"Die Leute lieben ihre Scholle in Ostwestfalen-Lippe"

Schauspielerin und Festivalleiterin Helene Grass

"Die Leute lieben ihre Scholle in Ostwestfalen-Lippe"

Das Literatur- und Musikfest "Wege durch das Land" ist eng mit der Landschaft und den Orten in Ostwestfalen verknüpft. Heimat ist ein viel diskutierter Begriff, sagt die künstlerische Leiterin Helene Grass. Die Ostwestfalen seien sehr heimatverbunden - und das stehe im starken Gegensatz zu der Heimatlosigkeit vieler Flüchtender.

WDR 3: Der Grundgedanke von "Wege durch das Land" war immer, Bezüge herzustellen zwischen Landschaft und Literatur, zwischen Literatur und Musik und auch zwischen früheren Epochen und heute. Ist dieses Konzept bestehen geblieben?

Helene Grass: Ja, unbedingt. Dieses Konzept ist einfach fantastisch. Das Festival ist so besonders, und diese Idee, zu einem Ort zu gehen - zum Beispiel zu einem dieser Schlösser, von denen es hier viele gibt, genauso aber auch zu einer Kirche, zu einer Industriebrache - und diesen Ort nach seinen Wurzeln zu befragen, die oft auch literarisch sind und dann darauf zu reagieren, das ist schon eine tolle Arbeitsvorlage. Das ist ein großer Schatz, da kann man immer wieder neu finden und neu suchen, auch mal auf den Kopf stellen, da entstehen immer wieder spannende, tolle Bögen.

Die Schauspielerin Helene Grass

Helene Grass wurde 1974 in Hamburg geboren und wuchs in Berlin auf. Sie arbeitet als Schauspielerin für Theater, Film und Fernsehen. Seit 2014 lebt sie in Detmold.

Helene Grass ist in diesem Jahr zusammen mit dem Dramaturgen Albrecht Simons von Bockum Dolffs erstmals künstlerische Leiterin des Festivals "Wege durchs Land", das sich mit dem Thema Heimat beschäftigt und vom 25 . Mai bis zum 13. August stattfindet. Namhafte Schriftsteller und Schriftstellerinnen wie Daniel Kehlmann, Eva Menasse und Abbas Khider werden lesen. Zudem werden Schauspieler wie Ulrich Noethen, Dagmar Manzel, Sylvester Groh an besonderen Orten auftreten.

WDR 3: Was haben Sie denn auf den Kopf gestellt?

Helene Grass: Wir haben erst mal grundsätzlich gar nichts auf den Kopf gestellt und uns einfach gefreut über die Struktur, die es gibt. Aber man kommt vielleicht ja auch mal an einen Ort - ich erfinde jetzt mal frei, 17 Mal über Hölderlin gesprochen, jetzt sprechen wir mal über etwas ganz anderes. Und das aber bewusst. Das meine ich mit 'auf den Kopf stellen'. Dass man sozusagen immer den Bezug sucht, dass man nicht irgendein Programm an irgendeinen Ort bringt, sondern dass man sie wirklich in Verbindung setzt. Das finde ich wahnsinnig wichtig.

WDR 3: Jetzt haben sie sich eine besondere Überschrift für dieses Festival ausgesucht: Von Heimat erzählen. Um welche Arten von Heimat wird es bei Ihnen gehen?

Helene Grass: Ja, es ist ein viel diskutierter Begriff. Ich fand das in diesem Format, im klassischen Festival, das sich viel mit Literatur, mit Musik beschäftigt, noch gar nicht so präsent wie zum Beispiel in den Theatern der großen Städte. Mir war es wichtig, dass wir auch hier dieses Thema diskutieren und den Weg beschreiben. Ich bin ja selber zugezogen, ich komme aus Berlin und mir ist aufgefallen, dass in Ostwestfalen diese Heimatverbundenheit so stark ist, von der Sie auch gerade gesprochen haben. Die Leute lieben ihr Land, ihre Scholle in Ostwestfalen-Lippe. Und darauf wollten wir reagieren, weil das natürlich in einem großen Gegensatz steht zu der Heimatlosigkeit vieler Flüchtender, die uns medial umgibt, zu den großen Migrationsströmen sowieso. Und auch künstlerisch ist es ein spannendes Thema. Wie sieht denn so ein Künstler die Heimat? Ist das tatsächlich der Ort, von dem er kommt oder der Ort in dem er jetzt lebt? Oder sagt jemand schon längst: Nein, ich habe damit gar nichts mehr zu tun, ich finde meine Heimat in der Musik oder in der Literatur. Das ergibt dann ein großes Kaleidoskop, das auf verschiedenste Arten dieses Thema beleuchten kann.

WDR 3: Gibt es noch Karten für das Festival?

Helene Grass: Wir hatten von allen Seiten den Wunsch bekommen, dass man da ein bisschen offener ist und dass nicht immer gleich alles ausverkauft ist. Darauf haben wir reagiert: Wir haben oft große Veranstaltungsorte, und für die Eröffnung und auch für den Eröffnungstag selber gibt es noch Karten. Zum Beispiel auch für diese wahnsinnig schöne Veranstaltung auf Gut Böckel, mit dem Komponisten Helmut Oehring, Dagmar Manzel und einem jungen, sehr spannenden Musikerensemble. Da gibt es noch Karten und da freuen wir uns ganz besonders, dass so besondere Künstler in die Region kommen und dass wir die so ein bisschen neu präsentieren können. Denn natürlich gibt es das Festival schon lange und es gibt schon lange große Künstler und Künstlerinnen, die herkommen. Das war für uns auch ein Anliegen, dass wir diesen Ansprüchen treu bleiben, auf der einen Seite, aber auf der anderen Seite auch neue Gesichter präsentieren können.

Das Gespräch mit Helene Grass führte WDR 3 Moderatorin Franziska von Busse in der Sendung "Kultur am Mittag" am 22. Mai 2017. Das vollständige Interview können Sie hier nachhören:

Helene Grass über "Wege durch das Land"

WDR 3 Kultur am Mittag | 22.05.2017 | 05:45 Min.

Stand: 23.05.2017, 11:29