László Darvasi - Wintermorgen

László Darvasi - Wintermorgen

László Darvasi - Wintermorgen

Von Andreas Wirthensohn

László Darvasi erkundet in seinen Büchern die finsteren Abgründe der menschlichen Seele. Besonders eindringlich kommt seine Kunst der Verrätselung und Verdichtung in der Form der Novelle zur Geltung.

László Darvasi
Wintermorgen. Novellen.
Aus dem Ungarischen von Heinrich Eisterer
Suhrkamp, Berlin 2016
348 Seiten
24,00 Seiten

Ein Lachen in der Finsternis

In einem Interview berichtete László Darvasi jüngst von einem Erlebnis, das er als junger Mann hatte. Eines Tages habe er seine Großmutter tot auf dem Boden in der Küche gefunden, doch statt erschrocken oder erschüttert zu sein, habe er nicht anders gekonnt, als laut zu lachen. Er habe sich in diesem Moment wie von außen gesehen, so als würde nicht er, sondern ein Fremder lachen. Genauso gehe es ihm mit dem Schreiben. Nun, gestorben wird tatsächlich viel in den Geschichten des ungarischen Autors, zumeist auf natürliche Art, nicht selten aber auch gewaltsam und von fremder Hand. Insofern haftet ihnen naturgemäß etwas Tragisches und Düsteres an. Und doch ist bei aller Finsternis das Lachen nie weit entfernt, eine Komik, die gerade aus dieser Distanziertheit resultiert. Wie in der Geschichte vom Vater, der sich bei einem Sturz von der Leiter schwer verletzt.

"Ich wurde nicht gesund. Ich blieb so, wie ich war, bewegungsunfähig, wie ein Misthaufen, der höchstens größer werden kann. Alles rückte in die Ferne und alles war überaus klar. Zum Beispiel, was wichtig war und was nicht. Ich lag im hinteren Zimmer, unter unserem Hochzeitsfoto, im knarrenden Ehebett. Hier war sie gestorben, meine bessere Hälfte. Meine Frau war auf schöne Weise dahingegangen, hatte nachts noch ein paarmal gezuckt, ich machte das Licht nicht an, ich stand nicht einmal auf, weil ich an ihrem Röcheln hören konnte, dass es ohnehin schon egal war. Gott segne dich, Mari, sagte ich und streichelte sie.
Zur Antwort röchelte sie.
Am Morgen betrachtete ich sie eingehend, sie lebte tatsächlich nicht mehr. Ich sah, dass sie nicht sehr hatte leiden müssen. Ich sah es daran, dass ihre Augen geschlossen waren. Nun lag ich also hier in diesem Bett."

Der Gelähmte und der Kleinkiller

László Darvasi

László Darvasi

Schon bald aber fällt der Gelähmte seinem Sohn und der Schwiegertochter zur Last, und so verkaufen sie ihn auf dem Markt. Ein Unternehmer ersteht ihn für ein paar tausend Forint und legt ihn in Budapest an belebten Straßen ab, damit er dort für ihn bettelt. Dann wird der Krüppel weitergereicht, fungiert als Kunstobjekt in einer Ausstellung und wird für Film- oder Theaterproduktionen verliehen. Schließlich landet er irgendwann auf der Straße und dann im Gefängnis. Dort teilt er sich die Zelle mit einem sogenannten "Kleinkiller", der ihm eines Tages erklärt:

"Alter, wir sterben sowieso, sagte er und biss ein halbes Hotdog weg. Ketchup spritzte mir ins linke Auge. Weißt du, Alter, ich töte gerne. Wieder biss er ein Stück ab. Jetzt spritzte mir Ketchup ins rechte Auge. Ich konnte nichts mehr sehen. Es wurde dunkel, ketchupdunkel. (…) Ich hörte, wie der Kleinkiller versonnen vor sich hin schmatzte.
Für dich ist es besser und für mich auch, schmatzte er.
Ich verstand, was er sagen wollte. Ich hätte genickt, hätte ich nicken können. Ciao, Alter, sagte Kleinkiller und senkte seine gewaltigen, schützenden Hände auf mein Gesicht."

Gewalt und Tod

Der Ich-Erzähler befindet sich also zum Zeitpunkt des Erzählens schon im Jenseits, er erzählt die Geschichte nicht uns, sondern sich selbst und vor allem Gott, dem, wie er findet, treuesten Zuhörer, den es gibt. Gewalt und Tod geschehen in diesen Novellen oft fast beiläufig, ohne wirklichen Grund. Man schlägt halt zu oder ertränkt, wie ein furchtbar dickes Mädchen, soeben mal ein paar Jungs beim Baden im Meer. Einmal kommt sogar eine ganze Militärkapelle ums Leben, als der Bus auf dem Weg zu einem Konzert in einer Nervenklinik verunglückt. Nur der Trommler überlebt und macht sich trotz leichter Verletzungen pflichtbewusst auf in die Anstalt.

"Sie allein, Herr Tambour?, fragte der Direktor. Er war im weißen Kittel, vielleicht hatte er sich gerade gekämmt, denn auf seinen Schultern lagen Schuppen.
Es hat sich so ergeben, Herr Direktor.
Gibt es eine Erklärung dafür?
Selbstverständlich“, antwortete der Trommler.
Ich verstehe, nickte der Direktor. Konnten die anderen wirklich nicht kommen?
Unter keinen Umständen, Herr Direktor."

László Darvasi - Wintermorgen

WDR 3 Buchrezension | 20.03.2017 | 06:11 Min.

Download

Ein Leuchten inmitten von Finsternis, Mühsal und Gewalt

Darvasis kurze Novellen entsprechen beinahe idealtypisch der Goethe’schen Gattungsdefinition: Sie schildern eine unerhörte Begebenheit, sie sind straff komponiert und sie verhandeln in verdichteter Form – oft ohne konkrete zeitliche und räumliche Verortung – grundlegende Fragen menschlicher Existenz. Berichtet wird von den Rändern der Gesellschaft, von Außenseitern und von Menschen, die auf der Schattenseite des Lebens stehen. Und doch leuchtet inmitten der Finsternis, der Mühsal und der Gewalt immer wieder so etwas wie menschliche Wärme, ja, wie Liebe auf. Etwa in der Geschichte zweier Hundehalter, die aneinandergeraten, als der echte Hund namens Pinschi den ausgestopften Hund des namens Burkus zerfetzt, woraufhin der Besitzer von Burkus Pinschi mit einem Tritt in den Tod befördert. Doch aus dem Streit wird Freundschaft, als der Mann der Frau anbietet, ihren toten Hund ebenfalls ausstopfen zu lassen:

"Wenn er fertig ist, nehmen Sie ihn mit heim. Oder Sie können ihn auch hierlassen. Er wird sich mit Burkus zusammen wohlfühlen, und Sie können jederzeit kommen, um…um ihn sich anzusehen. Oder um Erinnerungen nachzuhängen. (…) Und die Frau kam tatsächlich, um sich Pinschi anzusehen, einige Tage später klopfte sie wieder an, bis ihre Besuche schließlich zur Regel wurden und immer länger dauerten, dabei goss sie häufig die Blumen, fegte, staubte Bücher ab oder tischte mitgebrachte Sandwiches auf. Eines Tages, während sie die Hunde betrachteten und sich den Erinnerungen hingaben, berührte er sie an der Schulter."

Stand: 20.03.2017, 09:05