Jurek Becker - Jakob der Lügner

Jurek Becker - Jakob der Lügner

Jurek Becker - Jakob der Lügner

Von Christel Wester

Es war der erste Roman des Schriftstellers Jurek Becker. Er erschien 1969, wurde gleich ein Welterfolg und ist immer noch sein bekanntestes Buch. 20 Jahre nach Beckers Tod gibt es nun eine ungekürzte und bewegend lebendige Lesung von August Diehl.

Jurek Becker
Jakob der Lügner
Ungekürzte Lesung von August Diehl.
speak low
7 CDs mit Booklet
Laufzeit: ca. 8 Stunden
29,80 EUR

Jakob der Lügner

"Es gibt doch solche Männer, von denen man sagt: Ein Kerl, wie ein Baum. Groß, stark, ein bisschen gewaltig, solche, bei denen man sich jeden Tag ein paar Minuten anlehnen möchte."

So ein Kerl ist Jakob der Lügner nicht. Mit seiner Titelfigur hat der Schriftsteller Jurek Becker einen geradezu klassischen Antihelden geschaffen.

"Jakob ist viel kleiner, er geht dem Kerl, wie ein Baum höchstens bis zur Schulter. Er hat Angst, wie wir alle. /…/ Das einzige, das ihn von uns allen unterscheidet, ist, dass ohne ihn diese gottverdammte Geschichte nicht hätte passieren können."

Jakobs Radio

Kurz zusammengefasst geht diese Geschichte so: Jakob lebt, zusammengepfercht mit vielen anderen Juden, im Ghetto. Er behauptet, ein Radio zu besitzen und erfindet täglich neue Nachrichten, die auf eine baldige Befreiung hoffen lassen. Jakob lügt also, um den Lebenswillen seiner Leidensgenossen zu stärken. Sich selbst bringt er damit in Lebensgefahr, denn natürlich ist der Besitz eines Radios Juden strengstens untersagt. Zugleich steht Jakob unter einem enormen Druck, ständig Neuigkeiten erfinden zu müssen und dabei glaubwürdig zu bleiben.

"Seit gestern ist Jakob ein Glückspilz, ein Auserwählter! Alles reißt sich um ihn. Die Riesen wie die Kleinen, jeder will mit ihm arbeiten. Mit dem Mann, der eine direkte Leitung zum lieben Gott hat. /0’19-0’29/ Am gerechtesten wäre, man könnte ihn verlosen. Soundso viel Nieten und ein Hauptgewinn, dann hätten alle die gleichen Aussichten auf das große Glück – auf Jakobs mit einem Mal bedeutungsvoll gewordene Nähe."

Ein Tabu brechen

Mit dieser Geschichte und seinem eigenwilligen Humor war Jurek Becker seiner Zeit weit voraus. Als der Roman 1969 erschien, gab es keine Satire über ein jüdisches Ghetto. Jurek Becker brach ein Tabu, indem er das Grauen mit Situationskomik paarte: Keine leichte Aufgabe für einen Vorleser, zumal viele Hörer vielleicht noch die Autorenlesung von Becker selbst im Ohr haben, die vor einigen Jahren als Hörbuch erschien. Die Vortragsweise des Autors war betont schnoddrig und in ihrem völlig unpathetischen, fast beiläufigen Duktus auf eigenwillige Weise eindringlich.

"Sie wollen auch Nachrichten, sagt Jakob, stellt es mehr fest, jetzt auch Kirschbaum am Halse, na schön, einer mehr oder weniger. Ich will keine Nachrichten hören, sagt aber Kirschbaum, ich bin gekommen, Ihnen Vorwürfe zu machen."

Der richtige Ton

Jurek Becker

Jurek Becker

Diese Autorenlesung von Jurek Becker ist eine alte Aufnahme aus den 70er Jahren, extrem gekürzt auf höchstens ein Drittel des Romans. Im aktuellen Hörbuch liest der Schauspieler August dagegen den kompletten Text über acht Stunden. Eine Gratwanderung, die er sensibel bewältigt. Diehl trifft genau den richtigen Ton. Auch er meidet jedes Pathos, liest aber lebendig-bewegt und fühlt sich mit erkennbarer Empathie in die Lage des Protagonisten ein.

"Es ist also Abend. Fragt nicht nach der genauen Uhrzeit, die wissen nur die Deutschen. Wir haben keine Uhren. (0’06) Es ist vor einer guten Weile dunkel geworden, in ein paar Fenstern brennt Licht, das muss genügen."

Ab 20 Uhr ist Ausgehsperre für die Juden im Ghetto, wer später auf der Straße angetroffen wird, begibt sich in Gefahr.

"Jakob beeilt sich, er hat nicht mehr viel Zeit, es ist schon vor einer sehr guten weile dunkel geworden. Und auf einmal hat er überhaupt keine Zeit mehr, nicht eine halbe Sekunde, denn es wird hell um ihn."

Ein Wachmann macht sich einen grausamen Scherz und schickt ihn aufs Gestaporevier, obwohl es noch gar nicht 20 Uhr ist. Was Jakob ohne Uhr natürlich nicht wissen kann. Er hat Todesangst.

"Ist was?, fragt der Soldat."

Banalität und Grausamkeit

Auf geniale Weise hat Jurek Becker in zahlreichen kleinen Szenen und Episoden Banalität und Grausamkeit des Ghetto-Alltags miteinander verflochten. Das Zusammenleben auf engstem Raum sorgt für Konflikte, die er nicht ausspart. Opfer sind untereinander nicht automatisch solidarisch. Es gibt Konkurrenz und Eifersucht. Aber auch Sehnsucht, Liebe, Sexualität.

"Mischa kommt mit Rosa in sein Zimmer. Und das ist eine ganze Geschichte für sich."

Mischa ist Jakobs Kollege beim Kistenschleppen. Er teilt sein Zimmer mit dem alten Fajngold, dessen Bett nur durch einen Vorhang abgetrennt ist. Kurzerhand erklärt Mischa seinen Mitbewohner für taubstumm, um Rosas Schamgefühle zu beschwichtigen.

"Einmal ist etwas Entsetzliches geschehen: Mitten im Schlaf, in einen wirren Traum geraten, hat Fajngold plötzlich angefangen zu reden. (0’07) Deutlich vernehmbare einzelne Worte, ungeachtet der Tatsache, dass Taubstumme auch im Schlaf taubstumm zu sein haben."

Ein ungewöhnliches Buch

"Jakob der Lügner" ist in seiner Widersprüchlichkeit auch fast 50 Jahre nach seiner Entstehung ein ganz und gar ungewöhnliches Buch: bewegend, erschütternd und zugleich voll schwarzem Humor. Charakteristisch für Jurek Beckers Humor ist jedoch, dass er das Grauen nie kleiner, erträglicher oder in irgendeiner Weise konsumierbar macht. Die Geschichte hat sich der Autor ursprünglich als Film vorgestellt, Becker war damals ein erfolgreicher Drehbuchschreiber in der DDR. Doch das Drehbuch wurde nicht verfilmt. Deshalb hat er den Stoff zu einem Roman geformt und seinem namenlosen Ich-Erzähler ein paar kleine Seitenhiebe in den Mund gelegt.

"Ich habe schon tausend Mal versucht, diese verfluchte Geschichte loszuwerden, immer vergebens. Entweder es waren nicht die richtigen Leute, denen ich sie erzählen wollte, oder ich habe irgendwelche Fehler gemacht."

Der Roman ist dann aber doch auf die richtigen Leute getroffen – aktuell erneut in dieser sorgfältigen Hörbuchproduktion, zu der auch ein Booklet gehört, in dem Jurek Beckers Witwe Christine Becker die Entstehungsgeschichte des Romans skizziert.

Jurek Becker - Jakob der Lügner

WDR 3 Buchrezension | 02.02.2017 | 05:51 Min.

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Stand: 31.01.2017, 16:56