Entfernung meinen, die ein Rentier bequem zurücklegen kann, bevor es eine Pause braucht - das braucht uns hierzulande nicht wirklich zu interessieren. Aber ist es nicht ganz wunderbar, dass dafür ein Wort existiert? Viele Wörter dieses Bandes spiegeln das Land ihrer Herkunft. Ohne Klischees festigen zu wollen, überrascht es wenig, dass die Italiener ein kompaktes Wort dafür haben, wenn man vollkommen von etwas ergriffen ist. Auch, dass im Land Dostojewskis knapp und bündig ausgedrückt werden kann, wie es ist, wenn man jemanden anschaut, den man mal geliebt hat, wundert kaum:

"Razliubit"

Inspiration für das eigene Kopfkino

Anders sieht es mit einem Wort aus der Sprache Tulu aus, das man in Teilen Südwestindiens spricht:

"Karelu. Substantiv. Der Abdruck, der auf der Haut zurückbleibt, wenn man etwas zu Enges getragen hat."

Warum nun ausgerechnet dieses Wort dort populär ist, erfährt man leider nicht. Überhaupt bleibt einiges offen: Aussprachehilfen wären wünschenswert, Stichworte zu den einzelnen Sprachen, ihrer Herkunft, ihr Verbreitungsgebiet. Andererseits wirken so die Wörter ganz für sich, frei von kontextuellem und theoretischem Ballast. Sie lassen Interpretations- und Erinnerungsspielraum. Sie inspirieren das eigene Kopfkino. Sie schaffen Verwandtschaften zu anderen Kulturen oder beflügeln die Neugier - was vielleicht noch viel schöner ist als allzu genaues Hintergrundwissen. Eines jedenfalls sollten Sie mit diesem bezaubernden Büchlein nicht tun: Tsundoku - was so viel heißt wie:

"Ein Buch ungelesen lassen, nachdem man es gekauft hat, und es zu den anderen ungelesenen Büchern legen."

Stand: 15.07.2017, 13:32