Jochen Beyse - Fremd wie das Licht in den Träumen der Menschen

Jochen Beyse - Fremd wie das Licht in den Träumen der Menschen

Jochen Beyse - Fremd wie das Licht in den Träumen der Menschen

Von Jutta Duhm-Heitzmann

Eine Medienkritik besonderer Art: Ein Android flieht aus seiner luxuriösen Gefangenschaft auf der Suche nach einem selbstbestimmten Leben – das die Menschen um ihn herum längst aufgegeben haben.

Jochen Beyse
Fremd wie das Licht in den Träumen der Menschen
Diaphanes, 2017
224 Seiten
15,00 Euro

Graphic Novels und ihre realen Orte - Teil 1 "Die Judenbuche"

WDR 3 Mosaik | 09.08.2017 | 06:52 Min.

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Eine Maschine tritt vors Universum –

und damit sind auch schon die Pole abgesteckt, zwischen denen die Geschichte pendelt: Unbelebte Materie hier, das Geheimnis schöpferischer Unendlichkeit dort. Doch wie unbelebt ist diese Materie wirklich?

"Kopf, Körper, zwei untere Extremitäten. Es läuft sich gut, denkt sich gut. Eine Riesenmenge an Informationen. Alles erfassen, auslesen, analysieren. (...) Der Körper mit stählernem Endoskelett und synthetischem Ektoscelett , weil vieles zu ertragen ist."

Ein Roboter-Haussklave

Rob ist ein Android, angeschafft als Roboter-Haussklave: Aussehen wie ein Mensch, um sich den Menschen anzupassen, analytische Fähigkeiten noch nicht ausgelotet, weil zumindest am Anfang abhängig von dem, was Menschen ihm beibringen. Doch er lernt schnell. Ein Außenseiter, der mit fremden – was? Augen? Sinnen? - seine Umgebung mustert. Anfangs das Appartement einer vierköpfigen Familie in einem riesigen Hochhauskomplex.

"Rob tu dies, Rob tu das, aus sämtlichen Ecken und Winkeln Zurufe, Befehle, Aufträge – Erzählmodus wechseln: und Rob sortiert die Wörter nach ihrer Bedeutung, aber da war selten etwas zu sortieren. (...) Es war in allen Äußerungen so gut wie nichts enthalten, was auf ein sinnvolles Verlangen hätte schließen lassen können."

Der Sinn des Lebens

Er vergleicht die Noch-Leere in sich mit der scheinbaren Fülle in diesen Vertretern einer überlegenen Spezies, entdeckt dort aber nur eine ganze andere Leere, getarnt als permanente Geschäftigkeit. Diese angeblich vernunftgesteuerten menschlichen Wesen bewegen sich wie hirnlose Zombies in einer medieninfizierten Pseudorealität, nur geschaffen, um das Angst machende Nichts in sich selbst zu ummanteln. Rob aber sucht Sinn.

"Die Maschine ist eine Fremde, die Menschliches einschließt! Ich hatte diesen Satz aus dem Netz gezogen, um etwas über die Existenzweise technischer Objekte zu erfahren. Zuerst hat mir diese Information nicht viel gesagt, später habe ich sie verstanden, auf meine Art."

Das Herz des Roboters

Jochen Beyse

Jochen Beyse

Als der menschliche Besitzer an einigen Schaltkreisen seines Robotersklaven herumwerkelt, setzt er aus Versehen dessen Begrenzungskontrollen außer Kraft. Nur wenige Stunden später hat Rob die Wohnung verlassen und fährt im Taxi durch eine Welt, so verwirrend irreal und doch so flirrend real, dass seine elektronischen Synapsen zu explodieren drohen. Seine wahrnehmerischen Fähigkeiten wachsen, er erkennt eine Menschheit am Abgrund, zerstört und sich immer weiter selbst zerstörend. Doch ausgerechnet auf einer Mülldeponie, an der ein Taxifahrer ihn ab-lädt, versetzt ihn beim ersten Sonnenaufgang seiner Existenz die herzzerreißende – haben Roboter ein Herz? - Schönheit der Schöpfung in fassungslosen Taumel.

"Für mich war der Anblick fast zu viel. Das Licht stieg auf und sank abwärts, beides gleichzeitig, der Abend war toll geworden. Das Rot kam von oben, das Blau von unten, dann vermischten sich die Farben. Überall haben die Schatten darauf gewartet, das Licht zu löschen. Ich wusste kaum, wie ich es anstellen sollte, um nicht überwältigt zu werden."

Was ist das überhaupt, Intelligenz?

Auch zwei in die Hauptgeschichte verwebte Parallelhandlungen variieren das Thema Sinnsuche: der Film "Planet der Irren", den Rob in seinem Gedächtnis gespeichert hat, über eine andere Taxifahrt mit einem anderen Fahrgast, getrieben durch die Erinnerung an Krieg, Zerstörung und Endzeiterwartung. Und ein Buch, das er auf der Mülldeponie findet: "Panikraum", die Geschichte eines reichen Exzentrikers, der die absolute Wahrheit sucht, mal eingeigelt in der völligen Abgeschlossenheit seiner Villa, mal wie trunken hingegeben an eine wild wuchernde Natur Jochen Beyse umkreist in seinen eigenwilligen Romanen schon seit langem die existentiellen Fragen, die das Phänomen KI, Künstliche Intelligenz aufwirft: Was ist das überhaupt, Intelligenz? Nur die Erkenntnisfähigkeit lebender Wesen? Kann sie auch ein Bündel komplizierter Algorithmen sein? Wo beginnt, wo endet überhaupt das Leben? Umschließt es auch die Fähigkeit einer sich selbst optimierenden Maschine hin bis zur philosophischen Frage nach dem eigenen Sein? Die berühmte Frage des Science Fiction-Autors Philip K. Dick "Träumen Androiden von elektrischen Schafen?" beantwortet Rob in diesem Roman mit einem klaren Nein: Sie träumen vom Leben.

"Ich wollte leben, nichts weiter. Dieses Verlangen brannte sich nach außen durch, es zerschmolz förmlich das Metall. Ich wollte keine Umwege mehr, wollte nur noch die kürzeste Strecke auf dem Weg von der Rückseite des Daseins zur Vorderseite nehmen."

Am Ende geht es vor allem um ein Wesen

Melancholisch, klug und faszinierend dieses Buch mit dem schönen Titel "Fremd wie das Licht in den Träumen der Menschen". Jochen Beyse, poetisch und belesen, bettet es ein in das vielschichtige Universum der Science Fiction. Doch ob man dieses Genre mag oder nicht: der Roman belässt es eben nicht bei seiner bitterbösen Kritik an unserer selbstzerstörerischen Medientrunkenheit. Am Ende geht es vor allem um ein Wesen, das verloren auf einer riesigen Mülldeponie nach Leben sucht und einer eigenen Identität. Und sich dabei Fragen stellt, mit denen jede wirkliche Erkenntnis beginnt – auch für den Androiden Rob:

"Wo ist man? Wo will man hin? Auf welchem Wege kommt man dort an? Rob überlegte weiter. Alles drehte sich um das Wort Freiheit. Es war ein Begriff, den er nicht genau verstand."

Stand: 02.08.2017, 16:51