Dragan Velikić - Jeder muss doch irgendwo sein

Dragan Velikić - Jeder muss doch irgendwo sein

Dragan Velikić - Jeder muss doch irgendwo sein

Von Herrmann Wallmann

Dragan Velikić erzählt, wie die tragische Geschichte seiner Mutter, die erst durch die fortschreitende Alzheimer-Erkrankung "erlöst" wird, zu seiner eigenen wird.

Dragan Velikić
Jeder muss doch irgendwo sein
Aus dem Serbischen von Mascha Dabić
Hanser Berlin, 2017
304 Seiten
24,00 Euro

Warum wir einen Raum betreten

Man sollte sich von der Komplexität dieses Romans nicht abschrecken lassen. Sie hat ihren Grund darin, dass Velikić seine Familiengeschichte mit Historie, staubige Interieurs mit europäischen Topographien verschränkt. Ferner darin, dass seine sensualistische Sprache bei einem Großmeister wie Vladimir Nabokov in die Schreibschule gegangen ist. Und schließlich gründet das Spiel mit Wiederholungen, mit dem Wechsel der Perspektiven in einer Erfahrung, die niemandem fremd sein dürfte

"Es kommt häufig vor, dass wir einen Raum betreten und vergessen, warum wir überhaupt hineingegangen sind. Am leichtesten fällt es uns wieder ein, wenn wir den Raum durch dieselbe Tür verlassen. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass die Probanden eine vorgegebene Aufgabe drei Mal häufiger vergessen, wenn sie zuvor durch eine Tür gegangen sind, als wenn sie dies nicht getan haben. Unser Gehirn erlebt die Tür als Grenze des Geschehens, und daher verbucht es eine Entscheidung, die in einem bestimmten Raum getroffen wurde, als abgeschlossen, wenn wir den Raum verlassen. Deshalb können wir uns wieder daran erinnern, wenn wir in den Raum zurückkehren."

Zurück in die Naivität der Kindheit.

Diese zugleich prospektive und retrospektive Regel ist es, die beim Autor die Idee eines linearen Erzählens gar nicht erst aufkommen lässt. Ob Städte oder Länder, Bahnhöfe oder Hotels, Wohnungen oder Kabinen - Räume betreten, Räume verlassen, in Räume zurückkehren oder Räume vergessen, Räume erinnern - das sind immer schon Obsessionen von Dragan Velikić gewesen, so detailversessen, dass sie nacherlebt, aber nicht nacherzählt werden können. Ein Jahr nachdem er aus politischen Gründen ins ungarische Exil gegangen ist, erfährt Velikić vom Tod seiner Mutter, die lange unter Ordnungszwängen gelitten hat. Sein Roman läuft auf die tragische Pointe hinaus, dass die Mutter von jenen Manien erst befreit wurde, als die Alzheimer-Krankheit sie gleichsam in die Naivität ihrer Kindheit zurückführte – zurück dann auch zu dem Herkunftsdialekt von Rijeka. Und darauf, dass er jene neurotischen Verhaltensmerkmale der Mutter bei sich selber zu beobachten beginnt. Er weiß sich im gleichen Alter, in dem seine Mutter gewesen ist, als sie erstmals für einige Augenblicke die Orientierung verlor, und so besteht seine letzte Abhängigkeit von ihr darin, dass er sich gezwungen sieht, penibel nachzurechnen.

"…wie viel Zeit mir bis zu dieser letzten Adresse noch blieb, wenn man endgültig wusste, dass es gar keine Veränderungen mehr geben könnte, dass einen nur noch das bloße Existieren erwartete, mit mehr oder weniger Schmerzen. Diese schläfrige Umarmung der Demenz war der Lohn Gottes für alle vorangegangen Qualen und Ungewissheiten."

Die seismologischen Aktivitäten des Bewusstseins

Dragan Velikić

Dragan Velikić

Dragan Velikić hat ein Motto von Borislav Pekić gewählt, das den Roman in die Nähe einer Beichte zu rücken scheint. Es ist ein ambivalentes Zitat. Denn man weiß nicht: Zieht Dragan Velikić damit – skeptisch bis selbstquälerisch - die Dignität seiner eigenen „Beichte“ in Zweifel, oder behauptet er indirekt die Überlegenheit eines Romans über die klassische Konfession? Gegen Ende befragt Velikić seine Herkunftsgeschichte gar aus einer - zumindest erzählerisch sehr ergiebigen - neurologischen Perspektive, so als wollte er das Gesetz erkennen, nach dem er angetreten ist.

"Überall um ihn herum spürte er die unsichtbare Anwesenheit der anderen Menschen. War er der Besitzer einer Biographie oder bestand er aus mehreren Biographien? Wessen Leben lebte er? Warum erlebte er Dinge, die nichts mit seinem Leben zu tun hatten, als Teil seiner Familiengeschichte? Die Fixierungen und die Obsessionen kündigten die seismologischen Aktivitäten des Bewusstseins an, die zu einem späteren Zeitpunkt scheinbar unvereinbare Dinge miteinander in Verbindung brachten."

Das ist ein Zitat aus dem zweiten Teil des Romans, der in der 3. Person erzählt ist. Er scheint den ersten Teil, eine Ich-Erzählung, zu objektivieren. Es gehört zu der List der narrativen Strategie von Dragan Velikić, dass er die hier aufgeworfenen Fragen im ersten, dem "subjektiven" Teil seiner "Ermittlungen" bereits beantwortet hat:

"Was sonst ist ein Roman, wenn nicht der Versuch, einige Szenen aus dem Alltag in eine Kette von Ursache und Wirkung zu bringen, um die Geschichte zu befreien, eine Geschichte, die auf die gleiche Weise existiert wie eine Skulptur in einem nicht bearbeiteten Stein. Jeder trägt in sich eine unsichtbare Bibliothek, ein ganzes Ensemble ungeschriebener Romane."

Der Roman schließt mit einem Brief an die Mutter.

Dieser ist auch ein Klagegesang über die aktuellen Zeitläufte, die für Velikić durch Gleichschaltung, Beschränktheit und Unwissenheit geprägt sind. Aber er will nicht aufgeben. Ganz zuletzt zitiert er den wunderbaren Anfang von Karl Mays "Am Rio de la Plata", den seine Mutter ihm vor 50 Jahren geschenkt hat:

"Ein kalter Pampero strich über die meerbusenartige Mündung des La Plata herüber und bewarf die Straßen von Montevideo mit einem Gemisch von Sand und großen Regentropfen. Man konnte nicht auf der Straße verweilen und darum saß ich in meinem Zimmer des Hotel Oriental und vertrieb mir die Zeit mit einem Buch, dessen Inhalt sich auf das Land bezog, das ich kennenlernen wollte."

Dragan Velikić scheint in diesen Sätzen emblematisch aufgehoben zu sehen nicht nur seine frühen Leseerfahrungen, sondern auch den unwiderstehlichen Beweggrund seines Reisens und Schreibens. Und so ist es eine bewegende Pointe des Romans, wenn der Sohn die Bedrohung seines Lebenswerkes formuliert wie ein tröstendes Versprechen:

"Liebe Mama, es wird nicht mehr lange dauern, und ich werde beginnen, den Dialekt von Rijeka zu sprechen."

Buchrezension: "Jeder muss doch irgendwo sein" - Dragan Velikic

WDR 3 Mosaik | 22.08.2017 | 05:48 Min.

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Stand: 17.08.2017, 16:13