Thomas Lehr - Schlafende Sonne

Thomas Lehr, Schlafende Sonne

Thomas Lehr - Schlafende Sonne

Von Holger Heimann

Thomas Lehr blickt auf die Extreme des 20. Jahrhunderts: "Schlafende Sonne" führt den Leser auf die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs und konfrontiert ihn mit dem verqueren Alltag der DDR.

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Shortlist

Thomas Lehr
Schlafende Sonne
Roman
Hanser Verlag
640 Seiten
28 Euro

Thomas Lehr ist einer der ambitioniertesten Schriftsteller im Land. Er lässt sich Zeit für seine dichten und sehr genau gearbeiteten Bücher. Sein neuer Roman „Schlafende Sonne“ ist Auftakt zu einem dreiteiligen Großprojekt, in dem er nicht weniger als das gesamte deutsche 20. Jahrhundert porträtiert – vom Ersten Weltkrieg bis in unsere Gegenwart. Der Auftaktroman „Schlafende Sonne“ springt zwischen Zeiten und Orten – erzählt vom Gemetzel des Ersten Weltkriegs ebenso wie vom Aufwachen in der DDR.

Zurückblättern ist notwendig

"Es ist sehr anmaßend: Ich bitte mich zweimal zu lesen, im Teil und im Ganzen.“ Das hat Robert Musil dereinst – mit Blick auf seinen unvollendeten "Mann ohne Eigenschaften" – gesagt. Eine zweite Lektüre empfiehlt sich auch bei Thomas Lehrs neuem, umfangreichen Roman "Schlafende Sonne", dem ersten Teil einer geplanten Trilogie. Ja mehr noch: Das wiederholende Lesen, das Zurückblättern ist sogar notwendig, will man den Überblick behalten. Denn Thomas Lehr stößt den Leser in immer neue Erzählräume, springt zwischen Zeiten und Orten, auch die Erzählperspektiven wechseln häufig. Die Hauptfigur des Romans heißt Milena Sonntag. Mit ihr taumelt der Leser gleich zu Beginn in eine Berliner Ausstellung im August 2011 – und zugleich in Milenas Leben. Die junge Künstlerin, 1970 in Dresden geboren, präsentiert vermittelt durch ihre Bilder ihre Sicht auf das deutsche 20. Jahrhundert. Da ist zunächst vor allem ihre eigene DDR-Vergangenheit.

"Erst in der sechsten Stunde kommt ein gewisses Unbehagen auf, weil zwischen einigen aufmüpfigen Schülern und Krasner, dem Lehrer für Staatsbürgerkunde, die Bälle des routinierten Lügentennis (Wir wissen, dass wir glauben machen müssen, wir glaubten.) hin und wieder zu Boden fallen. Krasner ist hundertprozentig und doch irgendwie gummihaft, ein rundlicher, kahlköpfiger, bebrillter Endfünfziger im stets gleichen grauen Anzug, der mir – im Prinzip – recht gibt, wenn ich verlange, wir sollten erst einmal Hegel lesen, damit wir genauer verstehen könnten, wie Marx ihn auf die Füße gestellt hat, um gleich darauf dem (nach mir) ewigen Klassenzweitbesten und FDJ-Ersten Ronny beizupflichten, der den Klassenfeind heraufbeschwört, welcher uns während des jahrelangen Hegel-Studiums mit seinen Pershing-Raketen in aller Seelenruhe den Arsch wegschießen könnte."

Dresden trifft Freiburg im Breisgau

Besser lässt sich Schule in der DDR kaum beschreiben. Es ist frappierend, wie der 1957 in Speyer geborene Autor in wenigen Sätzen die verlogene, verdruckste DDR-Wirklichkeit zu fassen bekommt.

Thomas Lehr

Thomas Lehr

Das Pendant zu Dresden ist Freiburg im Breisgau. Hier, auf der anderen Seite der Mauer, wächst Jonas heran. Thomas Lehr streift die Lebensstationen seines zweiten Erzählers, der später Solarphysiker wird, eher kursorisch. Nur seine Liebschaften und Beziehungen werden ausführlich ausgebreitet. Immer wieder steigt der Leser mit Jonas ins Bett. Und das mit Freude. Denn selten hat man in der deutschen Literatur Erotik und Sex, Lust und Körperlichkeit genauer und expliziter beschrieben gefunden als hier. Zum Höhepunkt wird die erste gemeinsame Nacht von Jonas und Milena in Göttingen, wo sich beide Studenten 1995 treffen und verlieben.

"Der Anblick der fast noch kindlich wirkenden Hüfte, des glatten, noch ganz flachen Bauchs, ließ ihn aus seiner gebückten Haltung in die Knie gehen. Spröde stellten sich die Papierbögen auf der nachgiebigen Matratze in die Höhe. Neben Milenas Schultern zu knien wie ein herbeigeeilter Rettungssanitäter (FKK-Einheit), erschien ihm unpassend, und er wollte sich noch einmal aufrichten, umdrehen und tiefer lagern, als sie ihn mit einem leichten, wie pflückenden Griff an den Hoden zu sich heranzog."

Liebe, Leid und Krieg

Später heiraten Jonas und Milena, bekommen Kinder. Doch die Ehe gerät in die Krise. Am Tag der Ausstellung ist offen, ob beide noch einmal zueinander finden. Milena ist aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen. Jonas plagt die Eifersucht auf Rudolf, Milenas früheren Professor, zu dem sie sich immer schon nicht nur geistig hingezogen fühlte. Der unorthodoxe Philosoph ist die dritte wichtige Figur in Lehrs Erzähltableau. Er war es, der Milena für das Philosophiestudium in Göttingen begeisterte. Milena hat ihr Studium zwar schließlich abgebrochen, weil sie erkannte, dass sie sich in der Malerei besser ausdrücken kann. Die Göttinger Erfahrung bleibt jedoch wichtig und mündet in ihre künstlerische Beschäftigung mit dem Ersten Weltkrieg.

Milenas Sicht auf das Kriegsgeschehen ist dabei naturgemäß eine nachträgliche. Doch Thomas Lehr ergänzt ihre künstlerisch vermittelte Betrachtung durch eine zweite Erzählperspektive. Dazu führt er den zum Zeitpunkt der Ausstellung 106 Jahre alten Göttingen Kunstsammler Friedrich Bernsdorf ein, der mit den anderen zentralen Figuren jedoch nur lose verknüpft ist. Für Bernsdorf speist sich das Grauen des Ersten Weltkrieges aus der Erinnerung. Der Vater des jungen Friedrich kommt als Soldat an die Front. Das Gemetzel wird für ihn zur extremen Erfahrung.

"Es ist wie der Schlag eines riesigen, mit unendlicher Geschwindigkeit alles durchschneidenden anatomischen Schwertes, der für einen Sekundenbruchteil (bevor Rauch, Feuer, Blut und Dreck jedes Element des Bildes in den infernalischen Morast versenken, der sich auf drei Kilometern Länge mit einer Vermengung aus Erde, Draht, Eisenstücken, Lumpen, Stahl und Leichen bis zu den schrundig zerhackten Mauern der gegnerischen Festung hinzieht) alles säuberlich im Querschnitt präsentiert, Schädelknochen, Gehirn, Zunge, Gaumen, Kiefer, Kehlkopf, Schulterregion."

Ein forderndes wie lohnendes Großprojekt

Thomas Lehr hat ein enorm dichtes und virtuos komponiertes Buch geschrieben, in dem Handlungsstränge und Personen auf vielfältige und komplexe Weise miteinander verknüpft sind. "Schlafende Sonne" ist dabei nur der Auftakt zu einer literarischen Tour de Force durch das extreme deutsche 20. Jahrhundert. Mit dem zweiten Band, an dem Lehr schon arbeitet, kehrt er zurück in die Zeit der Weimarer Republik und des beginnenden Faschismus, der dritte Band führt dann auf die Schlachtfelder des Zweiten Weltkriegs. Thomas Lehrs Großprojekt ist dabei durchaus selbst extrem – in der inhaltlichen Ambition und in der ästhetischen Umsetzung. "Schlafende Sonne" fordert den Leser. Die Anstrengung aber lohnt sich.

Thomas Lehr - Schlafende Sonne

WDR 3 Buchrezension | 29.09.2017 | 05:59 Min.

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Stand: 28.09.2017, 15:39