Heimatsuche - auf 600 Kilometern

Feldweg

Heimatsuche - auf 600 Kilometern

Von Katja Goebel

Der Journalist Jörn Klare lebt seit 30 Jahren in Berlin. Eines Tages beschließt der gebürtige Westfale, seinem Heimatgefühl nachzuspüren. Er macht sich auf den Weg. 600 Kilometer zu Fuß - von Berlin bis ins östliche Ruhrgebiet. Das Ergebnis: viele Geschichten und eine Erkenntnis.

Wie kommt ein Mann mit 50 darauf, fünf Wochen lang an den Ort seiner Kindheit und Jugend zurückzulaufen? Aus Sentimentalität? Aus Heimweh? Aus Neugierde? Am Ende sei es vielleicht eine Mischung aus allem gewesen, sagt Jörn Klare über die Idee zu dieser ganz persönlichen Pilgerreise. "Ich fühlte mich auch nach 30 Jahren Berlin im Ruhrpott noch heimischer."  Doch was ist eigentlich Heimat? Um das herauszufinden, geht er der Frage nach. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.

Klare reist als Journalist und Autor seit Jahrzehnten um die ganze Welt, hat aus rund vierzig Ländern berichtet. War in Afghanistan, in Alaska, schreibt Reportagen aus Sambia, Japan und Syrien. Und jetzt also das: ein Fußmarsch nach Hohenlimburg – einem Stadtteil von Hagen.

Reden über Heimat - kann fast jeder

Auf seinem Heimweg will er Menschen treffen, Orte kreuzen und Geschichten sammeln, die etwas mit Heimat zu tun haben. Nur ein paar Landmarken für die Route sind gesetzt: Halberstadt, der Brocken im Harz, Goslar und dann über Winterberg bis an die Grenze zwischen Ruhrgebiet und Sauerland. 600 Kilometer in 32 Tagen, fremde Betten und Begegnungen. Mit den Menschen kommt er schnell ins Gespräch. Reden über Heimat – das ist ein Türöffner-Thema. Da kann jeder etwas zu erzählen.

Jörn Klare

Reiste heimwärts: Jörn Klare

Es sind liebevolle, kämpferische und  bewegende Geschichten, die Klare auf seiner Reise gesammelt hat. Wie die, eines 80-jährigen Mönchs in Meschede, den er zufällig in einem Kloster trifft. Ein Heimatvertriebener, der sich am Ende bedankt, dass ihn nach 60 Jahren zum ersten Mal jemand nach seiner Heimat gefragt hat. Klare reist durch Orte, die "Alte Hölle" oder "Elend" heißen. Elend, bedeute etymologisch gesehen übrigens "fern der Heimat", erklärt Klare. Tage später trifft er einen sauerländischen Schützenbruder, für den Heimat vor allem enge Gemeinschaft bedeutet. Dörfliche Nähe, jeder kennt jeden, alle wissen alles – "Wenn du hier leben willst, brauchst du ein breites Kreuz", erklärt der Sauerländer dem Wahlberliner. Und der Autor stockt. "Ich dachte immer, ich wäre der, mit dem breiten Kreuz, weil ich weggegangen bin – in die große Stadt und die Anonymität."

Je schneller die Welt, desto wichtiger ist Heimat

"Heimat liegt zwischen Herkunft und Zugehörigkeitsgefühl." Und außerdem beschreibe der Begriff etwas sehr Deutsches. "Der heutige Heimatbegriff wurde von den Romantikern begründet. Heimat war der Wunschort der Geborgenheit. Heimat ist da, wo man sicher ist." Kriege, Reformen, neue Staaten oder der industrielle Wandel hätten immer große Unsicherheiten gebracht. "Dabei geht für Menschen immer etwas Altbekanntes verloren. Heimat bedeutet Überschaubares. Und mich wundert es gar nicht, dass Heimat heute wieder eine große Rolle spielt. Klimawandel, Wirtschaftskrisen, Kriege am Rande Europas, radikale Digitalisierung. Je schneller und unsicherer die Welt um uns herum, desto wichtiger ist Heimat - und Heimatschutz."

Bilder einer Heimreise

Häuserzeile an der Lenne

Der Geruch der Lenne - hier in Altena - ist für Jörn Klare Heimat.

Der Geruch der Lenne - hier in Altena - ist für Jörn Klare Heimat.

Das alte Gymasium - nur noch eine Ruine.

Einkaufsstraße im Heimat-Stadtteil Hohenlimburg.

"Gartenstück" in Altenfeld-Walbecke bei Winterberg.

Irgendwo in Brandenburg.

32 Nächte in fremden Pensionen - hier das Gästebett im Ort "Alte Hölle".

Blick ins Schaufenster einer Buchhandlung - in Calbe an der Saale (Sachsen-Anhalt).

Verlassene Kneipe in Trebitz, einem Ortsteil im Landkreis Wittenberg.

Der Weg zum Brocken im Harz - ein Muss für den Heimatsuchenden auf dem Weg durch Sachsen-Anhalt.

Stromkasten in Kleinmachnow in Brandenburg.

Stand: 05.03.2016, 19:47 Uhr

Der Duft der Heimat

Und dann, nach fünf Wochen Wanderung, ist Jörn Klare plötzlich da. Im Ort seiner Kindheit und Jugend. Das Heimatgefühl stellt sich ganz plötzlich ein. "Ich hab die Lenne gerochen und den sauerländischen Wald. Bei diesem Gemisch hab ich gedacht: Boah – das ist Heimat."  Es sei die Mixtur aus Ruhrgebiet und Sauerland. „Dieses Proletarische und Ländliche, dieses Sauerländisch-Dickköpfige.“ Der Menschenschlag – alt vertraut, eine Wellenlänge, sofort.

Er sucht seine Grundschule, die heute ein Flüchtlingsheim ist. Sein damaliges Gymnasium – mittlerweile nur noch eine Ruine. Die Innenstadt – etwas verwaist und deprimierend. Der Gang zum ehemaligen Elternhaus – der schwierigste. "Melancholie pur." Er trifft Freunde von damals. Solche, die geblieben sind. Einer von ihnen ist heute Lokalpolitiker in der Stadt. Einer, der für seine Stadt kämpft, der sich einsetzt.

"Heimat schafft man sich"

Wieder zuhause in Berlin hat der Rückkehrer Klare plötzlich eine ganz wesentliche Erkenntnis mitgebracht. "Heimat schafft man sich. Man muss rausgehen, aktiv etwas machen, Verantwortung übernehmen. Wenn ich in Berlin leben will und mir ein Heimaltgefühl fehlt, muss ich mich stärker einbringen."  Künftig will sich der Autor in seinem Stadtteil mehr engagieren. Kämpfen, zum Beispiel dafür, dass günstiger Wohnraum im Viertel erhalten bleibt. Und was bleibt von Hohenlimburg? "Ein spezielles Städtchen. Da muss ich bald wieder hin. Das werd ich einfach nicht los." Obwohl Hohenlimburg in den 70er Jahren zu Hagen eingemeindet wurde, spricht Klare von dem Ort, als wäre es immer noch eine eigene Stadt. Auch ein starkes Statement zu "Heimat". Außerdem stehe in seiner Kreuzberger Wohnung nun ein Miniatur-Fähnchen von Hohenlimburg auf dem Tisch. 

Über seine Heimreise hat Jörn Klare jetzt ein Buch geschrieben. Unter dem Titel "Nach Hause gehen" ist es gerade im Ullsteinverlag erschienen.

Jörn Klare wurde 1965 im westfälischen Hohenlimburg geboren und studierte Psychologie und Theaterwissenschaft in Berlin. Seit 1995 arbeitet er als freier Journalist für Reportage- und Feature-Redaktionen im Hörfunk der ARD und für verschiedene Printmedien. Der Autor lebt mit seiner Familie in Berlin.

Stand: 14.03.2016, 06:00