Enrique Vila-Matas - Kassel. Eine Fiktion

Enrique Vila-Matas - Kassel. Eine Fiktion

Enrique Vila-Matas - Kassel. Eine Fiktion

Von Brigitta Lindemann

Lebendes Kunstwerk im Chinarestaurant: Vila-Matas schreibt seinen Dokumenta-Roman.

Enrique Vila-Matas
Kassel. Eine Fiktion
Die Andere Bibliothek, 2017
300 Seiten
42,00 Euro

Wie das Leben oder die Kunst so spielt

Mit seinem Autor Enrique Vila-Matas teilt der namenlose Ich-Erzähler die biographischen Daten: den Geburtsjahrgang 1948; den Geburts- und Lebensort Barcelona; den Beruf Schriftsteller. Vielleicht eint sie auch die im Fortgang der Handlung auftretenden idiosynkratischen Eigenheiten: Angstzustände und Schlaflosigkeit; ganz gewiss aber die ästhetischen und erkenntnistheoretischen Vorlieben und Abneigungen. Der Stein der Weisen, die blaue Blume - unter der Entdeckung des Letztgültigen tut der Held es nicht. Und wie das Leben oder die Kunst so spielt: Eines Morgens ruft ihn eine junge Frau an, stellt sich vor als Sekretärin eines Ehepaars McGuffin und erklärt, ihm in deren Auftrag ein unwiderstehliches Angebot unterbreiten zu wollen. Auf Nachfrage erfährt der Ich-Erzähler, es gehe um nicht weniger als das Geheimnis des Universums und seine Enthüllung.

Es existiert kein Ehepaar McGuffin, wie sich bald herausstellt: hinter ihm verbirgt sich die künstlerische Leitung der dOCUMENTA13. Die hatte den Autor Vila-Matas 2012 als writer-in-residence geladen und Vila Matas schickt seinen Erzähler zur Kasseler Kunstschau in ebendieser Funktion. Was den Autor bewogen hatte, zuzustimmen, muss offen bleiben - der Erzähler jedenfalls ist angetan von der humoristischen Posse und beharrt eigensinnig auf dem unlauteren Versprechen, hier dem Geheimnis des Universums auf die Spur zu kommen.

"Fast überall sonst auf der Welt hatte das Intellektuelle einen rasanten Absturz erlebt und die Kultur sich extrem trivialisiert. Doch Kassel hatte sich noch etwas Romantisches bewahrt. Es war ein Paradies für jene, die intellektuelle Inspiration, theoretische Diskussionen, die Eleganz mancher Spekulationen liebten. Die Stadt lud zur Unlogik ein, die den Weg zu einer ungeahnten Logik freimachte."

Für das intensivere Leben

"Kassel no invita a la lógica", heißt Vila-Matas Roman im Original. Durch die der herkömmlichen Logik sich verweigernde, eben darum höheres Wissen verheißende Stadt streift der Erzähler als unermüdlicher Betrachter und Bewunderer. Stets auf der Suche nach dem avantgardistischen Kunstwerk, das für das völlig Andere, das nie gesehene Besondere einsteht. Für das intensivere Leben.

Enrique Vila-Matas

Enrique Vila-Matas

Der ungeliebten Aufgabe als writer-in- residence entgeht er dennoch nicht. Sie verlangt ihm ab, täglich etliche Stunden im Dschingis Khan, einem am Stadtrand liegenden, kaum frequentierten China-Restaurant das Handwerk des Schreibens vorzuführen. Der Literat wird zur Installation, was ihn ebenso kränkt wie langweilt, weshalb er beschließt, ein imaginäres Stellvertreter-Ego namens Autre dort hocken und sich beglotzen zu lassen. Autre besitzt ein eher schlichtes Gemüt, darum gesellt ihm der Erzähler ein elaborierteres Selbst bei: Piniowsky, nach einer Romanfigur von Joseph Roth.

Und so räsonieren Erzähler, Autre und Piniowsky und philosophieren, reißen blöde Witze, teilen einander und anderen ihre künstlerischen, vor allem literarischen Präferenzen mit und schlagen aus nach allen Seiten, wo ihnen missfällt, was der Fall ist.

Nur als ästhetisches Phänomen, hatte Nietzsche verkündet, sind Dasein und Welt auf ewig gerechtfertigt. Vila-Matas Erzähler ist sein Prophet, dem zuteilwird der überwältigende, lang ersehnte, einzig rechtfertigende ästhetische Moment.

"Die Kunst war tatsächlich etwas, das mir widerfuhr. Und die Welt schien wieder neu, von einem unsichtbaren Schub bewegt. Alles war so entspannt und staunenswert, dass man gar nicht mehr aufhören konnte hinzuschauen. Gesegnet sei der Morgen, dachte ich."

Im Ernst und im Spaß

Einmal wird dem Helden bedeutet, es sei auffällig, dass er häufig zur gleichen Zeit im Ernst und im Spaß spreche. Das stimme, antwortet der. Aber man täte gut daran, alles gleich ernst zu nehmen. Diese Antwort kann ernst gemeint sein oder im Spaß gesagt.

Das anfangs erwähnte inexistente Ehepaar McGuffin, das den Schlüssel zum Geheimnis des Universums zu besitzen vorgab, war - so viel war klar - ein Witz. Der McGuffin aber existiert ganz im Ernst. Er ist eine Art fake. Eine notwendige Illusion. Er schafft Spannung aus dem Nichts. Wehe dem, der keinen McGuffin hat, der ihn treibt. Er stürbe an Langeweile.

Was nun der Leser für einen McGuffin hält: die Stadt Kassel oder ihre Kunstschau oder die Personage: Autor, Erzähler, Dokumenta-Macher, Künstler - und sich als Leser gleich mit - den gesammelten Weltballast also, das bleibt gnädig ihm selbst überlassen.

Stand: 08.06.2017, 12:14