Naira Gelaschwili - Ich bin sie

Naira Gelaschwili - Ich bin sie

Naira Gelaschwili - Ich bin sie

Von Anja Hirsch

"Etwas Schutzloses ist entstanden", heißt es in diesem Roman einer unerwiderten Liebe:
Mit ihm gelang der georgischen Autorin Naira Gelaschwili in ihrer Heimat ein Bestseller.

Zum ersten Mal

Alles, was man zum ersten Mal macht, ist besonders. Auch das sich-Verlieben. Im Falle der 13-jährigen Nia entfesselt das Verliebtheits-Gefühl einen wahren Affektesturm. Man muss sich fast ein wenig Sorgen um sie machen.

"Sie kniete nieder, warf ihre Schultasche auf die Erde und begann mit Blättersammeln. Unvermittelt blickte sie zur Seite und erfror auf der Stelle: Er kam die Treppe runter: Er! Seinen Regenmantel schwenkend, kam Er direkt auf sie zu. Gesenkten Kopfs fing sie an, mit einem Stöckchen den Erdboden zu kratzen. Ihr wurde schwarz vor Augen. Sie fühlte, wie Er an ihr vorbeiging, schnellen Schritts. Der leichte Wind hat Seine Körperwärme und Geruch zu ihr geweht. So nah war sie ihm noch nie gewesen."

Grüß dich, mein Tagebuch

1947 geboren, während der letzten Phase Stalinscher Säuberungen, der auch über 30000 Georgier zum Opfer fielen, hat die Autorin Naira Gelaschwili, die heute in Tiflis lebt, die verschiedensten Phasen und Revolutionen ihres Landes miterlebt. Doch Politik spielt in diesem Roman kaum eine Rolle. "Ich bin sie" erzählt von einer erwachsenen Frau, die ihren Gefühlen als junges Mädchen nachspürt. Der viel ältere Medizinstudent aus der Nachbarschaft hatte es Nia angetan. Täglich sieht sie ihn vom Fenster aus. Gelaschwili beschreibt diesen Gefühlsaufwall aus Zartheit, Ungestümheit und Zerrissenheit sehr genau. Ist der Mann krank, rennt Nia los und besorgt Milch und Honig und stellt ihm die Tasche heimlich vor die Tür. "Ich liebe dich", schreibt sie in den Schnee, den er von seinem Balkon aus sehen kann. Voller Hoffnung auf eine beiläufig sich ergebende Begegnung folgt sie ihm durch die Straßen oder pflückt verträumt Veilchen in abgelegenen Gegenden. Doch er sieht sie kaum - und so muss sie sich einen anderen Ansprechpartner suchen.

Naira Gelaschwili

Naira Gelaschwili

"Grüß dich, mein Tagebuch! Noch bist du kein Tagebuch, weil deine Seiten leer sind. Aber ich werde dir mein Herz anvertrauen und so wirst du ein Tagebuch werden. Mein Vertrauter. Du wirst gefüllt mit meinen Worten, die außer dir niemand kennen wird. Diese Worte werden von Ihm erzählen. Also, Er, du und ich werden beisammen sein. Falls meine Eltern, mein Bruder oder meine Großmutter versuchen sollten, dich zu lesen, erlaube ihnen das nicht: Flieg und verschwinde in der Luft, selbst wenn es schneit, oder stürze dich ins Feuer, unser Kohlenofen steht neben dir. So muss unsere Freundschaft sein."

Eine pulsierende Porträtstudie

In der Tat liest sich Naira Gelaschwilis pulsierende Porträtstudie einer jungen Liebeskranken streckenweise wie Jugendliteratur in seiner besten Form. Die entwaffnend offenherzige Innenschau der 13-Jährigen, die einem irgendwie ans Herz wächst, wird regelmäßig durchbrochen von anderen Zeitabschnitten. Perspektiv- und Tonartenwechsel sorgen bei der Lektüre für Abwechslung. Die Erzählspanne reicht von 1959 bis ins Jahr 2010, als Nia 63 Jahre alt ist. Da entdeckt sie den Mann per Zufall wieder - er behandelt als Arzt ihre beste Freundin.

"Was tu ich jetzt also? Ihn anrufen? Und was sage ich? Wenn Er selbst abhebt? Und wenn seine Frau rangeht? Er ist doch ganz sicher verheiratet? Ich habe doch auch geheiratet... Aber ich habe mich scheiden lassen... vielleicht hat Er sich auch scheiden lassen..."

Das Hinübergleiten in verschiedene Lebensalter

Die Erzählerin erinnert sich auch an die Zeit, als sie Deutsch lehrte. Diese Seminarbeschreibungen, meist in Dialogform, gehören zu den schönsten Passagen im Buch und dürften aus dem Erfahrungsschatz der Autorin selbst stammen. Nach einem Studium der Germanistik unterrichtete sie an der Universität - das war in den Jahren vor ihrer Zeit als Redakteurin, Übersetzerin und kulturelle Beraterin des georgischen Präsidenten. Und es wird immer deutlicher, dass es Naira Gelaschwili nicht nur darum ging, die Verwirrtheiten einer schüchternen Pubertierenden zu beleuchten. Thema ihres Romans ist vielmehr das Hinübergleiten in verschiedene Lebensalter - selbst eine Übersetzungsarbeit. Mit pädagogischem Feinsinn führt die Erzählerin die Studierenden, die mit Versen des georgischen Dichters Schota Rustaweli aus dem 12. Jahrhundert aufwuchsen, an die Kernthemen Rilkes heran. Vor der Folie georgischer und deutschsprachiger Liebeslyrik klärt sich, dass der die Liebe entfachende "Durst", wie es bei Rustaweli heißt, mit Rilke gelesen vor allem eines freisetzt: Kreativität - vorausgesetzt es gelingt die von Rilke gepriesene "gute" Einsamkeit. Deutschstunde als Therapie:

"Wir müssen lernen, wie wir die schlechte beziehungsweise zerstörende Einsamkeit in ein gutes, das fruchtbare Alleinsein umwandeln. Und wegen der Angst vor der Einsamkeit nicht in unsinniges und kräftezehrendes Zeitvertreiben hinabstürzen. Sonst verlieren wir die echte Freude für immer."

Etwas Schutzloses ist entstanden

Zu erzählen, ohne alles Erzählte tot zu kommentieren, das ist die Kunst Naira Gelaschwilis. "Etwas Schutzloses ist entstanden", sagt die Erzählerin im Buch über den soeben beendeten Roman. Besser kann man es kaum ausdrücken.

Naira Gelaschwili - Ich bin sie

WDR 3 Buchrezension | 21.02.2017 | 05:39 Min.

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Stand: 16.02.2017, 16:16