Heinrich Böll - kamerascheuer Kritiker der Fotografie

Heinrich Böll - kamerascheuer Kritiker der Fotografie

Von Sabine Tenta

Er selbst war ein lausiger Fotograf und kamerascheu. Aber als Kritiker hat Heinrich Böll bereits erstaunlich früh eine Moral der Fotografie formuliert. Sie steht im Mittelpunkt einer Ausstellung in Köln.

Heinrich Böll am Schreibtisch, Aufnahme von Heinz Held aus dem Jahr 1971

"Wie wurde Böll am Morgen, am Abend, von vorne und von hinten fotografiert?" Das sei die Erwartungshaltung von vielen Menschen im Vorfeld ihrer Ausstellung gewesen, berichtet Kuratorin Miriam Halwani. Doch statt einer Flut von Böll-Aufnahmen zeigt das Museum Ludwig lieber, welches Verhältnis der Literaturnobelpreisträger zur Fotografie hatte. In ausgewählten Fotos und Texten.

"Wie wurde Böll am Morgen, am Abend, von vorne und von hinten fotografiert?" Das sei die Erwartungshaltung von vielen Menschen im Vorfeld ihrer Ausstellung gewesen, berichtet Kuratorin Miriam Halwani. Doch statt einer Flut von Böll-Aufnahmen zeigt das Museum Ludwig lieber, welches Verhältnis der Literaturnobelpreisträger zur Fotografie hatte. In ausgewählten Fotos und Texten.

Anlässlich von Bölls 100. Geburtstag im Dezember zeigt das Kölner Museum Ludwig ab Freitag (01.09.2017) die Ausstellung "Die humane Kamera. Heinrich Böll und die Fotografie". In ihrem Mittelpunkt steht ein Vorwort, das Heinrich Böll 1964 für den Katalog zur "Weltausstellung der Photographie" schrieb. Diese Ausstellung, die unter dem Motto "Was ist der Mensch?" stand, wurde damals von verschiedenen Museen in mehreren Städten gezeigt.

Mahnend schreibt Böll im Vorwort: "Wo die Kamera zudringlich wird, ihr Instrument, das Objektiv, zum Instrument des Subjekts, des Photographen wird, der darauf aus ist, den Menschen zu ertappen, zu denunzieren, zu entlarven, überschreitet die Photographie ihre ästhetische und gleichzeitig ihre moralische Grenze." Alles andere als zudringlich war übrigens der mit Böll befreundete Kölner Fotograf Chargesheimer, von dem diese sehr persönliche Aufnahme des Schriftstellers stammt.

Immer wieder reflektierte Böll in seinem fiktionalen Werk kritisch die Rolle der Fotografie. So auch in seinem Roman "Die verlorene Ehre der Katharina Blum". Ein Szenenbild aus der Verfilmung zeigt die Schamlosigkeit von Pressefotografen. Eine Erfahrung, die auch die Familie Böll machen musste. Sohn René Böll erinnert sich: "Wir haben es erlebt als Familie, dass die Fotografen sehr aufdringlich waren, besonders bei der Beerdigung."

In der Kölner Ausstellung sind auch einige ausgewählte Porträts zu sehen, die Heinz Held von Heinrich Böll machte. Die Aufnahmen sind in der Schillerstraße 99 in Köln entstanden, wo Heinrich Böll zwischen 1946 und 1954 wohnte. Die Familien Böll und Held waren eng miteinander befreundet.

Diese Vertrautheit und Nähe spiegelt sich auch in den Fotos wider. Sohn René Böll erzählt: "Mein Vater wurde sehr ungern fotografiert, er wusste nie, wie er sich verhalten sollte." Darum habe die Familie selbst ihn auch selten fotografiert.

Die Fotos von Heinz Held präsentiert das Museum inklusive der Negativstreifen und Kontaktabzüge. Es lohnt sich, näher zu treten und die zum Teil winzigen Aufnahmen zu studieren. Sie machen die Arbeit des Fotografen transparent, seinen Auswahlprozess und die Bildbearbeitungen in der Dunkelkammer. Ein Foto war nie ein schlichtes Abbild der Wirklichkeit, das wusste auch Heinrich Böll. Er schrieb: "Nicht einmal eine Fotografie ist ja wirklichkeitsgetreu: Sie ist ausgewählt, hat einige chemische Prozesse hinter sich, sie wird reproduziert."

Heinrich Böll hat sich aber nicht nur kritisch über die Fotografie geäußert, sondern auch mit dem Kölner Fotografen Chargesheimer eng zusammengearbeitet: Gemeinsam schufen sie die drei Fotobücher "Im Ruhrgebiet", "Unter Krahnenbäumen" und "Menschen am Rhein". Heinrich Böll schrieb jeweils die Texte. Wobei diese Texte eigenständige Werke zum Thema waren. Weder hat Böll die Bilder des Fotografen beschrieben, noch hat Chargesheimer die Texte von Böll illustriert.

Das Buch "Im Ruhrgebiet" wurde bei seinem Erscheinen 1958 heftig kritisiert. Zu schonungslos war der Blick auf die Armut der Bewohner, so düster das Bild der wichtigen Industrieregion. Böll war zur Recherche ins Ruhrgebiet gereist und studierte dezent beobachtend das Leben der Menschen dort.

Auch für Chargesheimers legendäres Fotobuch "Köln 5 Uhr 30", das heute auf dem Fotobuchmarkt zu vierstelligen Spitzenpreisen gehandelt wird, hatte Heinrich Böll einen Text verfasst. Der wurde jedoch nicht gedruckt. Laut Kuratorin Miriam Halwani sei es offen, ob Chargesheimer oder der Verlag den Böll-Text zurückgewiesen hätten. In der Ausstellung zu sehen ist das von Böll handschriftlich korrigierte Schreibmaschinen-Skript.

"Böll war ein sehr visueller Mensch, auch in seinem Schreiben", sagt Miriam Halwani. So verwundert es nicht, dass der Schriftsteller in seinem Arbeitszimmer in Langenbroich diese Grafik der menschlichen Iris hängen hatte.

Für den letzten Roman Bölls "Frauen vor Flusslandschaft" hat René mit seinem Vater gemeinsam in Bonn recherchiert und 72 Fotos von den Örtlichkeiten gemacht, die später im Roman eine Rolle spielen. Die Ausdrucke dienten dem Schriftsteller als Anregung und visuelle Stütze, aber nicht als Vorlage, die eins zu eins Eingang in den Text gefunden hätte. "Die Literatur ist immer eine Verarbeitung", betont René Böll.

Heinrich Böll selbst war eher ein bescheidener Fotograf, wie sein Sohn René berichtet: "In Irland hat er selber fotografiert. Nicht sehr gut, muss man sagen. Die Fotos sind relativ schlecht, die kann man fast vergessen." Und Kuratorin Miriam Halwani ergänzt lachend: "Deshalb stellen wir sie auch nicht aus."

Die Ausstellung "Die humane Kamera. Heinrich Böll und die Fotografie" ist vom 01.09.2017 bis zum 07.01.2018 im Museum Ludwig in Köln zu sehen. Begleitend ist eine Publikation erschienen. Sie enthält unter anderem das Vorwort von Böll zum Katalog der "Weltausstellung der Photographie" und Fotos der aktuellen Kölner Böll-Schau.

Stand: 31.08.2017, 12:09 Uhr