Kanae Minato - Geständnisse

Kanae Minato, Geständnisse

Kanae Minato - Geständnisse

Von Barbara Geschwinde

Wie verhält man sich, wenn der Mörder direkt nebenan ist? Der vielschichtige Roman "Geständnisse" ist eine Gesellschaftsanalyse, ein psychologischer Roman und ein Krimi zugleich.

Kanae Minato
Geständnisse
Aus dem Japanischen von Sabine Lohmann
C. Bertelsmann Verlag, 2017
272 Seiten
16,99 Euro

Kein Unfall, sondern Mord

Die vierjährige Manami wird tot in einem Swimmingpool gefunden; alle Indizien sprechen dafür, dass es sich um einen tragischen Unfall handelt. Die Mutter des Mädchens - Yuko Moriguchi - ist Lehrerin an einer japanischen Mittelschule. An ihrem letzten Schultag teilt sie den Schülern mit, dass sie sich aus dem Lehrerberuf zurückzieht. Nachdem sie ganz allgemein über ihre Motive spricht, warum sie Lehrerin geworden ist und von ihren Erfahrungen erzählt, nähert sie sich langsam dem eigentlichen Thema an: sie weiß, dass der Tod ihrer Tochter kein Unfall, sondern Mord war. Genauer gesagt haben zwei der 13-jährigen Schüler aus ihrer Klasse Manami umgebracht.

"Ihr fürchtet euch wohl auch ein bisschen, im selben Raum mit jemandem zu sitzen, der zu so einem Verbrechen fähig war, aber vor allem ist es die Neugier, die euch jetzt zu schaffen macht. Außerdem kann ich euch ansehen, dass manche von euch erraten haben, wer die Mörder sind, und dass manche es sogar schon wissen. Doch was mich wirklich schockiert, ist, dass die Mörder so gelassen dasitzen, während ich euch dies alles erzähle.
Nein, vielleicht ist "schockiert" nicht ganz das richtige Wort. Denn ich weiß auch, dass einer der beiden Mörder tatsächlich möchte, dass sein Name bekannt wird."

Erkenntnisse

Yuko Moriguchi ist Naturwissenschaftlerin und trägt den Schülern ihre Erkenntnisse in einem sehr nüchternen und sachlichen Monolog vor. Es klingt beinahe so, als würde sie mit sich selbst reden. Nur selten geht sie auf Einwürfe der Schüler aus der Klasse ein und behält den lakonischen Tonfall bei.

"Nicht aus Edelmut halte ich die Identität von A und B geheim. Ich habe der Polizei nichts gesagt, weil ich der Justiz nicht zutraue, sie angemessen zu bestrafen. A hatte Manami töten wollen, war dann aber nicht der Verursacher ihres Todes, während B sie nicht hatte töten wollen und doch ihren Tod bewirkt hat. Würde ich sie der Polizei ausliefern, dann würden sie vermutlich nicht mal in eine Erziehungsanstalt kommen; ihre Strafe würde auf Bewährung ausgesetzt werden, und die ganze Sache wäre vergessen."

Sechs Kapitel und Blickwinkel

Kanae Minato

Kanae Minato

Rache ist das Ziel von Yuko Moriguchi; nicht Gerechtigkeit. Denn ihre Tochter bekommt sie nicht zurück. Der Roman hat sechs Kapitel mit Schilderungen der Ereignisse von verschiedenen Personen aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Dabei werden tabuisierte Themen der japanischen Gesellschaft angesprochen wie Aids, Selbstmorde unter Jugendlichen, Gewalt und Mobbing, wie eine Mitschülerin des Mörders schreibt:

"Eines Tages fanden wir alle die gleiche SMS auf unseren Handys vor: „Seid ihr die Richter! Sammelt Punkte für jeden Schlag gegen Shuya, den Killer!“ Das System war einfach:

Jedes Mal, wenn man Shuya eins auswischte, schickte man die Details per SMS an jene Nummer und bekam Punkte zugeteilt. Samstags wurde das Ganze dann jeweils ausgewertet, und derjenige mit den wenigsten Punkten wurde als "Killerfreund" bezeichnet, worauf ihn vom folgenden Montag an die gleiche Behandlung wie Shuya erwartete."

Variante der "Rashomon"-Geschichte

In weiteren Kapiteln kommen die Mutter des Mörders, seine Schwester oder der Mörder selbst zu Wort. "Geständnisse" erzählt die Geschichte eines Mordes und ist damit die Variante der "Rashomon"-Geschichte. Rashomon ist ein Spielfilm des Regisseurs Akira Kurosawa, der auf zwei Kurzgeschichten von Ryunosuke Akutagawa basiert. Darin wird die Geschichte des Mordes an einem Samurai erzählt. Vom Richter befragt, lassen die Zeugen aus unterschiedlichen Motiven Details weg oder ergänzen die Geschichte, um in einem besseren Licht dazustehen. Alle Geständnisse klingen plausibel. Dennoch ergeben die verschiedenen Versionen des Mordes völlig unterschiedliche Geschichten. In Rashomon stellt sich die philosophische Frage, ob es eine objektive Realität überhaupt geben kann. Und: welche Bedeutung haben Erinnerung und Wahrheit? Die Schriftstellerin Kanae Minato schreibt im Stil von Ryunosuke Akutagawa, nach dem der renommierteste japanische Literaturpreis benannt ist.

Eine fesselnde Gesellschaftsanalyse

Modern ist, dass die Geschichte im heutigen japanischen Schul-Milieu angesiedelt ist - mit extremem Leistungsdruck und Mobbing unter Schülern. Das Phänomen des Hikikomori wird aufgegriffen, also dass sich ein junger Mensch aus der Gesellschaft zurückzieht, indem er sich weigert, die Schule zu besuchen und nur noch in seinem Zimmer hockt. Der Mörder kann dem Erwartungsdruck nicht mehr standhalten. Gedeckt wird er von der Mutter, die ihren Sohn beschützen möchte; während der Vater von all dem nichts mitbekommt, da er immerzu arbeitet. Wie der Sohn, der ungewollt zum Mörder wurde, das selber sieht, erfahren wir in seinem Kapitel. Die Autorin spielt mit Opfer- und Täterrollen und führt dem Leser vor Augen, dass die Kategorien Gut und Böse nicht immer eindeutig sind. "Geständnisse" von Kanae Minato ist eine Gesellschaftsanalyse, ein psychologischer Roman und ein Krimi zugleich. Er ist vielschichtig, fesselt und nimmt immer wieder überraschende Wendungen.

Kanae Minato - Geständnisse

WDR 3 Buchrezension | 07.06.2017 | 05:14 Min.

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Stand: 07.06.2017, 09:20