Emmanuelle Loyer - Lévi-Strauss. Eine Biographie

Emmanuelle Loyer - Lévi-Strauss. Eine Biographie

Emmanuelle Loyer - Lévi-Strauss. Eine Biographie

Von Claire-Lise Tull

Ein 1000-Seiten-Meisterstück: Die Historikerin Emmanuelle Loyer legt die erste große Biografie des französischen Anthropologen Claude Lévi-Strauss vor.

Emmanuelle Loyer
Lévi-Strauss. Eine Biographie
Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer
Suhrkamp, 2017
1088 Seiten
58,00 Euro

Laboratoire d’anthropologie sociale

1960 im Westen von Paris. Claude Lévi-Strauss hat gerade sein "Laboratoire d’anthropologie sociale" – kurz LAS - gegründet – ein Forschungsinstitut, das als Brutstätte der strukturalen Anthropologie gilt. Dort werden einmal rund 2 Millionen Karteikarten gelagert werden mit Einträgen über hunderte von Naturvölkern. Was dort noch zu finden ist beschreibt Emmanuelle Loyer auch.

"ein Vervielfältiger, zwei Fotokopierer (Arcor und Polymicro); ein Projektionsapparat für Standbilder; zwei Mikrofilm-Lesegeräte, drei Tonbandgeräte; elektrische Schreibmaschinen: Olivetti, Everest mit großem Schlitten, Olympia, eine Navisphäre."

Jugend und ein Telefonat

So detailreich führt die französische Historikerin durch das Leben und Werk von Claude Lévi-Strauss – langweilig wird es dem Leser dabei nicht.

Der Anthropologe, 1908 in Brüssel geboren, wächst in einer bürgerlich-jüdischen Familie auf. Kunst und Musik prägen seine Kindheit. Später ist es die Politik, die ihn begeistert. Entscheidend für seinen Werdegang ist schließlich ein Telefonat: Lévi-Strauss erhält im Herbst 1934 das Angebot, an der neu gegründeten Universität von Sao Paulo zu lehren. In Brasilien macht der studierte Philosoph seine ersten Feldforschungen und verfällt der Ethnologie. Während des II Weltkrieges geht Levi-Strauss nach New York und es kommt zu einer folgenreichen Begegnung. Er macht Bekanntschaft mit dem Sprachwissenschaftler Roman Jakobson.

"Er ist die Verkörperung eines wissenschaftlichen Modells, das großzügige Bildung mit strengstem theoretischem Ehrgeiz, Kosmopolitismus der Referenzen mit dem potentiellen Universalismus der Fragen verbindet. Und mit diesem ‚großen Mann‘ verkehrt Lévi-Strauss intensiv von 1941 bis 1945, da beide gegenseitig ihre Vorlesungen besuchen."

Strukturalismus

Jakobson betrachtet die Elemente einer Sprache als Einheiten, die getrennt voneinander keinen Sinn ergeben. Man muss sie vergleichen, miteinander in Verbindung setzen, um ihre wahre, oft unbewusste Bedeutung zu entschlüsseln. Genau diesen Ansatz wird auch Claude Lévi-Strauss für die Untersuchung fremder Kulturen anwenden. Sehr ausführlich beschreibt Emmanuelle Loyer, welche Anziehungskraft dieser sogenannter "Strukturalismus" auf eine ganze Generation von Gelehrten hat:

"Die strukturalistische Anthropologie besticht durch Häufung widersprüchlicher, sowohl ästhetischer wie epistemologischer und schließlich politischer Reize. Für manche, die in geschlossenen monographischen Forschungen stecken, löst eine Dosis Lévi-Strauss zunächst eine Empfindung von frischer Luft aus."

Auch wir könnten Wilde sein

Jegliche Hierarchie zwischen den Kulturen wird aufgelöst. Im System der "Strukturen" kann nämlich von Fortschritt oder Zivilisation keine Rede sein.

Claude Lévi-Strauss

Claude Lévi-Strauss

Auch wir könnten Wilde sein, meint Lévi-Strauss. Inzestverbote oder Mythen lassen sich überall wiederfinden – im großen Kaleidoskop der Menschheit. In Loyers Darstellung gibt es wenig Platz für Privates. Zwar erfährt man, dass Lévi-Strauss ein Gourmet war oder Pilze sammelte. Doch der Fokus der Historikerin liegt auf dem wissenschaftlichen Lebenswerk des Anthropologen. Sie zeichnet die Entwicklung einer ganzen Disziplin – der Ethnologie – und das in allen ihren Facetten. Persönliche Zerwürfnisse sind dabei genauso wichtig wie staatliche Zuschüsse oder Abgrenzungen zu anderen Fachgebieten wie Geschichte oder Philosophie.

Ein antimoderner Nonkonformist

Die Historikerin taucht tief in das Denken von Levi-Strauss ein. Sie interpretiert seine Schriften und deren Rezeption ausführlich und nuanciert – mit Blick auf den Kontext, in dem sie entstehen. Loyer rekonstruiert nicht nur die Arbeitsbedingungen des Wissenschaftlers, sondern sein ganzes geistiges Universum.

Emmanuelle Loyer

Emmanuelle Loyer

Durch diese genealogische Feinarbeit gelingt es der Historikerin, einige Widersprüche im Denken von Claude Levi-Strauss ein Stück weit zu erklären – wenn nicht ganz aufzulösen. Der Mann, der maßgeblich zur Erneuerung der Sozialwissenschaften beigetragen hatte, stand nämlich dem Fortschrittsglauben kritisch gegenüber. Obwohl er wie niemand sonst für die Horizonterweiterung des westlichen Beobachters stand, betrachtete Lévi-Strauss die Globalisierung mit großem Unbehagen. Inkonsequenz? Altersbedingter Kulturpessimismus? Für Emmanuelle Loyer eher Kennzeichen eines Freigeistes, den sie "anti-modern" nennt:

"Wenn Lévi-Strauss ein Antimoderner ist, so deshalb, weil er die Tradition dem Konformismus der Konservativen entreißt und, wie Walter Benjamin empfahl, »den Sprengstoff zur Entzündung bringt«. Er ist ein traditionalistischer und antikonservativer Nonkonformist."

Ein großes Porträt

Von solchem Stoff und vom Umfang des Buches sollte sich niemand einschüchtern lassen. Denn die rund 1000 Seiten, die auch zahlreiche Fotos enthalten sind ein Genuss - nicht nur für Experten der Ethnologie, sondern für alle, die sich für die Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts interessieren. Mit Präzision, Eleganz und Scharfsinn liefert Emmanuelle Loyer das erste große Porträt des französischen Anthropologen ab – und eine meisterhafte Intellektuellen-Biographie.

Emmanuelle Loyer - Levi-Strauss. Eine Biographie

WDR 3 Buchrezension | 13.10.2017 | 05:34 Min.

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Stand: 11.10.2017, 14:40