Herbstlektüre mit Elke Heidenreich

Buchcover: Sven Regener: "Wiener Straße", Ayelet Gunda-Goshen: "Lügnerin", Marana Leky: "Was man von hier aus sehen kann", Richard Ford: "Zwischen ihnen"

Herbstlektüre mit Elke Heidenreich

Der Herbst ist da, die Tage werden immer kürzer und damit hat auch die "gemütliche Zeit" begonnen. Couch, warme Decke, und leckerer Tee, fehlt nur noch das passende Buch. Dafür gibt es ja bei uns die Fachfrau: Elke Heidenreich.

Sie hat sich durch die vielen, vielen Bücher gekämpft, die neu erschienen sind, und vier ausgesucht.

Elke Heidenreich

Elke Heidenreich

Wie immer sind es vier sehr unterschiedliche Geschichten. Mit dabei ein sehr berührendes Buch eines amerikanischen Autors über die Liebesgeschichte seiner Eltern und eines, in dem die heile Welt eines mittelalterlichen Ehepaares auf sehr skurrile Art in sich zusammen fällt.

"Wiener Straße von Sven Regener

Die Prosa-Sause des Sven Regener geht weiter, könnte man sagen, wenn man in dessen ureigene Sprachschatulle greift. Der Sänger und Trompeter der Band "Element of Crime" macht seit über 15 Jahren, seit dem gigantischen Erfolg von "Herr Lehmann", auch in der Bücherwelt ordentlich Betrieb.

Buchcover: Sven Regener: "Wiener Straße"

Tiefe und Abgründigkeit bekam die Geschichte des Kreuzberger Bierzapfers Frank Lehmann, der in den frühen 80ern vom beschaulichen Bremen ins anarchische West-Berlin zieht, in den Romanen "Neue Vahr Süd" und "Der kleine Bruder". Zuletzt hat Regener 2013 in 'Magical Mystery' davon erzählt, wie Franks bester Freund Karl Schmidt Mitte der 90er-Jahre zum Techno-Künstler wird. Jetzt liegt sein neuer Roman vor: "Wiener Straße". Der war auf der 'Long List' für den deutschen Buchpreis und ist wirklich sehr lustig. Viele schräge Vögel in einer schrägen Welt.

"Wiener Straße" von Sven Regener

WDR 4 Bücher | 10.11.2017 | 02:47 Min.

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Wiener Straße
Autor: Sven Regener
Verlag: Kiepenheuer & Witch
304 Seiten
22,00 €

Ayelet Gundar-Goshen "Lügnerin"

Als die junge Nuphar von einem älteren Mann beleidigt und bedrängt wird, eilen ihr Soldatinnen zu Hilfe und glauben, der Mann habe das Mädchen sexuell bedrängt. Nuphar bejaht dies und bereut ihre Lüge nicht, denn sie beschert ihr die lang ersehnte Aufmerksamkeit.

Nuphar jobbt in einer Tel Aviver Eisdiele. Das Mädchen ist keine strahlende Schönheit, nicht anmutig, deswegen in der Öffentlichkeit gerade für das andere Geschlecht eigentlich unsichtbar. Als der gehemmte, einsame Teenager die nachlässig formulierte Bestellung eines alternden Schlagerstars korrigiert, fühlt der sich mächtig auf den Schlips getreten und faltet mit der Arroganz der ehemaligen 'very important person' das Mädel zusammen; sie möge sich gefälligst die Augenbrauen zupfen, bevor sie unter Menschen gehe. Es folgen weitere Beleidigungen, die Geschichte nimmt ihren Lauf.

Buchcover: Ayelet Gunda-Goshen: "Lügnerin"

In ihrem Hauptberuf als Psychologin macht die Romanautorin Ayelet Gundar-Goshen immer wieder die Erfahrung, dass Menschen, die durch beleidigende Worte herabgesetzt oder lächerlich gemacht wurden, diese noch Jahre später exakt wiedergeben können. Es stört die 35 Jahre alte Autorin erheblich, dass die israelische Gesellschaft verbale Grobheiten leichtfertig als Ausdruck unverstellter Direktheit toleriert. Deshalb hat sie einen Fall konstruiert, in dem ein einziges Wort das Leben zweier Menschen schlagartig verändert.

Es geht in diesem Roman um die Macht der Worte, um Anklagen und Geständnisse, um die Versuchung, zu lügen und die Schwierigkeit, zur Wahrheit zurück zu finden. Ayelet Gundar-Goshen besitzt eine geschulte, scharfe Beobachtungsgabe. Sie schildert, wie der neue Status als "Medienprinzessin" die sozialen Beziehungen des Teenagers neu definiert, und sie erspürt, wie ihre Protagonistin Geschmack an der Manipulation der Wirklichkeit findet.

"Lügnerin" von Ayelet Gundar-Goshen

WDR 4 Bücher | 10.11.2017 | 02:47 Min.

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Lügnerin
Autorin: Ayelet Gunda-Goshen
Verlag: Kein und Aber
336 Seiten
24 €

"Was man von hier aus sehen kann" von Mariana Leky

Mit dem Erzählband "Liebesperlen" betrat Mariana Leky vor 16 Jahren die literarische Bühne. Sie hatte in Hildesheim Kreatives Schreiben studiert, vorher Germanistik in Tübingen. Auch eine Buchhändlerlehre hatte die heute 44-Jährige schon hinter sich. Mit den Romanen "Erste Hilfe" und "Die Herrenausstatterin" ging es weiter. Jetzt ist ihr neuer Roman erschienen: "Was man von hier aus sehen kann".

Buchcover: Mariana Leky: "Was man von hier aus sehen kann"

Der Klappentext könnte abschreckend wirken: "Immer, wenn der alten Selma im Traum ein Okapi erscheint, stirbt am nächsten Tag jemand im Dorf." Das klingt krampfhaft originell - nach einem dieser Bücher, in denen nichts passiert, die aber unbedingt zum Nachdenken anregen sollen. Dieser Roman ist bevölkert von merkwürdigen Charakteren und erzählt nicht unbedingt eine richtige Geschichte. Warum sollte man dann so ein Buch lesen? In diesem Fall ist die Antwort einfach: Weil Mariana Leky es geschrieben hat und weil sie zum Niederknien schreiben kann. Ihre Sprache ist überraschend, lustig, wahr.

"Was man von hier aus sehen kann" von Mariana Leky

WDR 4 Bücher | 10.11.2017 | 02:25 Min.

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Was man von hier aus sehen kann
Autorin: Mariana Leky
Verlag: Dumont
320 Seiten
20 €


"Zwischen ihnen" von Richard Ford

Die eigenen Eltern sind einem sehr nahe und doch manchmal erschreckend fremd. Was hat sie zusammengebracht, damals in Zeiten, als man als Kind noch gar nicht auf der Welt war? Wie waren Vater und Mutter als junge Leute, waren sie so, wie man heute selber ist?

Buchcover: Richard Ford: "Zwischen ihnen"

Richard Ford ist der vielleicht bedeutendste US-amerikanische Autor und er hat, wie wir, genau diese Fragen. Daraus hat er ein Buch gemacht – als Sohn des Handlungsreisenden Parker Carrol Ford und seiner Frau Edna, die ihren Mann 15 Jahre lang auf seinen Touren durch den Süden der USA begleitet hatte, bis sie zu ihrer eigenen Überraschung im Sommer 1943 doch noch schwanger wurde. Siebzehn Jahre alt war Edna gewesen, als sie Carrol Ende der Zwanzigerjahre zum ersten Mal sah, "im Lebensmittelladen von Hot Springs, wo sie mit ihren Eltern lebte".

Er war sieben Jahre älter als sie, ein "Obst- und Gemüsemann", sie verkaufte Zigarren in dem Hotel, in dem ihre Mutter und ihr Stiefvater arbeiteten. Beide kamen aus Arkansas, vom Land, aus Familien, die jede für sich einen Roman wert gewesen wären. Ein an Seiten dünner Band, den man an einem etwas längeren Abend lesen kann. Um ihn dann aber immer wieder zur Hand zu nehmen.

"Zwischen ihnen" von Richard Ford

WDR 4 Bücher | 10.11.2017 | 02:38 Min.

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Zwischen ihnen
Autor: Richard Ford
Verlag: Hanser
144 Seiten
18 €


Stand: 10.11.2017, 00:00