"Auschwitz war der Ausgangspunkt der EU"

Robert Menasse

"Auschwitz war der Ausgangspunkt der EU"

Überrascht und erfreut zeigte sich der frisch gebackene Buchpreisträger Robert Menasse am Tag nach der Preisverleihung im WDR-Interview. Sein ausgezeichneter Roman "Die Hauptstadt" sei aus dem Versuch entstanden, die EU zu verstehen.

WDR: Guten Morgen, lieber Herr Menasse, Gratulation zum Deutschen Buchpreis. Haben Sie ganz fest damit gerechnet, dass Sie dieses Jahr gewinnen?

Robert Menasse: Nein, das konnte ich nicht, man kann mit so was nicht rechnen. Wenn man sich nur die Shortlist ansieht, da hätte jeder dieser nominierten Romane den Preis verdient. Ich war wirklich überrascht, dass ich den Preis bekommen habe. Aber ich freue mich natürlich.

WDR: Ihr Buch "Die Hauptstadt" ist ein politisches Buch, es handelt von sechs Figuren in Brüssel, einer Art europäischen Hauptstadt. Im Grundton ironisch, aber es gibt auch eine Kriminalhandlung. Das Thema Europa beschäftigt Sie schon lange.

Menasse: Ja, weil das für unsere Lebenszeit das große Projekt ist, das wir verstehen und schließlich zu einem glücklichen Ausgang bringen müssen. Und es ist gleichzeitig so ein großes Abstraktum. Es heißt immer "die EU" und so weiter. Das steht dann so da, als erratischer Block irgendwo in Brüssel. Da drin sitzen Menschen, die sind ein bisschen weltfremd und regieren in unser Leben rein. Das einzige was an diesem Klischee stimmt: In gewisser Weise regieren sie in unser Leben rein. Und ich wollte verstehen, wie das geschieht, was die machen. Und warum auch so vieles nicht funktioniert, trotz der doch betörend vernünftigen Idee der EU als Friedensprojekt. Darum bin ich nach Brüssel gegangen und habe eine Zeit lang recherchiert, ich wollte es verstehen. Und dann wollte ich wissen, ob man es erzählen kann.

WDR: Eine gute Idee, die dann irgendwann unter die Bürokraten gefallen ist?

Menasse: Also, ich finde es nicht gut, wenn man andauernd "Bürokraten-Bashing" macht. Bürokratien, solche Verwaltungsinstitutionen, sind ja ein zivilisatorisches Phänomen. Es kann überhaupt keine Gestaltung von gesellschaftlichem und politischen Leben ohne Verwaltung geben, ohne Bürokraten. Das ist undenkbar. Das Interessante ist ja, früher war der Staatsbeamte das Opfer der Vorurteile und Klischees und der Verhöhnung, aber seitdem die einzelnen Staaten begonnen haben, Souveränitätsrechte an die supranationalen Institutionen abzugeben, haben sie die Vorurteile und Klischees auch gleich nach Brüssel mitgeschickt. Heute ist es der Brüsseler Beamte, der mit diesen ganzen Klischees bedacht wird.

Nun haben Klischees ein Problem: Es kann nur dann etwas zum Klischee werden, wenn es tatsächlich sich ab und zu in der Realität erweist, wenn man wirklich sieht, dass es so ist. Aber gleichzeitig ist ein Klischee nie die ganze Wahrheit. Ich habe sehr viele Beamte und Menschen aus der europäischen Kommission kennengelernt und habe gesehen, dass sie nicht wirklich diesen Klischees entsprechen. Aber mir ist rasch klar geworden, dass die EU nicht ein großes Abstraktum, nicht irgend eine verquere Idee ist, die die Souveränität unserer Staaten aushöhlt und uns mit sinnlosen Vorschriften quält. Sondern sie ist ein von Menschen gemachtes Projekt, das einen Vernunftgrund hat und natürlich auch viele Fehler produziert. Und was von Menschen gemacht ist, kann man erzählen. Man kann dann im Dunklen noch einen Vernunftgrund mittransportieren, aber man kann auch zeigen, warum so vieles schief geht.

WDR: Jetzt hat es die ältere Generation der Politiker gegeben, die dann hierzulande die EU häufig auch gegen ihre durchweg jüngeren Kritiker verteidigt haben, indem sie sagten: "Die EU ist vor allen Dingen auch ein Projekt gewesen dagegen, dass es noch einmal einen schrecklichen Krieg in Europa gibt." Dann haben die jüngeren teilweise verständnislos darüber gelacht. Was sie jetzt machen, ist ja, dass sie den Schrecken des letzten großen alles zerstörenden Krieges wieder aufleben lassen oder daran erinnern, auch in dieser kuriosen Idee einer Art Jubiläumsfeier für die EU.

Menasse: Ja, Auschwitz war der Ausgangspunkt. Auschwitz als Chiffre, denn es gab ja viele Vernichtungslager. Es war der Moment, wo sich die kriminelle Energie des Nationalismus und Rassismus am konsequentesten und radikalsten und am verheerendsten gezeigt hat. Und gleichzeitig ist in Auschwitz selbst, im Vernichtungslager, auch die nationale Identität des Menschen oder der Anspruch, dass er eine haben solle, mitvernichtet worden. Es war in Auschwitz egal, ob Sie Deutscher, Österreicher, Pole, Russe, Spanier, was auch immer sind. Es haben alle im Schatten desselben Todes gelebt und alle mit derselben Hoffnung, dass es einmal eine Welt auf der Basis von Menschenrechten gibt. Rechtsstaat, Rechtszustand, Freiheit, das war das große Verbindende.

Als ich das bei meinen Recherchen entdeckt habe, hat es mich wirklich gerissen. Das war ja der Grund, warum der erste Kommissionspräsident, übrigens ein Deutscher, Walter Hallstein, seine Antrittsrede in Auschwitz gehalten hat. Und ich finde interessant, dass solche Dinge vergessen sind. Das würde gleichzeitig zeigen, dass es nicht nur einen ökonomischen, sondern auch einen moralischen Grund gibt, auf dem wir dieses Einigungsprojekt entwickeln. Aber es ist, wie gesagt, von Menschen gemacht, und Menschen sind eitel, haben Ehrgeiz, Abgründe, können tief sinken - aber Menschen können auch hoch fliegen. Das spielt alles herein und das produziert natürlich einiges an tollen Fortschritten, aber auch einiges an grauenhaften Verhängnissen - oder zumindest, wie es jetzt ist, an unproduktiven Widersprüchen. Und das ist das, was wir heute die Krise nennen.

Das Interview führte David Eisermann am 10.10.2017 in WDR 3 Mosaik. Das Gespräch zum Nachhören:

Deutscher Buchpreis 2017 - Der Romancier Robert Menasse

WDR 3 Mosaik | 10.10.2017 | 08:58 Min.

Download

Stand: 10.10.2017, 13:38