Eine Chronik des Hasses

Brennende Sporthalle in Nauen

Eine Chronik des Hasses

Gewalttaten durch rechtsextreme Täter nehmen bundesweit zu. Woher kommt diese Entwicklung? Wie wird Rechtsextremismus gesellschaftsfähig und welche Rolle spielen Pegida & Co? Im "Jahrbuch rechte Gewalt", das heute (10.01.2017) erscheint, dokumentiert die Journalistin und Rechtsextremismus-Expertin Andrea Röpke Fälle und Täter.

WDR: Frau Röpke, was verstehen Sie unter "rechter Gewalt"?

Andrea Röpke

Andrea Röpke

Andrea Röpke: Wir wollen zeigen, dass es nicht nur um die Gewalt durch Neonazis geht, sondern dass der Radius viel größer ist. Dass wir eine viel größere Verantwortung haben. Rechte Gewalt ist mittlerweile Alltagsgewalt und steht leider im Schatten des islamistischen Terrors. Sie geht unter. Wir möchten darauf aufmerksam machen, nicht historisch, sondern in Buchform, wirklich nachhaltig, dass man noch genauer hinschaut - bei sich vor Ort - was da an rassistisch motivierten, fremdenfeindlichen Taten passiert.

WDR: Werden solche Taten denn polizeilich eindeutig erfasst?

Jahrbuch Rechte Gewalt, Chronik des Hasses, Buchcover, Andrea Röpke

Röpke: Das ist das Problem. Die Polizei ist häufig regional beauftragt, das heißt, es wird oft nicht erkannt, dass das Ganze eine politische Motivation hat, dass ein rassistischer Hintergrund dahintersteckt. Das wird oft unter 'Alkoholeinfluss' abgetan, unter 'Streitigkeiten unter Jugendlichen'. Deshalb haben wir uns bei diesem Buch darauf konzentriert, mit Beratungsstellen von Opfern rechter Gewalt zu sprechen, deren Opferbilanzen hinzuzuziehen und uns vor allen Dingen darauf zu berufen.

WDR: Können Sie konkrete Vorfälle schildern, die Sie so aufgedeckt haben?

Röpke: Wir haben sie eigentlich nicht aufgedeckt, sondern nur noch einmal in Erinnerung gerufen. Ich mache das schon seit über 20 Jahren und versuche auch, dort vor Ort zu sein, wo es möglich ist - vor allen Dingen bei Prozessen - und dort Kameradschaften, neonazistische, gewaltbereite Strukturen zu beobachten. So konnten wir auch eine Analyse mitliefern. Wir haben zum Beispiel die Brandserie von Nauen thematisiert, da hat jetzt der Prozess begonnen. Ein NPD-Politiker als Rädelsführer ist dort angeklagt, zusammen mit anderen bereits bekannten Neonazis, die nicht nur die Sporthalle in Nauen angesteckt haben.

Dortmunder Rechtsextremisten bei einer Kundgebung

Dortmunder Rechtsextremisten bei einer Kundgebung

Wir haben aber auch Beispiele im Westen herausgesucht. Wir haben natürlich das Reker-Attentat in Köln thematisiert, die Gewalt-Exzesse mit 45 verletzten Polizisten - ich war da selber vor Ort, 2014. Das sind so Beispiele. Wir haben immer versucht, Authentizität, eigenes Erleben der Kollegen oder auch mein eigenes Erleben mit einfließen zu lassen. Immer in Präparation mit den Taten drumherum und den Aussagen der Opfer-Beratungsstellen.

WDR: Sie haben zwei Stichworte fallen gelassen, auf die wir noch eingehen müssen. Erstens, dass der Blick doch nach Ostdeutschland gegangen ist, nach Sachsen - das ist sicher etwas, wo man nicht stehen bleiben darf - und zweitens, dass Sie doch wieder von Nazis, von Neonazis als Strippenziehern gesprochen haben. Dabei scheint der Gesamteindruck doch zu sein, dass eine Gefahr in ganz Deutschland besteht. Nicht nur in einzelnen Bundesländern und nicht nur aus dieser einen, eindeutig zu identifizierenden rechtsextremen Szene heraus.

Röpke: Wir haben da seit einigen Jahren ein ganz gefährliches neues Zusammenspiel. Wir haben natürlich eine Neonazi-Szene, die schon lange daran arbeitet, sich und ihre Parolen in der bürgerlichen Gesellschaft zu verbreiten. Deren Strategen versuchen, Akzeptanz zu gewinnen und aus dieser Schmuddelecke rauszukommen. Dazu kommen die sozialen Netzwerke im Internet. Die Neonazis hatten noch nie ein so effektives Medium wie zum Beispiel WhatsApp oder Facebook. Diese sind nicht verantwortlich für die Eskalation der Gewalt - in Sachsen ist die rechte Gewalt zum Beispiel um 90 Prozent gestiegen - sondern es ist ein ganz ganz gefährliches Zusammenspiel. Da eskaliert die Stimmung und man darf nicht übersehen, dass gerade in den Regionen, wo die Neonazi-Strukturen sehr stark sind, auch die Gewaltausbrüche oft am größten sind.

WDR: Manche Gewalt kommt ja zunächst einmal in einem bürgerlichen Gewand daher und scheint auch so friedfertig. "Wir wollen uns nur selbst verteidigen", wie diese Bürgerwehren zum Beispiel, die in manchen Orten entstehen. Es gibt lokale Bündnisse, die ganz harmlos auftreten - ist das das größte Risiko für die Gesellschaft? Dass das quasi die Vehikel geworden sind?

"Dügida"-Demonstration am 26.01.2015

"Dügida"-Demonstration 2015

Röpke: Ich glaube das größte Risiko oder die erschreckendste Entwicklung zur Zeit ist die Enthemmung der Gesellschaft, die Verrohung. Wieder einhergehend mit den vorgegebenen Parolen, den Strippenziehern aus dem rechten Spektrum. Und dann diese breite Bereitschaft innerhalb der Facebook-Gruppen, der Internet-Gruppen, aber auch auf der Straße - die sogenannten Wutbürger, die für sich in Anspruch nehmen, nur ihre Empörung herauszutragen, aber dann einen Galgen bei sich tragen, die Demokratie abschaffen wollen - diese Gewaltbereitschaft, die auch wir als Journalisten erleben. Es ist teilweise so, dass Fernsehteams gar nicht mehr ohne Bodygards drehen können. Das ist eine erschreckende Entwicklung und da sind wir alle angesprochen. Da geht es wirklich nicht mehr nur um die Politiker, die Verantwortlichen, sondern da ist wirklich jeder innerhalb unserer sozialen Zivilgesellschaft angesprochen, genauer hinzuschauen.

Das Gespräch führte Katja Schwiglewski in WDR 3 Kultur am Mittag.

Das ganze Gespräch zum Nachhören:

Rechte Gewalt in Deutschland

WDR 3 Kultur am Mittag | 10.01.2017 | 08:17 Min.

Stand: 10.01.2017, 16:01