Götz Aly - Europa gegen die Juden. 1880-1945.

Götz Aly - Europa gegen die Juden. 1880-1945.

Götz Aly - Europa gegen die Juden. 1880-1945.

Von Ulrich Hufen

Mit zahllosen Beispielen zeichnet Götz Aly ein Bild des flächendeckenden, paneuropäischen Antisemitismus – und lässt doch entscheidende Fragen offen.

Götz Aly
Europa gegen die Juden. 1880-1945.
S. Fischer Verlag, 2017
432 Seiten
26,00 Euro

Keine Zweifel

Kein Zweifel, die Steinplatte, vor der Tomas Jelinek da im Spätsommer 2015 in der tschechischen Kleinstadt Prostejov stand, war ein jüdischer Grabstein. An ungewöhnlichem Ort: Der Grabstein diente als Stufe zu einem Hühnerstall. Nachdem die Nazis die Juden von Prostejov nach Theresienstadt deportiert hatten, machten die Nachbarn aus dem Friedhof einen Park und aus den 2000 Grabsteinen Baumaterial. Geschichten wie diese dienen Götz Aly als Ausgangspunkt für sein Buch.

"Keine Frage: Die Regierung Hitler übte die Tatherrschaft aus. Doch kann ein Völkermord nicht allein von den Initiatoren begangen werden. Wer die Praxis der Judenverfolgung in verschiedenen Ländern untersucht, stößt unweigerlich darauf, wie geschickt die deutschen Eroberer überall in Europa bereits vorhandene nationalistische, national-soziale und antisemitische Bestrebungen einbezogen, um ihre Ziele durchzusetzen."

Neid, Konkurrenz und nationale Minderwertigkeitsgefühle

Die Ursachen für die Judenfeindschaft sind für Aly überall die gleichen wie in Deutschland: Neid, Konkurrenz und nationale Minderwertigkeitsgefühle gegenüber einer als intellektuell überlegen empfundenen und leicht definierbaren Minderheit. Man kann Alys neues Buch daher auch als Antwort auf Kritiker lesen. Anlässlich von "Warum die Deutschen? Warum die Juden?" war ihm 2011 in scharfer Form vorgehalten worden, Sozialneid und Minderwertigkeitsgefühle gegenüber Juden habe es nicht nur in Deutschland, sondern überall in Europa und z.B. auch in den USA gegeben. Als Erklärung für den Holocaust tauge das Motiv daher nicht. Aly mag da keinen Widerspruch erkennen. In neun Kapiteln beschreibt er, wie der moderne europäische Antisemitismus seit 1880 entstand und wie er sich radikalisierte, vor allem in Folge des 1.Weltkrieges. In Griechenland, in Frankreich, Ungarn, Rumänien oder in Russland. Dort fragte Innenminister Ignatjew seine Gouverneure schon 1881 suggestiv:

"Inwiefern hat die Wirtschaftstätigkeit der Juden eine schädliche Einwirkung auf die Lebensverhältnisse der Urbevölkerung?"

Das Klischee vom jüdischen Kapitalisten und Blutsauger war in der Welt. In Frankreich erklärte der Mitbegründer der antisemitischen Liga Edouard Drumont ganz ähnlich, warum "der Jude" gefährlich sei:

"In einer Zeit, in der man nur durch das Gehirn lebt, verfügt er über die notwendige Kühnheit, über die Kühnheit des Gehirns."

Ein Panorama des europäischen Antisemitismus

Götz Aly

Götz Aly

In Russland, wo 1897 die Hälfte aller Juden weltweit lebte, kam es schon vor 1900 zu grausamen Pogromen. In Frankreich schlug die Dreyfuss-Affäre hohe Wellen, obwohl damals nur wenige 10.000 Juden im Lande lebten. Auch im griechischen Saloniki wurden die Bürgerrechte der Juden zunehmend beschnitten. Mit breitem Pinsel malt Götz Aly ein Panorama des europäischen Antisemitismus. Die Parallelen interessieren ihn dabei deutlich mehr als die Unterschiede. Warum gab es Pogrome in südrussischen Städten wie Odessa, nicht aber in Vilnius? Aly interessiert es nicht. In Russland herrscht Antisemitismus, das muss reichen.

Nach dem Ende des 1.Weltkriegs verschärft sich die Lage für die Juden. Im russischen Bürgerkrieg sind Pogrome an der Tagesordnung - wieder vorwiegend in der heutigen Ukraine. Die Brutalität aber hat sich vervielfacht: Marodierenden ukrainischen Nationalisten und den Weißen Armeen fallen etwa 200.000 Juden zum Opfer.

Anderswo in Europa herrscht zwar Frieden. Doch auch in den neuen Staaten Mittel- und Osteuropas radikalisiert sich der Antisemitismus. In Polen, in Ungarn, in Litauen. Eine Ursache sieht Aly in einer der gefeierten Ideen des 20.Jahrhunderts: dem Selbstbestimmungsrecht der Völker. Er zitiert dazu den Schriftsteller Alfred Döblin, der nach einer Polenreise 1924 warnt:

"Es ist frecher Hochmut, das, was man nationale Gemeinschaft nennt, unbesehen an die Spitze aller zu stellen. Die Freiheit, die man predigt, wird durch die Art, wie man sie predigt, feindlich anderen ebenso wichtigen Freiheiten. Ich mag die Nation nicht um ihrer selbst willen."

Europa gegen die Juden

Was noch vor kurzem unvorstellbar schien, ist in der neuen Welt der Nationalstaaten seit dem 1.Weltkrieg normal: die Umsiedlung von Millionen Menschen z.B. aus der Türkei nach Griechenland gilt plötzlich vielen als akzeptable Lösung. Bürgerrechte werden auf Grundlage ethnischer Zugehörigkeit gewährt oder verweigert. Und die Grenzen für Flüchtlinge werden dicht gemacht, rund um die Welt. In einem der finstersten Kapitel beschreibt Aly, wie leicht es für Hitler im Juli 1938 war, die Konferenz von Evian zum Scheitern zu bringen. Auf Einladung des amerikanischen Präsidenten Roosevelt hatten sich die Vertreter von 32 Staaten getroffen, um die Möglichkeiten der Auswanderung von Juden aus Deutschland zu verbessern. Erfolglos: niemand war bereit Juden aufzunehmen. Und als der Holocaust dann begann, fand Deutschland fast überall willige Helfer.

Mit zahllosen Beispielen aus zeitgenössischen Quellen zeichnet Götz Aly ein Bild des flächendeckenden, paneuropäischen Antisemitismus. Je tiefer man sich lesend in dieses Meer der Niedertracht hineinbegibt, umso zwingender scheint der Schluss, der Holocaust sei unausweichlich gewesen. Doch genau diesen Schluss lehnt Aly am Ende seines Buches unvermittelt ab. Das ist historisch gewiss korrekt, verwundert aber trotzdem angesichts des zuvor mit solch apodiktischem Furor entwickelten Zeitbildes. Wenn vom Alltagsantisemitismus z.B. im tschechischen Prostejov doch keine direkte Linie in den Holocaust führt - dann lässt Götz Alys "Europa gegen die Juden" mehr Fragen offen, als es beantwortet.

Stand: 20.04.2017, 19:43