Tristan Garcia - Faber. Der Zerstörer

Tristan Garcia - Faber. Der Zerstörer

Tristan Garcia - Faber. Der Zerstörer

Von Cornelius Wüllenkemper

Zwischen Himmel und Hölle: Der französische Philosoph und Autor Tristan Garcia schreibt über die dunkle Macht von Vorbildern.

Tristan Garcia
Faber. Der Zerstörer
Aus dem Französischen von Birgit Leib
Wagenbach, 2017
432 Seiten
24,00 Euro

Demokratie war uns gleichgültig geworden

"Wir waren Mittelschichtskinder eines durchschnittlichen westlichen Landes, zwei Generationen nach einem gewonnenen Krieg, eine Generation nach einer fehlgeschlagenen Revolution. Wir waren weder arm noch reich, wir sehnten uns weder nach der Aristokratie zurück, noch träumten wir von irgendeiner Utopie, und die Demokratie war uns gleichgültig geworden."

Das Setting von Tristan Garcias Roman "Faber der Zerstörer" ist bereits nach wenigen Sätzen abgesteckt. Kein Zweifel, so scheint es, hier geht es um ein klares soziologisches Szenario, über die Enkel der 68er Revolution, von denen verlangt wird, so schreibt Tristan Garcia,

"…auf die illusorische Idee zu verzichten, die sie sich von Freiheit und Selbstverwirklichung machten, um stattdessen die unsichtbare Uniform von Personen überzuziehen."

Totgeboren im Schatten

Das südfranzösische Dorf, in dem Garcia seine Geschichte um die drei Freunde Madeleine, Basile und Faber ansiedelt, trägt den fiktiven Namen "Mornay", was auf Französisch so klingt wie "totgeboren." Der Fluss, der das Städtchen durchzieht, heißt "L’hombre", als der Schatten. Ein pessimistischer Generationenroman also, wie man ihn von Garcias Landsmann Michel Houellebecq kennt?

(O-Ton: Garcia)
"Mein Roman beschreibt eine ganz individuelle Entwicklung, einen fiktiven Fall, und hat nichts mit der so genannten "lost generation" zu tun. Von solchen Einteilungen halte ich nicht viel. Selbst wenn sich die Protagonisten verloren fühlen, heißt das noch lange nicht, dass sie Recht damit haben. Es geht einfach darum, zu erklären, wieso dieser Faber, der wie ein Clochard wirkt, früher so viel Bewunderung auf sich zog. Wieso wird Faber von Basile und Madeleine als Held dargestellt, wo der Leser nur ein menschliches Wrack sieht?"

Das Gute und das Böse

Medhi Faber wird im Roman als absoluter Anti-Held eingeführt, der einzige Verbliebene einer grandios gescheiterten Aussteiger-Kommune in den französischen Pyrenäen, verwahrlost, gewalttätig, so egozentrisch wie autistisch.

Tristan Garcia

Tristan Garcia

Dabei war Faber damals, als er vor 15 Jahren auf dem Schulhof des Lycées in Mornay erschien, der "beste Jugendliche, der in dieser Stadt das Licht der Welt erblickt hat", davon sind jedenfalls Madeleine und Basile überzeugt. Sie sind zwei Underdogs, denen Faber durch seine Geschicklichkeit, seine Intelligenz und seine Gerissenheit zu Selbstbewusstsein verhilft. Er gibt dem engen Leben in Mornay durch seine Belesenheit und sein radikales Freidenkertum einen geistigen Horizont. Doch irgendwann erkennt Faber, dass der Kampf für das Gute keinen Sinn hat. Das Böse erwacht in ihm, er stürzt die Stadt ins Chaos und seine Freunde ins Unglück.

(O-Ton: Garcia)
"In weiten Teilen meines Romans geht es um die Faszination und Bewunderung, die man als Jugendlicher für Menschen oder für Ideen hegt. In Faber haben Madeleine und Basile ein absolutes Ideal gefunden, dass es so nie wieder in ihrem Leben geben wird. Es ging mir darum zu zeigen, dass man als Jugendlicher an hochtrabende Versprechen des Lebens glaubt, die aber nie eingelöst werden. Das Buch will sagen, dass man sich deswegen nicht entmutigen oder desillusionieren lassen sollte. Man muss die Versprechen des Lebens lieben, auch wenn es unmögliche Versprechen bleiben."

Ein letztlich optimistisches Labyrinth

Madeleine und Basile haben sich einen perfiden Plan ausgedacht, um sich an Faber für seine gebrochenen Versprechen zu rächen. Tristan Garcia hat einen packenden Entwicklungsroman mit viel psychologischer Tiefe geschrieben, aber das ist bei weitem nicht alles. Denn "Faber. Der Zerstörer" ist auch ein Kriminalgeschichte über mysteriöse Todesfälle und politische Verschwörungen. Zugleich spielt Garcia mit Elementen der fantastischen Literatur, in dem er Dämonen und Teufel auftreten lässt, die sich wie selbstverständlich in die Geschichte einfügen. Drei Erzähler, Basile, Madeleine und Faber selbst führen den Leser durch ein raffiniertes, von Birgit Leib wunderbar flüssig ins Deutsche übertragene Verwirrspiel, durch ein Labyrinth aus Perspektiven, Verdächtigungen und Versionen der Wahrheit. In diesem Buch zerplatzen Träume, Familien werden zerstört, und Freund verfallen der Rachsucht. Und dennoch erzählt Tristan Garcia mit viel Zuneigung für seine Figuren eine nicht nur äußerst spannende, sondern ebenso erkenntnisreiche und zuletzt auch optimistische Geschichte über die Tücken des Erwachsenseins.

Tristan Garcia - Faber. Der Zerstörer

WDR 3 Mosaik | 10.10.2017 | 04:37 Min.

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Stand: 09.10.2017, 14:18