Homer - Ilias

Homer - Ilias

Homer - Ilias

Von David Eisermann

Mit der Ilias von Homer begann die europäische Literatur – im Manesse Verlag legt Kurt Steinmann jetzt eine lang erwartete Neuübersetzung des Kampfes um die Stadt Troja vor, die bis ins Detail dem bilderreichen und blutrünstigen Original treu bleibt.

Homer
Ilias
Aus dem Griechischen und kommentiert von Kurt Steinman
Mit einem Nachwort von Jan Philipp Reemtsma
Mit Illustrationen von Anton Christian
Manesse Verlag, 2017
576 Seiten
99,00 Euro

2700 Jahre

Die Ilias neu zu übersetzen – in mancher Hinsicht ist das etwa so, wie das Alte Testament neu übersetzen zu wollen. So grundlegend ist dieser Text und das Original zeitlich von uns heute genauso unvorstellbar weit entfernt. Zwischen Homer und seinem aktuellen Übersetzer Kurt Steinmann liegen 2700 Jahre. Die Sprache des Dichters und die deutsche Sprache von heute sind grundsätzlich verschieden – sowohl rhythmisch-musikalisch als auch im Horizont der Begriffe. Doch der Schweizer Altphilologe und vielfach ausgewiesene Literaturübersetzer überzeugt gleich durch seinen Ton und die Entscheidung für das sechshebige Versmaß, den deutschen Hexameter:

"Singe vom Ingrimm, Göttin, des Peleus-Sohnes Achilleus, vom verfluchten,
der zahllose Schmerzen schuf den Achaiern und viele kraftvolle Seelen der
Helden vorwarf dem Hades, aber sie selbst zu Beutestücken machte den
Hunden und den Vögeln zum Schmaus – Zeus’ Wille ging so in Erfüllung […]"

Ein Weg zum Werk

Abbildung: Homer

Homer – Vater der Dichtkunst

Steinmann lässt seine Übersetzung nicht unkommentiert, sondern verweist auf Ortega y Gasset: "La traduccíon no es la obra, sino un camino hacia la obra" – die Übersetzung ist nicht das zu übersetzende Werk, sondern lediglich ein Weg zum Werk. Strenge, aber nicht Pedanterie, Freiheit, aber nicht Willkür: wer als Übersetzer diesen Maximen folgt, ist nach Steinmann auf dem richtigen Weg. Homers Versepos ist auf Deutsch das erste Mal im 16. Jahrhundert publiziert worden – rund fünfzig Jahre nach der ersten Bibel-Übersetzung. Danach hat es zahllose Versuche gegeben, die mehr als 15000 Verse ganz oder teilweise zu übersetzen.

In unserer Zeit haben Übersetzungen von Wolfgang Schadewaldt (1975) und Raoul Schrott (2008) besonders viel Beachtung gefunden. Mit Schadewaldt grenzt Steinmann sich ab gegen "Übermalungen, Sprachmätzchen, Verkünstelungen und Verzierungen" und meint damit Raoul Schrott:

"Schmach euch, Argeier, ihr feigen Säcke, an Aussehen so blendend!"

So bei Steinmann ein Tadel der Göttin Hera an die Griechen. Dagegen Raoul Schrott:

"Schande über euch! Bloße Gipsfiguren seid ihr Griechen taugt nur für einen Tempel."

Eine Härte der Darstellung

EIn Portrait von Kurt Steinmann.

Kurt Steinmann

Steinmann bezeichnet seine Herangehensweise als dokumentarisch. Bis in die Wortstellung will er soweit wie möglich genau wiedergeben, was bei Homer eigentlich steht. Leser der neuen Übersetzung entdecken dabei eine Härte der Darstellung, die uns bisher unvertraut gewesen sein dürfte:

"Idomeneus aber stieß den Erymas mit grausamem Erze in den Mund, und
gerade hindurch fuhr die eherne Lanze unterhalb des Gehirns, die weißen
Knochen zerspaltend."

Von einem regelrechten Splatter-Effekt spricht Jan Philipp Reemtsma da zu Recht in seinem Nachwort:

"[…] und das Rückenmark spritzte ihm aus den Wirbelknochen […]"

Kriegshandlungen jeder Art

So steht das im Original schon immer bei Homer. Auf Deutsch sind solche Grausamkeiten aber stets verbrämt worden. Steinmann verschafft uns einen klaren Eindruck davon, dass Homer für ein Publikum gedichtet hat, das Kriegshandlungen jeder Art aus eigener Erfahrung kannte. Dem man nichts vormachen konnte. Die Geschichte von Ilios war für seine Hörer (und vielleicht auch Leser) eine wahre Begebenheit. Die Geschichte von Ilios – das bedeutet der Titel von Homers Ilias wörtlich auf Deutsch. Wir lesen sie heute als Dichtung über hē Ílios, "die Ilios" oder tó Ílion, "das Ilion"; lateinisch Troia. Wissenschaftler sehen darin die Erinnerung an ein Königreich an der Küste der Ägäis im Westen von Kleinasien. Zu Homers Zeiten hat es Troja längst nicht mehr gegeben. In seinem Epos schildert er eine Episode aus dem letzten Jahr des trojanischen Kriegs: die Kränkung Achills. Agamemnon, der Anführer der Griechen, nimmt Achill die ihm zustehende Kriegsbeute weg: die schöne Briseis. Der um seine Beute betrogene Achill weigert sich daraufhin, weiter unter Agamemnons Oberbefehl und überhaupt für die griechische Sache zu kämpfen. Er zieht sich und seine Truppen aus dem Kampfgeschehen zurück. Erst als die Trojaner das Lager der Griechen fast schon eingenommen und Achills besten Freund Patroklos getötet haben, folgt Achill der Bitte Agamemnons, mit seinen Kriegern zum Heer zurückzukehren. Darauf beginnt nun ein Gemetzel, das bis zum Ende des Epos andauert, kenntnis- und detailreich geschildert:

"[…] und sie brachten leichthin das schnelle Gefährt zu den Troern und den
Achaiern, stampfend auf Leichen und Schilde, sodaß die Achse von unten
ganz bespritzt war mit Blut sowie um den Wagen die Brüstung, gegen die von
den Hufen der Pferde Blutspritzer klatschten und von den Reifen der Räder […]"

Trauerfeier für Hektor

Im letzten Abschnitt der Ilias macht sich der König von Troja, Priamos, auf den Weg ins griechische Lager, um die Herausgabe seines toten Sohnes Hektor zu erflehen. Achill gewährt sie ihm schließlich. Mit der Trauerfeier für Hektor endet die Ilias. Steinmanns Übersetzung feiert zu Recht das Wunder einer so komplexen und detailreichen Erzählung in so früher Zeitstellung – ein Kunstwerk ohne Vorläufer. Kurt Steinmann ist eine Übersetzung von großer Schönheit gelungen, geistreich und psychologisch klug, die den bis zur Brutalität lakonischen Charakter des Originals bewahrt. Eine Übersetzung, die begeistert und wohl die bisher beste, die wir jetzt besitzen.

Homer - Ilias

WDR 3 Buchrezension | 14.11.2017 | 04:56 Min.

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Stand: 10.11.2017, 23:31