Mahi Binebine - Der Himmel gibt, der Himmel nimmt

Mahi Binebine - Der Himmel gibt, der Himmel nimmt

Mahi Binebine - Der Himmel gibt, der Himmel nimmt

Von Dina Netz

Vermietet an Bettlerinnen in der Medina von Marrakesch ist das Baby ist mit seinen Schnuller-Kunststücken so erfolgreich, dass seine Mutter nachts seinen Körper in Bandagen wickelt, damit Mimûn noch lange als Baby den Unterhalt der Familie sichert.

Mahi Binebine
Der Himmel gibt, der Himmel nimmt
Aus dem Französischen von Hilde Fieguth
Lenos Verlag, 2016
218 Seiten
21,90 Euro

Nicht über sondern gegen die Zustände

In jedem seiner Bücher müsse ein Homosexueller auftreten, hat Mahi Binebine einmal gesagt. Solange, bis das in Marokko keinen Skandal mehr auslöse. Mit diesem Zitat ist Binebines literarisches Programm beschrieben: Er schreibt nicht über die Zustände in seiner marokkanischen Heimat, sondern er schreibt gegen sie an. In seinem 2011 auf Deutsch erschienenen Buch "Die Engel von Sidi Moumen" versuchte er zu verstehen, wie junge Männer zu Attentätern werden. Und im neuen Roman "Der Himmel gibt, der Himmel nimmt" geht er wieder zu denen, die vom Leben eigentlich nichts zu erhoffen brauchen: zu den Straßenkindern in der Medina von Marrakesch.

Sein Protagonist heißt Mimûn und ist nicht gerade auf Rosen gebettet: Nach dem Tod des Vaters erzieht seine Mutter ihn und die fünf Geschwister allein. Um über die Runden zu kommen, vermietet sie Mimûn an Bettlerinnen. Der kleine Kerl ist gewitzt und versteht es, sich zu einer wahren Attraktion zu machen, indem er die lukrativen Bettel-Adressaten genau auswählt und zum Beispiel Kunststücke mit seinem Schnuller vollführt.

"Das Metier eines Babys fachgerecht auszuüben ist nicht jedermann gegeben. Es reicht nicht, ein unförmiger oder plärrender Verdauungsapparat zu sein, um glaubhaft zu erscheinen; echtes Talent ist nötig, vor allem wenn man es wie ich über lange Zeit betreibt. Über sehr lange Zeit. "Säugling" war also meine erste Arbeitsstelle."

Grausamkeit durch den Filter der Komik

Man hört es schon, Binebines Roman beschreibt das Elend durch den Filter der Komik. Mimûn schafft es jedenfalls, als Säugling für den gesamten Unterhalt der Familie zu sorgen. Dass Mimûns Mutter die sprudelnde Einkommensquelle nicht aufgeben will, leuchtet ein. Die Schritte, die sie dafür ergreift, sind allerdings erschreckend:

Mahi Binebine

Mahi Binebine

"Mutter hatte es sich angewöhnt, meine Beine mit Bändern zu umwickeln, die sie so fest zurrte, dass sich mein Körper damit abfand, sein Wachstum auf später zu verschieben. So eingeschnürt, sah ich weiterhin wie ein Baby aus. Mein abgezehrtes Gesicht und mein Kopf, kaum größer als eine Pampelmuse, verrieten den Trick nicht. Die Passanten spürten in mir etwas Merkwürdiges, konnten es sich aber nicht erklären."

Wie ein Schwamm

Mimûn ist es, der diese Geschichte einer fortgesetzten Gewaltausübung erzählt. Und doch ist sein Bericht, in dem er auf seine Kindheit zurückblickt, keine bittere Abrechnung mit der Mutter. Er hat durchaus Verständnis für ihre Not, fünf Kinder ohne Mann durchzubringen. Und er findet anfangs sogar Gefallen an seiner Rolle, denn als Ernährer steht er natürlich im Familien-Mittelpunkt. Mit fünf Jahren, als er, zwar verkrüppelt, aber doch deutlich kein Säugling mehr, seine Baby-Bettelkarriere definitiv aufgeben muss, macht er sogar selbst den nächsten erniedrigenden Vorschlag: Er stellt seinen nackten, geschundenen Körper zur Schau und hofft so auf das Mitleid der Passanten. Dass Mimûn bereitwillig mitmacht, weil er auf die sparsam vergebene Zuwendung der Mutter hofft, macht die Geschichte umso grausamer.

Das Thema Homosexualität inszeniert Binebine in diesem Buch ambivalent: Mimûns älterer Bruder Ali führt im Gegenzug für seine Liebesdienste ein relativ komfortables Leben bei einem alten Spanier. Und Ali überredet diesen Monsieur Salvador, Mimûn Lesen und Schreiben beizubringen. Für Mimûn öffnet sich damit zum ersten Mal eine Tür zur Welt.

"Ich war wie ein Schwamm, der noch die kleinste Information, eine unwichtige Bemerkung, eine lange zurückliegende Jahreszahl, das letzte Wort, das meine Ohren gestreift hatte, aufsaugte. Meinen Lernfortschritten entsprechend gab mir Monsieur Salvador noch mehr Material und trieb mich an."

Ein Bild marokkanischer Armut

Nicht selten wird in marokkanischen Büchern der Besuch des Königs in ihrer Stadt ein Schicksalstag für die Bewohner – weil die Fassaden auf Hochglanz poliert und die ohnehin Benachteiligten an den Stadtrand verdrängt werden. Mahi Binebines Schriftstellerkollege Abdellah Taïa hat darüber einen ganzen Roman geschrieben, „Der Tag des Königs“. Auch Mimûns Leben ändert sich von Grund auf, als der König Marrakesch besucht: Er lernt die Liebe kennen, verlässt seine Heimatstadt und damit auch die engen Familienbande. Dieser Aufbruch wird allerdings nichts daran ändern, dass er weiter seinen Lebensunterhalt mit dem eigenen Körper verdienen wird. Es ist keine wirkliche Befreiung. Vielleicht noch nicht, das lässt Mahi Binebine wohl bewusst offen, um der Hoffnung nicht ganz die Tür vor der Nase zuzuschlagen.

Denn das Bild, das Binebine von den marokkanischen Armen zeichnet, ist düster. Für die Straßenkinder gibt es nicht viele Wege aus der Misere, sie haben alle mit dem Verkauf ihres Körpers zu tun, und Mahi Binebine reiht sie geradezu exemplarisch auf: Der eine Bruder verkauft sich an einen Homosexuellen, der andere verdient sein Geld mit Boxkämpfen, und Mimûn stellt sich zur Schau. Dieses Exemplarische ist eine Schwäche des Romans, denn dadurch bleiben die Figuren etwas typenhaft.

Trotzdem ist Mahi Binebines Buch lesenswert und wichtig, denn der Autor prangert nicht larmoyant die Zustände in seiner Heimat an, wie das andere marokkanische Schriftsteller tun. Sondern er weckt mit seiner witzigen und empathischen Erzählweise Mitgefühl für diejenigen auf der Schattenseite des Lebens. Und mehr.

Mahi Binebine - Der Himmel gibt, der Himmel nimmt

WDR 3 Buchrezension | 19.04.2017 | 05:30 Min.

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Stand: 19.04.2017, 06:05