Juli Zeh - Leere Herzen

Juli Zeh - Leere Herzen

Juli Zeh - Leere Herzen

Von Jutta Duhm-Heitzmann

Eine steigende Selbstmordrate als Reaktion auf das sinnentleerte Leben in einer saturierten Gesellschaft, die sich für nichts mehr wirklich interessiert? In ihrem Roman "Leere Herzen" wirft Juli Zeh den Blick in eine Zukunft, die schon Gegenwart ist.

Juli Zeh
Leere Herzen
Luchterhand Verlag, 2017
352 Seiten
20,00 Euro

Britta

"Britta hat große Lust auf die Wahrheit. Die Wahrheit ist, dass seit Jahren niemand mehr weiß, was er denken soll."

Britta, Ende dreißig und erfolgreiche Therapeutin, lebt wohlsituiert mit Mann und Kind in Braunschweig, einer dieser mittelgroßen Städte, in denen zu wohnen jetzt angesagt ist – Großstadt war gestern. Stolz auf ihren klaren, kühlen Blick verfolgt sie Entwicklungen, ob in Menschen oder in der Politik. Bei den letzten Wahlen hat die BBB, „Bewegung Besorgter Bürger“, haushoch gewonnen und die ewige Kanzlerin Merkel aus dem Amt gejagt. Nun bastelt die BBB-Vorsitzende mit ihren Leuten an Gesetzen, die das Parlament entmachten und die Bundesrepublik schrittweise in einen entdemokratisierten Staat verwandeln werden, ähnlich wie in vielen Nachbarländern auch. Und das alles ohne relevante Proteste, denn die lethargische und uninteressierte Gesellschaft will einfach nur ihre Ruhe haben. Politik, so auch Britta achselzuckend, ist wie das Wetter:

"Sie findet statt, ganz egal, ob man zusieht oder nicht, und nur Idioten beschweren sich darüber. Dunkel erinnert sie sich, dass es einmal anders war. (...) Wann das gewesen ist, weiß sie nicht mehr so genau; definitiv vor Flüchtlingskrise, Brexit und Trump, lange vor der zweiten Finanzkrise und dem rasanten Aufstieg der Besorgte Bürger Bewegung. In einer anderen Zeit."

Es gibt nichts mehr, an das man glauben kann

In dieser saturierten Gesellschaft ohne Mut und Visionen – sieht man von der BBB ab, die genau weiß, was sie will – steigt die Suizidrate dramatisch an, während gleichzeitig die Zahl der Terroranschläge sinkt: Es gibt nichts mehr, an das man glauben kann. Der Hit der Saison, immer wieder zitiert, wird von einer Zwölfjährigen gesungen:

"Full Hands, Empty Hearts/ It’s a Suicide World Baby"

Juli Zeh

Juli Zeh

Menschen bringen sich um für nichts – was für eine Verschwendung! Gemeinsam mit dem erfinderischen Computernerd Babak hat Britta deshalb die therapeutische Praxis „Brücke" gegründet für – so die offizielle Beschreibung - „Life-Coaching, Self-Managing und Ego-Polishing“. Im Geheimen aber ermitteln die beiden mit Hilfe eines genialen Algorithmus potentielle Selbstmörder und verkaufen sie - nach gründlichen Tests und mit deren Einwilligung - an Organisationen, die spektakuläre Terroranschläge zu Reklamezwecken brauchen: Umweltaktivisten, kämpferische Tierschützer, zahlenmäßig geschrumpfte Islamisten. Ein lukratives Geschäft.

"Das letzte Jahr der „Brücke“ ist mit Frexit, Free Flandern und Katalonien First! Gut gelaufen, so dass es höchste Zeit wird, sich wieder einmal um die Finanzhygiene zu kümmern."

Empty Hearts

Doch plötzlich fliegt ihnen das austarierte Konstrukt um die Ohren: eine Konkurrenzorganisation namens "Empty Hearts" knackt den Algorithmus und fischt potentielle Kunden ab. Daneben bietet auch ein undurchsichtiger, erschreckend wohlinformierter Geschäftsmann ungefragt und aufdringlich seine Hilfe an. Britta, Babak und Juliette, eine ihrer potentiellen Suizid-Kandidatinnen, müssen eine neue Strategie entwickeln, um Konkurrenz und bedrohliche Mitwisser auszuschalten. Sie tauchen ab. Aufgeben wollen sie nicht:

"Die Brücke ist Teil des natürlichen Kreislaufs aus Krieg und Befriedung und erneutem Krieg. Britta ist das genug, um zu wissen, dass ihre Arbeit einen Sinn ergibt. Es geht immer um ein Gleichgewicht der Kräfte, um ein Ausbalancieren von Chaos und Ordnung, Sauberkeit und Schmutz. Ihr reicht es, auf der sauberen Seite zu stehen."

Mentale Feldforschung

Ironisch-kluge und griffige Sätze. Juli Zeh ist eine leidenschaftlich genaue Beobachterin, die das Beobachtete so lange abstrahiert und verlängert, bis es ins Mark der aktuellen Befindlichkeit trifft. Denn natürlich geht es in ihrem Roman "Leere Herzen" nicht um irgendeine nahe Zukunft, sondern ums Aufspießen bedrohlicher Entwicklungen im Heutzutage: den – wie es gerne genannt wird - Glaubwürdigkeitsverlust der Demokratie, sprich das jammernde Desinteresse und wohl auch die Hilflosigkeit einer saturierten Gesellschaft, der es doch so gut geht wie selten. Klaräugig bis hin zu einem Zynismus, der eher aufscheuchen will als wohlfeil alles runter zu machen, spickt die Autorin den Roman mit wie beiläufig daherkommenden Boshaftigkeiten und überraschenden Ergebnissen ihrer eigenen mentalen Feldforschung.

"Du kapierst es nicht. Juliette nippt an ihrem Tee. Nicht ich leide, Wir alle. Das ist das Problem. In einer Welt, in der sich die, denen es am besten geht, am beschissensten fühlen, ist etwas grundverkehrt."

Ein Politthriller

Juli Zehs "Leere Herzen" ist ein spannender, dystopisch gefärbter Politthriller, kein großer Wurf wie George Orwells "1984" oder Michel Houllebecqs "Unterwerfung", dazu bleiben die Figuren zu flach und das Setting, trotz der originellen "Brücke"-Idee, ziemlich klischeehaft. Aber er liest sich leicht weg. Und macht dabei, ohne Lösungen anbieten zu wollen, ganz schön nachdenklich - ein durchaus erwünschter Nebeneffekt.

"Nachrufe auf einen verstorbenen Freund. Ruhe sanft, öffentlicher Diskurs, du warst der größte Gastgeber aller Zeiten. Hattest immer Platz an deinem Tisch (...), konntest Kampf sein und Spiel, aber auch Heimat und Ziel. Wir bleiben zurück, ungetröstet, vereinzelt, verstört."

Juli Zeh - Leere Herzen

WDR 3 Buchrezension | 13.11.2017 | 05:43 Min.

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Stand: 10.11.2017, 14:18