Graham Swift - Ein Festtag

Graham Swift - Ein Festtag

Graham Swift - Ein Festtag

Von Andreas Wirthensohn

Historische Miniatur, Liebeserzählung, Geschichte einer Selbstfindung – Graham Swift erweist sich erneut als Meister der eher kleinen Form.

Graham Swift
Ein Festtag
Roman
Aus dem Englischen von Susanne Höbel
dtv, 2017
142 Seiten
18,00 Euro

Wir schreiben das Jahr 1924

Es ist Ende März und doch schon ungewöhnlich warm wie an einem Junitag. Es ist Sonntag, genauer: Mothering Sunday, ein einstmals kirchlicher Festtag, an dem man nach Hause fuhr zu seiner Mutterkirche und irgendwann dann, ganz weltlich, einfach nur zu Muttern. Wir befinden uns in der englischen Provinz, wo die feinen Leute noch Dienstmädchen haben. Nicht mehr so viele wie vor dem Großen Krieg, meist sind es nur noch zwei, eines für die Küche und eines für den Haushalt. Die Haushalte sind kleiner geworden, denn viele Söhne sind nicht wieder nach Hause gekommen von den blutigen Schlachtfeldern in Frankreich. Es sind Jahre der Trauer, eine Zeit des Dazwischen, in der Vergangenheit und Zukunft zu einer seltsam flüchtigen Gegenwart zusammenfließen.

"Eine seltsame Angelegenheit, dieser Muttertag, (…) ein schon überholtes Ritual, an dem aber die Nivens – und die Sheringhams – festhielten, so wie auch die Welt daran festhielt, oder wenigstens die verträumte Welt von Berkshire, aus dem traurigen Wunsch, die Vergangenheit zurückhaben zu wollen. Und wie auch die Nivens und die Sheringhams mehr als früher aneinander festhielten, als wären sie zu einer einzigen, kläglich verminderten Familie zusammengeworfen."

Ein Findelkind

Jane Fairchild ist Dienstmädchen bei den Nivens, doch statt wie die anderen jungen Frauen fährt sie an diesem festlichen Tag nicht nach Hause, denn sie ist kurz nach ihrer Geburt vor 22 Jahren ausgesetzt worden – ein Findelkind ohne Mutter, ohne Vater. Stattdessen radelt sie zu den Sheringhams, zu Paul, dem einzig verbliebenen Sohn des Hauses, mit dem sie seit sieben Jahren eine Affäre hat und der in zwei Wochen standesgemäß heiraten wird. Da die "Altvorderen", wie sie gerne genannt werden, auswärts zum Lunch weilen und die Bediensteten ihre Mütter besuchen, treffen sich die beiden nicht wie sonst im Gewächshaus oder in den ungenutzten Stallungen, sondern erstmals im Herrenhaus.

"Das war seine Anweisung gewesen, sein Befehl. Zur Eingangstür. Erst als sie durch das Tor radelte, wurde ihr die Außergewöhnlichkeit bewusst, die Einmaligkeit des Geschenks – ja, dies war ihr Tag. Zur Eingangstür! Und anscheinend hatte er sie dabei beobachtet, denn kaum hatte sie mit dem Fahrrad beim Eingang angehalten, da öffnete sich die Tür – vielmehr der eine Flügel des imposanten, glänzend schwarzen Portals – wie durch eine wundersame, ihr innewohnende Kraft."

Nackt im Herrenhaus

Graham Swift

Graham Swift

Nach innig vollzogenem Liebesakt muss Paul weg, er ist mit seiner künftigen Gattin Emma zum Essen verabredet, während Jane noch ein wenig bleibt und splitternackt die Räumlichkeiten jenseits des Schlafzimmers erkundet, um, wie sie sagt, diesem Haus ihre Anwesenheit einzuschreiben.

"Sie wanderte von einem Zimmer zum anderen. Sie sah sich um und nahm alles auf, aber insgeheim beschenkte sie es auch. Sie schien mit dem Wissen durch die Räume zu schweben, dass ihr Besuch in seiner ganzen Ungeheuerlichkeit – sie hatte keine Faser am Leib – unbemerkt bleiben würde, dass niemand je davon erfahren würde. Als würde ihre Nacktheit ihr nicht nur Unsichtbarkeit verleihen, sondern sie auch der Dinglichkeit entheben."

Ein plötzliches Gefühl der Freiheit

Mehr als fünfzig großartige Seiten lang schildert Jane mit unendlicher Akribie, wie beide nackt nebeneinander im Bett liegen und rauchen, wie Paul sich wie in Zeitlupe ankleidet und wie sie selbst neugierig die Räume durchstreift. Als sie das Haus schließlich verlässt, ist sie eine andere geworden. Ein plötzliches Gefühl der Freiheit durchflutet sie; sie weiß, dass die Affäre mit Paul zu Ende ist, doch statt Traurigkeit herrscht ein Gefühl des Aufbruchs. Dieser Tag ist für sie ein Festtag, obwohl er noch schreckliche Ereignisse bereithält.

"Ihr Leben fing an, es war nicht zu Ende, es war nicht vorbei. Nie könnte (noch müsste) sie dieses unlogische und sie umhüllende Gefühl, dass alles nach außen gewendet war, erklären. Als wäre der Tag umgestülpt worden, als wäre das, was sie zurückließ, nicht eingeschlossen, verloren, begraben in einem Haus. Sondern strömte nach außen und vermischte sich mit der Luft, die sie atmete. Das würde sie nie erklären können, und sie spürte es auch dann nicht weniger, als sie nach und nach entdeckte, wie der Tag wirklich von innen nach außen gekehrt worden war. Konnte das Leben so grausam und so freigebig zugleich sein?"

Ein Festtag

Aus dem Waisenkind und Dienstmädchen Jane wird an diesem Tag eine Schriftstellerin, aus einem Niemand wird ein Jemand, aus einem leeren, unbeschriebenen Blatt wird Literatur, wird diese Erzählung. Fast 100 Jahre alt ist die inzwischen berühmt gewordene Autorin Jane, die uns diese Geschichte hier aus fast schon gottgleicher Perspektive erzählt. Und die mit dieser kunstvoll gestalteten "romance", wie die Gattungsbezeichnung im Englischen lautet, aufs Schönste demonstriert, was Literatur vermag. Aus dem Ineinander von Dichtung und Wahrheit, aus der „Unbeständigkeit der Wörter“, sie Jane es nennt, erwächst eine eigene Wirklichkeit, eine poetische Wahrhaftigkeit, die etwas Flirrendes an sich hat, so als sei sie aller Dinglichkeit enthoben.

"Es ging darum, dem, was das Leben ausmachte, treu zu sein, zu versuchen, genau das einzufangen, was Lebendigsein bedeutete, obwohl das nie gelang. Es ging darum, eine Sprache zu finden. Und es ging darum (…), der Tatsache treu zu sein, dass viele Dinge im Leben, oh, so viele mehr als wir uns vorstellen, nie erklärt werden können."

Stand: 18.06.2017, 12:02