Franzobel - Das Floß der Medusa

Franzobel - Das Floß der Medusa

Franzobel - Das Floß der Medusa

Von Günter Kaindlstorfer

Der österreichische Schriftsteller Franzobel legt einen spannenden Seefahrer- und Schiffbrüchigenroman vor. Ausgangspunkt des Buchs ist eine wahre Geschichte.

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Shortlist

Franzobel
Das Floß der Medusa
Zsolnay Verlag, 2017
592 Seiten
26,00 Euro

Das Floß der Verdammten

Es ist eine wahre Geschichte: Im Juni 1816 sticht vom französischen Atlantikhafen Rochefort aus die Fregatte "Medusa" in See; der Dreimastsegler soll 400 Passagiere und Besatzungsmitglieder in die senegalesische Kolonialstadt St. Louis bringen. Zum Kapitän des Schiffes hat das Pariser Marineministerium den Ryoalisten Hugues Duroy de Chaumareys ernannt, einen Mann, der seinen Posten ausschließlich politischer Fürsprache verdankt. Von Nautik und der Kunst, ein Schiff zu führen, hat der Mann keine Ahnung. Allen Warnungen seiner Offiziere zum Trotz lässt Kapitän Chaumareys die "Medusa" zu nah an die westafrikanische Küste segeln. Das Ergebnis: Die Fregatte läuft am 2. Juli 1816 auf Grund. Der Kapitän – ein Urahn des "Costa-Concordia"-Kapitäns Francesco Schettino – gehört zu den Ersten, die sich in einem der Rettungsboote in Sicherheit bringen. Allerdings: Es gibt zu wenig dieser Rettungsboote. 147 Passagiere werden auf einem eilends zusammengezimmerten Floß ausgesetzt. Während die Geretteten in den Booten sicher die afrikanische Küste erreichen, kommt es auf dem "Floß der Verdammten" zu grauenhaften Szenen. Nur fünfzehn Passagiere überlebten den zweiwöchigen Höllentrip, der auf das Ausbringen des Floßes folgte. Der österreichische Schriftsteller Franzobel hat die historische Geschichte der "Medusa" zu einem fesselnden Stück Gegenwartsliteratur verarbeitet. Die niederschmetternden Ereignisse des Sommers 1816 – in Franzobels Roman werden sie noch einmal lebendig.

"Mich haben schon die dreizehn Tage am meisten interessiert, die diese 150 Menschen auf dem Floß verlebt haben. Es ist eine geschlossene Gesellschaft, es ist mitten am Meer, man hat überhaupt keine äußeren Einflüsse, sie haben keine anderen Lebewesen gesehen, außer ein paar Fischen."

Franzobel - Das Floß der Medusa

WDR 3 Buchrezension | 02.10.2017 | 03:47 Min.

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Was bleibt dann noch?

Franzobel

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Rings um sie herum war nur Meer. Eine sich hebende und senkende, graublaue, gleichgültige Fläche - ein unendlicher Acker mit Silberschlieren.

"Das waren zum Teil auch aufgeklärte und humanistisch gebildete Leute. Die Frage ist halt: Was nützt einem das in dieser Situation, in der’s um die nackte Existenz geht, wo es dann auch Kämpfe gegeben hat, wo man irgendwann nicht mehr umhin konnte, auch Menschenfleisch zu essen, den eigenen Urin zu trinken, wo man also wirklich alle Grenzen des Ekels überwinden musste, um das nackte Überleben zu retten. Und da ist auch die Frage: Was bleibt dann noch? Das habe ich schon für wahnsinnig spannend gehalten."

Ja, was bleibt dann noch, wenn es ums nackte Überleben geht? Nicht viel. Die Werte der Aufklärung, so die düstere Lehre der „Medusa“, muss man sich erst einmal leisten können. Franzobel schildert in seinem Roman, wozu Menschen wie du und ich fähig sind, wenn die Ressourcen einmal nicht für alle reichen:

"Ich glaube, ich habe eine gewisse Reife als Schriftsteller erreicht, dass ich nichts mehr beweisen muss. Ich muss jetzt nicht mehr beweisen, wie toll ich sexuelle Szenen beschreiben kann oder so. Ich wollte diese Geschichte erzählen, und ich wollte sie bestmöglich erzählen."

An den Grenzen des Menschseins

Das ist dem österreichischen Schriftsteller gelungen. "Das Floß der Medusa" ist ein ebenso erschütternder wie faszinierender Erfahrungsbericht über die Grenzen der menschlichen Zivilisation. Ein Menetekel. Heute wie vor zweihundert Jahren.

Stand: 02.10.2017, 08:58