Christian Bernhardt - Jana Jana Jana

Christian Bernhardt - Jana Jana Jana

Christian Bernhardt - Jana Jana Jana

Von Thorsten Krämer

Acht Variationen über den ersten Schultag - Christian Bernhardt erzählt von freundlichem Anpassungsdruck und kreativem Stühlewerfen.

Christian Bernhardt
Jana Jana Jana
Textem Verlag, 2017
216 Seiten
16,00 Euro

Der erste Schultag

Die Ausgangslage dieses Buches ist einfach: Jana, eine junge Frau Mitte 20, erinnert sich an ihren ersten Schultag. Was zunächst klingt, als könnte es eine Schulaufgabe sein, erweist sich in der Hand des Autors Christian Bernhardt als Startpunkt einer weitreichenden gesellschaftlichen Recherche mit den Mitteln der Literatur. Denn nicht nur eine, sondern gleich acht Janas schildern ihren ersten Schultag. So entfaltet sich im Lauf der Lektüre ein Panorama dessen, was es heutzutage heißt, als Mädchen den ersten Schritt ins gesellschaftliche Leben zu machen. Die Erlebnisse der ersten Jana etwa lassen sich als Allegorie auf die Hysterie lesen, deren klinische Untersuchung bekanntlich die Anfänge der Psychoanalyse markiert und die selbst heute noch Frauen gerne attestiert wird. Auch Jana dürfte mit einer solchen Diagnose rechnen, nachdem sie an ihrem ersten Schultag einen Stuhl aus dem Fenster des Klassenraums wirft. Doch Christian Bernhardt zeigt, wie Janas Ausbruch bereits eine durchaus angemessene Reaktion auf die grenzenlosen und damit nicht zu erfüllenden Anforderungen der Lehrerin darstellt. Diese möchte, dass alle still sind.

"Und auch als es dann still war, reichte das das nicht, dann war es nicht lange genug still, denn nachdem alle merkten, dass es still war, wurde es natürlich gleich wieder laut, und dann hieß es, still heißt auch, eine Weile still. Also still reicht ihr nicht, dachte ich. Und wie lange still? Habe ich dann laut gefragt, etwa volle fünf Minuten und fünfundfünfzig Komma fünfundfünfzig still?, habe ich in ihre Stille hineingefragt, und sie hat mich angestarrt, als sei sie gerade von jemand sehr fest gebissen worden. Gleich darauf lächelte sie mich an und nickte mir langsam zu."

Christian Bernhardt - Jana Jana Jana

WDR 3 Buchrezension | 14.07.2017 | 05:29 Min.

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Realismus und Traumlogik

Christian Bernhardt

Christian Bernhardt

Allen Janas dieses Buches ist gemein, dass sie keineswegs wie sechsjährige Mädchen denken und handeln, sondern wie Erwachsene. Aber dann auch wieder nicht. Christian Bernhardt gelingt ein Balanceakt, der Realismus und Traumlogik verbindet, seine Janas wechseln zwischen Naivität und Reife, und trotz aller ausgestellten Künstlichkeit bleibt die Welt des Buches immer kenntlich als die unsere. Die Reduktion auf den einen Tag des ersten Schulbesuches erweist sich nicht als Einschränkung, sie eröffnet vielmehr ganz neue Möglichkeiten, um Themen wie Gender, Körperbilder oder Rassismus zu verhandeln.

Dabei, und das ist die große Stärke dieses Buches, stellt der Autor keine Thesen in den Raum, sondern beschränkt sich aufs Erzählen. Es ist nur der Rezensent, der an dieser Stelle einen möglichen Überbau liefert, zum Beispiel durch Rückgriff auf die Ethnologie. Die hat den Begriff der Übergangsriten geprägt für solche Stationen im Leben des Einzelnen, die ihn auf formalisierte Weise in eine Gesellschaft einführen und in dieser verankern. In den verschiedenen Durchgängen dieses Buches rückt der Autor immer neue Facetten dieses Rituals in den Vordergrund: die Beziehung zur Lehrerin, den Kontakt mit den Mitschülerinnen, Aussehen und Inhalt der Schultüte, die Kleidung. Ein wiederkehrendes Element sind die ersten Aufgaben, die von den Schülerinnen erfüllt werden sollen: das Schreiben des eigenen Namens, das Abmalen eines Bildes. Allein diese letzte Verknüpfung nutzt Christian Bernhardt auf prägnante Weise, um den paradoxen doppelten Imperativ zu illustrieren, der unsere heutige Gesellschaft prägt: Sei du selbst! Mach es wie die anderen! Natürlich ist die Schule heute kein Ort der Zurichtung mehr, wie sie es früher war. Doch ihre Funktion ist noch immer die gleiche, nur die Methoden haben sich geändert. Es braucht keine Schläge mehr, um das Machtgefälle zwischen Lehrerin und Schülerinnen zu demonstrieren, die Kontrolle wird nun viel effizienter als Selbstkontrolle implementiert.

"Der große kurzhaarige Kopf meiner Lehrerin erschien dicht über meinem Tisch, auf dem ich schrieb. [...] Du sollst doch die Giraffe abmalen, wie es alle anderen auch tun. Ja, ich sah nach rechts und nach links die anderen, die ihre Giraffen in ihre Hefte malten, große und kleine und bunte Giraffen, auch ich konnte gute Giraffen zeichnen und hatte schon Giraffen auf Papier gezeichnet oder gemalt, jetzt wollte ich keine Giraffen zeichnen oder malen und dann auf meinem Heftpapier sehen. Die Giraffe später, sagte ich, jetzt schreibe ich weiter in mein Heft. Sie sagte nichts, blieb aber stehen."

Kindliches Erfinden und Erzählen

Nie war die Repression so freundlich wie heute, und selten wurde diese Erkenntnis auf so spielerische Weise vermittelt wie durch dieses Buch. Die Janas, die der Autor uns vorstellt, erleben zum Teil schreckliche Dinge, bleiben aber im Kern unversehrt. Das liegt vor allem an der kindlichen Freude am Erfinden und Erzählen, die die Protagonistinnen verbindet. Aber vielleicht ist auch die Zuschreibung "kindlich" für diese Freude schon falsch und Teil des Problems. Christian Bernhardts Janas schärfen den Blick für solche Zusammenhänge. Denn so einfach die Grundidee dieses Buches, so vielfältig sind die Erkenntnisse, die sich daraus ziehen lassen.

Stand: 14.07.2017, 09:32