Dündar beschwört Werte der Demokratie

Moderator Osman Okkan (links) und der Journalist Can Dündar (rechts)

Dündar beschwört Werte der Demokratie

Von Martin Teigeler

  • Podiumsdiskussion auf der Litcologne zur Lage in der Türkei
  • Journalist Can Dündar betont Wert der Meinungsfreiheit
  • Spendensammlung für Inhaftierte gestartet

Die Lage in der Türkei - fast überall wird derzeit darüber gestritten. Beim Krisen-Frühstück des deutschen und türkischen Außenministers, in den sozialen Medien, auf der Straße - und am Mittwochabend (08.03.2017) auch auf der Litcologne. Im ausverkauften Sendesaal im WDR-Funkhaus am Wallrafplatz wurde der türkische Journalist Can Dündar mit viel Beifall begrüßt. Das Kölner Publikum - darunter auch einige Deutschtürken - wollte Solidarität zeigen, die "Freiheit des Wortes" - so das Motto der Veranstaltung - feiern.

"Nicht nur gut fühlen"

Moderator Osman Okkan führte durch den gut zweistündigen Abend. Gleich zu Beginn ermahnte der vergrippte Okkan das Publikum, es könne nicht darum gehen, sich "nur gut zu fühlen, sondern auch praktisch etwas zu tun". Im Mittelpunkt des Interesses stand Dündar, der ehemalige Chefredakteur der türkischen Tageszeitung "Cumhuriyet". Er lebt in Deutschland im Exil, ist von hier aus weiter Publizist. Aufgrund seiner kritischen Berichte droht ihm in der Heimat eine Haftstrafe. Präsident Recep Tayyip Erdogan ertrage keine Kritik, sagte Dündar laut Simultanübersetzer. Darum sei auch der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel in der Türkei inhaftiert worden.

Kritik an Bundesregierung

Journalist Can Dündar (links), Leiter der Abteilung Kultur und Kommunikation im Auswärtigen Amt Andreas Görgen (rechts)

Can Dündar und Andreas Görgen vom Auswärtigen Amt

Dündar hat selbst schon im Istanbuler Hochsicherheitsgefängnis gesessen. Er erinnerte an die zahlreichen Menschen, die derzeit unschuldig in der Türkei inhaftiert seien - verunglimpft von der Regierung als Terroristen oder Terrorhelfer. Und Dündar kritisierte die Bundesregierung: Wenn sie schon bei den ersten Festnahmen von Journalisten klarer Position gegenüber der türkischen Regierung bezogen hätte, säße Yücel jetzt wohl nicht im Gefängnis. Auch der Autor Günter Wallraff warb für mehr politischen Druck und Proteste - am besten direkt vor den Gefängnissen.

"Ich kann noch nicht schreiben"

In einem bewegenden Kurz-Interview wurde Asli Erdogan via Skype in Köln zugeschaltet. Die Schriftstellerin war bis Ende 2016 im Gefängnis. Ihr wird unter anderem Mitgliedschaft in der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK vorgeworfen. Noch immer droht ihr lebenslange Haft - und sie darf das Land nicht verlassen. Asli Erdogan betonte die Bedeutung der praktischen Solidarität mit den Gefangenen - ihr habe das in der Haft gut getan. Auch Öffentlichkeit helfe den Inhaftierten.

Sie betonte, dass aus der jetzigen Krise Kraft erwachsen müsse für demokratische Verbesserungen in der Türkei. "Man muss glauben, dass man die Welt ändern kann", sagte die Schriftstellerin. An einem neuen Roman könne sie derzeit nicht arbeiten: "Ich kann noch nicht schreiben." Ihr Arbeitszimmer sei von Polizisten verwüstet worden.

Was tun?

Journalist Günter Wallraff, Moderator Osman Okkan, Journalist Can Dündar und der Leiter der Abteilung Kultur und Kommunikation im Auswärtigen Amt, Andreas Görgen (l-r)

Das Podium: Günter Wallraff, Osman Okkan, Can Dündar und Andreas Görgen (l-r)

Die Schauspielerin Bibiana Beglau las aus einem Roman von Asli Erdogan vor. Danach rangen die Diskussionsteilnehmer um die Frage, was man von Deutschland aus tun kann für die Demokratie in der Türkei. Andreas Görgen vom Auswärtigen Amt betonte, die Bundesregierung setze sich unermüdlich ein für Yücel. Wallraff übernahm dann die Regie und ließ große Spendenkörbe durch die Reihen gehen - "wie in der katholischen Kirche". Zugleich versprach er, den eingesammelten Betrag aus eigener Tasche zu verdoppeln. Die Litcologne-Besucher spendeten eifrig. Das Geld soll in den Rechtshilfefonds des KulturForums TürkeiDeutschland für Inhaftierte fließen.

Dündar erneuerte seine Vorbehalte dagegen, Auftritte von Staatschef Erdogan in Deutschland zu verbieten. Die Meinungsfreiheit sei elementar. Man dürfe auf Erdogan nicht mit den Methoden Erdogans reagieren. Zudem warb der Journalist für einen Dialog unter den türkischen Exilanten. Der Aufbau einer demokratischen Türkei müsse vorbereitet werden - gerade in diesen finsteren Zeiten.

Can Dündar: Schreibt! Erzählt! Seid solidarisch!

WDR 3 Türkei unzensiert | 20.12.2016 | 10:15 Min.

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Stand: 09.03.2017, 09:26