Michael Hutter - Ernste Spiele. Geschichten vom Aufstieg des ästhetischen Kapitalismus

Ernste Spiele. Geschichten vom Aufstieg des ästhetischen Kapitalismus

Michael Hutter - Ernste Spiele. Geschichten vom Aufstieg des ästhetischen Kapitalismus

Kunst und Kommerz: Der Berliner Soziologe Michael Hutter untersucht die Wechselbeziehungen zwischen Ästhetik und Ökonomie.

Michael Hutter
Ernste Spiele.
Geschichten vom Aufstieg des ästhetischen Kapitalismus

Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2015
276 Seiten
34,90 Euro

Einheit von Ästhetik und Kommerz?

Was hat die Zentralperspektive mit der Erlebnisgesellschaft zu tun? Welcher moderne Künstler erhob die Einheit von Ästhetik und Kommerz zum Prinzip? Interessante Fragen, die Michael Hutter in seinem Buch "Ernste Spiele. Geschichten vom Aufstieg des ästhetischen Kapitalismus" beantworten möchte. Hutter wendet sich gegen die verbreitete Auffassung, dass ästhetische Produkte an Wert verlieren, wenn sie der kapitalistischen Waren-und Marktlogik unterworfen werden. Kunst und Kommerz sind für ihn kein Widerspruch. Mit Verweis auf die Systemtheorie von Niklas Luhmann begreift er Kunst und Ökonomie als zwei Teilsysteme der Gesellschaft, die nach eigenen Spielregeln funktionieren. Weder ließen sich ihre Spielzüge völlig miteinander verschmelzen noch strikt einander entgegensetzen. Es gehe um ein Wechselspiel, schreibt Hutter:

"In ihrer Verschiedenheit geraten kommerzielle Spielzüge und kulturelle Spielzüge ständig aneinander und ineinander. Die so ausgelösten Irritationen generieren neue Varianten von Spielzügen im jeweils anderen Spiel, und führen dort zu längerfristigen Veränderungen. Derartige Veränderungen sollten zum einen beobachtbar sein in den kommerziellen Spielen. Zum anderen in den kulturellen Spielen, die ständig mit ihrer eigenen Kommerzialisierung zu tun hatten."

Die fundamentale Irritation der Raumtäuschung

Hutter bettet sein Konzept komplementärer Spielsphären in breite theoretischer Bezüge ein: soziologisch bezieht er sich neben Luhman und Ervin Goffman auf die Feldtheorie von Pierre Bourdieu oder auf Luc Botanskis Auffassung von Gesellschaft als einem Netz verschiedener Welten. Philosophisch tauchen Johan Huizingas Kulturtheorie des Spiels auf und Hans Georg Gadamer, der betonte, wie wichtig es für Spiele ist, ernst gespielt zu werden. Wer sich durch diese ziemlich abstrakten Erörterungen am Anfang des Buchs gearbeitet hat, wird reichlich belohnt. Zwar behält Hutter auch danach noch einen wissenschaftlichen Sprachduktus bei. Aber er präsentiert sachkundig ein reichhaltiges Material zur Wechselbeziehung zwischen Kunst und Gesellschaft zwischen dem 15.Jahrhundert und der Gegenwart. Hutter konzentriert sich auf Bildwerke, zitiert ästhetische Programmschriften, porträtiert maßgebliche Künstler, referiert technische Erfindungen und ökonomische Veränderungen. Und er interpretiert stilprägende Werke aus Kunst, Gartenbau oder Architektur. Ausführlich beschreibt er, wie sich die Zentralperspektive in der italienischen Malerei des frühen 15. Jahrhunderts durchsetzte. Der Fluchtpunkt ermöglichte erstmals die perfekte Illusion eines natürlichen Raums. Die Betrachter solcher Werke konnten wie durch ein Fenster in eine dargestellte Wirklichkeit blicken und sich als Teil von ihr fühlen. Anfangs waren sie davon noch irritiert, aber rasch wuchs daraus eine Faszination, die die Grenzen der Kunst überschritt.

"Es gelang also über die betrachteten Jahrhunderte hinweg, die fundamentale Irritation der Raumtäuschung nicht nur zu überwinden, sondern an ihre Stelle das Vergnügen an selbst geschaffenen Formen in einem fiktiven, unendlichen Bildraum zu setzen. Die Verletzung, die Störung wurde transformiert in die Faszination ständig neuer Bilderfindungen."

Ästhetik und Warenlogik

Michael Hutter

Michael Hutter

Eine ästhetische Technik verwandelte sich in ein Konstruktionsprinzip von Waren das seine eigenen Märkte für "Erlebnisgüter" hervorbrachte. In zentralperspektivischer Perfektion entstanden nun auch Dekorationsgüter, Seekarten, Gebäude, Landschaftsgärten und ganze Stadtarchitekturen. Innerhalb der Kunst wurde die neue Darstellungsmöglichkeit eines einheitlichen Raums schließlich zunehmend genutzt, um soziale Prozesse direkt aufeinander zu beziehen. So artikulierte schon 1449 der Antwerpener Maler Petrus Christus in seinem Gemälde „Goldschmied in seinem Laden“ das neue Selbstbewusstsein eines aufstrebenden Stadtbürgertums: ein Goldschmied und Bankier wird als gleichrangige Figur adligen Personen gegenübergestellt. Insgesamt, so Hutters These, führe die Zentralperspektive gemeinsam mit dem kapitalistischen Luxus-und Konsumdenken in die gegenwärtige Erlebnisgesellschaft hinein. Ein ästhetisch inszenierter Illusionsraum, der unterschiedliche Bedürfnisse und Werte erlebbar macht, sprengt den Rahmen der Kunst und wird zum unmittelbaren Bestandteil der Marktgesellschaft. Um zu zeigen, wie ökonomische Erfindungen auch die Kunst irritierten und befruchteten, widmet Hutter sich der Serienproduktion. Sie beherrscht Anfang des 20. Jahrhunderts die Industrie, gleichzeitig wird Ästhetisches in Werbung, Marketing und Kunstmarkt immer stärker der Warenlogik unterworfen. Für Hutter hat Andy Warhol diese Irritation der Kunst am stringentesten verarbeitet. Etwa indem er die Fotografie von Blüten in einer Serie technisch reproduziert, dabei aber das Format und die Formen variiert.

"Bei der Flowers Series zeigte Warhol, wie sich mit billigen Materialien ästhetische Wirkung reproduzieren lässt, wenn auch in drastisch reduzierter Form. Warhol gelang es auch, die doppelte Wirksamkeit seiner Arbeiten in ein Extrem zu treiben: er erklärte sich zum Geschäftsmann, trat aber gleichzeitig mit dem Habitus des Künstlers auf, und konnte so einerseits das Repertoire kommerzieller Spiele für sein kulturelles Spiel ausbeuten, und andererseits das Repertoire des Bildkunstspieles für seinen kommerziellen Erfolg."

Wechselspiel von Kunst und Markt

Ansätze politischer Kunst oder einer ästhetischen Avantgarde, die die Gesellschaft antipodisch von der Kunst her verändern wollen, bleiben im Buch zwar unterbelichtet. Allerdings wurden bekanntlich auch sie vom kapitalistischen Markt aufgenommen und integriert. Hutters Ansatz, das gegenseitige Wechselspiel von Kunst und Markt zu untersuchen, ist daher überzeugend und sein anregendes Buch sehr zu empfehlen.

Michael Hutter: "Ernste Spiele - Geschichten vom Aufstieg des ästhetischen Kapitalismus"

WDR 3 Buchrezension | 01.07.2016 | 06:28 Min.

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Stand: 30.06.2016, 18:26