Saša Stanišić - Georg Horvath ist verstimmt

Saša Stanišić - Georg Horvath ist verstimmt

Saša Stanišić - Georg Horvath ist verstimmt

Von Christel Wester

Der Schriftsteller Saša Stanišić hat drei Geschichten aus seinem Erzählungsband "Fallensteller" kunstvoll verschachtelt in ein Hörspiel verwandelt. Herausgekommen ist ein verwirrendes wie betörendes akustisches Feuerwerk.

Saša Stanišić
Georg Horvath ist verstimmt
Autorenhörspiel nach einer Erzählung aus: Fallensteller
Regie: Oliver Sturm
Musik: Andreas Bick
Mit Martin Engler, Victorika Trauttmannsdorff, Barnaby Metschurat u.v.a.
Produktion NDR 2017 Der Hörverlag
1 CD, Laufzeit ca. 1 Std
ISBN-10: 3844527176
ISBN-13: 978-3844527179

Saša Stanišić kam mit 14 Jahren als Bürgerkriegsflüchtling aus Ex-Jugoslawien nach Deutschland, seine Kindheit verbrachte er in Bosnien-Herzegowina. Heute ist er 39 Jahre alt und ein bekannter deutschsprachiger Schriftsteller. Den Krieg in Jugoslawien, die Flucht und die Ankunft in einem fremden Land hat er in seinem ersten Roman verarbeitet. „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ wurde inzwischen in 30 Sprachen übersetzt. Richtig bekannt machte ihn allerdings erst sein zweiter Roman, der 2014 erschien und in der Uckermark spielt. Für „Vor dem Fest“ bekam Saša Stanišić u. a. den Preis der Leipziger Buchmesse. Sein drittes Buch „Fallensteller“ erschien im vergangenen Jahr, ein Band mit Erzählungen, die als Live-Mitschnitte von Autorenlesungen auch als Hörbuch erschienen sind. Nun aber hat Saša Stanišić selbst drei Erzählungen aus dem Band "Fallensteller" in ein Hörspiel verwandelt. "Georg Horvath ist verstimmt" lautet der Titel.

Sasa Stanisic - Georg Horvath ist verstimmt

WDR 3 Buchrezension | 12.10.2017 | 06:15 Min.

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Atmo Flugzeug

Saša Stanišićs Hörspiel beginnt in einem Flugzeug – doch abheben lässt der Autor nicht nur seinen Protagonisten Georg Horvath, sondern auch die Zuhörer.

Atmo Flugzeug

Denn was ganz realistisch beginnt, wird schnell zu – ja, was eigentlich? Am besten treffen es zwei Wörter, die im Hörspiel immer mal wieder fallen.

Kafkaeskul. Groteskul. Kafkaeskul! Groteskul!

Saša Stanišićs erzählt eine ziemlich abgedrehte Geschichte, aus der der Regisseur Oliver Sturm ein akustisches Kunstwerk geschaffen hat, das extrem verwirrt und zugleich doch auch betört. Denn es ist eine unglaublich gute Komposition aus Geräuschen, Musik und den sich teilweise überlappenden Stimmen eines 14-köpfigen Schauspielerensembles. Herausragend Martin Engler, der den Protagonisten Georg Horvath verkörpert. Dieser Georg Horvath wird irritierenderweise nicht nur als Hauptfigur, sondern auch als Autor dieses Hörspiels eingeführt.

Ein Hörspiel von Georg Horvath.

Horvath hat schriftstellerische Ambitionen.

"Das solltest du eigentlich Regina erzählen, mit dem Hörspiel. Nach dem Tod des Romans ist das Hörspiel noch die einzige Form, die dir wirklich alle Freiheiten lässt, die das Experiment sogar einfordert und an Sprache in Sprache aufgeht. Genau. ..Überhaupt solltest du ihr erzählen, dass du wieder schreibst."

Er hat alles über

Horvath ist jedoch eher ein Freizeitschreiber, im Hauptberuf Justiziar einer Brauereiholding und auf einer Dienstreise nach Brasilien. Der Mann reist viel.

"Atmo. Guten Tag, das bin ich, Horvath. Ah, bon dia. Horwath? Horvath, yes, you spelled it wrong, it’s Horvath with a v, macht nichts. Senior. Ja, v und w verwechseln, it’s ok."

Schnell wird klar: Dieser Horvath ist ein Pedant. Und er hat alles über.

"Werbebanner auf Werbebanner auf Werbebanner, Telekommunikation, Automobilindustrie, Bushaltestellen, Pendler, Smartphonegesichter, nackte Knie, frieren, der Verkehr wird dichter, je heller der Morgen. Look, the sun is rising."

Allgegenwärtiger Sprachmüll

Horvath jettet im spätkapitalistischen Internetzeitalter durch die globalisierte Welt. Unterwegs nach Rio, erinnert sich an die letzte Reise nach Bukarest, alles gleicht sich irgendwie – die Reklame, die Autos, das Warenangebot in den Geschäften, alle sprechen holpriges Englisch. Horvath leidet vor allem an einem: dem allgegenwärtigen Sprachmüll.

"Wie sie unschwer erkennen können, befinden wir uns im Landeanflug auf Rio. Das Wetter ist, wie soll es anders sein, jetzt schon bestens. Angenehme 18 Grad, klarer Himmel. – Wie kann ein Himmel klar sein? Was soll das? Der Blick, vielleicht der Blick zum Himmel, die Sicht… - nun noch die Vorhersage für den Rest des Tages: Freude pur, strahlender Sonnenschein. – Aber doch nur, wenn dich Sonnenschein freut. – Perfektes Strandwetter. Auch in anderen Teilen des Landes Temperaturen knapp über 30 Grad. – Herrgott, wie viel kann man denn über einen sonnigen Tag in Rio erzählen. – Excuse me. – Herr Horvath, ausreden lassen. Schauen Sie doch aus dem Fenster, da können Sie das wunderbare Lichtermeer von Rio sehen. Außer Sie sind im Radio, da können Sie sich das bloß vorstellen."

Ein Feuerwerk ironischer Slapstickszenen

Saša Stanišić

Saša Stanišić

Saša Stanišić ist ein genauer Beobachter und ein Sprachvirtuose, dessen Gesellschaftskritik nie moralinsauer, sondern immer mit spielerischem Witz daherkommt. Dieses Hörspiel besteht aus einem Feuerwerk ironischer Slapstickszenen, die in ihrer Überdrehtheit geradezu hyperrealistisch sind. Und durchwoben mit sprachskeptischen Bemerkungen. Wie bei dieser internen Geschäftssitzungen.

"Neu ist, dass wir nicht mehr federführend sind. – Federführend. Räuspern. – Die brasilianischen Kollegen haben vor Ort übernommen. Nicht direkt vor Ort, sie sitzen in Sao Paulo. Sie haben nun das Sagen – die Leitung inne. Ein Mann namens Arnoldo Awila. Danke Herr Powalla. Awila ist der Contract-Manager."

Ein neues literarisches Werk

Saša Stanišić hat drei Geschichten mit der Figur Georg Horvath aus seinem Erzählungsband "Fallensteller" kunstvoll ineinander geschachtelt und auf diese Weise ein ganz neues literarisches Werk geschaffen. Das Hörspiel „Georg Horvath ist verstimmt“ erzählt die Geschichte eines erfolgreichen Geschäftsmannes, der plötzlich nicht mehr wie üblich funktioniert und sich selbst abhanden kommt.

"Entschuldigen Sie, würden Sie bitte die Sonnenblende hochziehen. – Nein. Ach so. – Wie bitte? – Muss es zu dieser Uhrzeit nicht eigentlich Mondblende heißen?"

Eine Vogelbeobachtungsstation im Dschungel

Georg Horvath sitzt erst im Flugzeug, dann im Taxi. Während der Fahrt blitzen Szenen aus seinem Privatleben auf, die auf Beziehungsmüdigkeit schließen lassen. Horvath macht in seiner Genervtheit stark den Eindruck, als ob er am liebsten aus seinem Leben fliehen wollte. Dann erinnert er sich an eine Reise nach Bukarest, wo er aus einem labyrinthischen Hotel kaum noch herausfand und anschließend im Taxi in Panik geriet, weil er dem Fahrer nicht vertraute und fürchtete, irgendwo im Nirwana zu landen. Und genau das passiert ihm jetzt in Rio. Georg Horvath landet auf einer Vogelbeobachtungsstation im Dschungel, was er auf eigentümliche Weise genießt. Doch das darf man sich nicht als Happy End vorstellen.

Stand: 12.10.2017, 09:30