Emmanuel Carrère - Ein russischer Roman

Emmanuel Carrère, Ein russischer Roman

Emmanuel Carrère - Ein russischer Roman

Von Christine Hamel

Wer bin ich und wie viel schreibe ich davon auf – das ist der Schreibimpuls Emmanuel Carrères, der im "Russischen Roman" die Botenstoffe und Wirkmächte seines Lebens einzufangen versucht.

Emmanuel Carrère
Ein russischer Roman
Aus dem Französischen von Claudia Hamm
Matthes & Seitz, 2017
282 Seiten
22,00 Euro

In der Psychiatrie von Kotelnitsch

Der russische Roman von Emmanuel Carrére beginnt mit einem erotischen Traum. Eine steile Vorlage: Gibt hier jemand ungeschützt das Private preis? Wer bin ich und wie viel schreibe ich davon auf? – das ist der Schreibimpuls des Autors, der in diesem zwar Roman genannten, aber doch eher zwischen Reportage und Autobiographie schwankenden Buch die Botenstoffe und Wirkmächte seines Lebens einzufangen versucht. Die Suchbewegung entspannt sich zwischen Paris und Russland, wo Carrère als Filmemacher in Kotelnitsch landet, einem 850 km nordöstlich von Moskau gelegenen Provinzkaff an der Eisenbahnstrecke nach Sibirien. Vielversprechender Stoff hatte ihn hierher gelockt: In der Psychiatrie von Kotelnitsch war der Fall eines Ungarn bekannt geworden, der seit dem Zweiten Weltkrieg dort inhaftiert gewesen war, kein Wort Russisch konnte und 50 Jahre mit niemandem gesprochen hatte. Das Projekt scheitert jedoch an einer Mauer des Schweigens, niemand in Kotelnitsch will sich zu dem Fall äußern. Ein Verstummen, das Carrère auch aus seiner eigenen Familie kennt. Seine Mutter ist die Historikerin Hélène Carrère d’Encausse, Vorsitzende der Académie francaise und Tochter russisch-georgischer Migranten. Ihr Vater kollaborierte während der Okkupation mit den Deutschen und wurde 1944 von der Résistance verschleppt. Er tauchte nie wieder auf und die Familie schwieg – Kollaboration war Verrat, eine Schande. Dieses Schweigen will Carrère nun durchbrechen. Er verspricht sich davon ein neues Selbstbewusstsein, ein Aufräumen mit den eigenen Seelenstimmungen, mehr Zugehörigkeit zu sich selbst.

"Ich bin erwachsen, ich bin dreiundvierzig Jahre alt, und doch lebe ich immer noch, als hätte ich den Bauch meiner Mutter nicht verlassen. Ich rolle mich zusammen, igele mich ein, flüchte mich in den Schlaf, die Niedergeschlagenheit, die Wärme, die Reglosigkeit. Selig und verängstigt. So sieht mein Leben aus. Und plötzlich ertrage ich es nicht mehr. Ich ertrage es wirklich nicht mehr. Ich denke, der Moment ist gekommen, um auszubrechen. Wie der Gelähmte in der Bibel, der sein ganzes Leben lang zusammengekauert und sinnlos jammernd verbracht hat, und da wird ihm gesagt: Steh auf und geh, und er steht auf und geht."

Zwei Wege und was dazwischen liegt

Und alles gerät in Bewegung. Dreh- und Angelpunkt der neuen Lebensenergie wird Russland. Carrère will nach Kotelnitsch zurück, um einen Dokumentarfilm über das zu drehen, was in der Ereignislosigkeit der russischen Provinz aufscheint – ganz nach der Devise: Alles auf sich zukommen lassen.

"Trotzdem, warum Kotelnitsch? Wenn ich der Einfachheit halber sage, ich wolle hier meine Wurzeln wiederfinden, klingt das wie ein Witz. (…) Manchmal denke ich: Es handelt sich um einen Weg, an dessen Beginn die Geschichte des Ungarn steht und an dessen Ende die von Georges Surabischwili, und ich weiß noch nicht, was dazwischen liegt."

Emmanuel Carrère

Emmanuel Carrère

Dazwischen liegt das Scheitern der Liebe, ein Drama, und zwar Carrères eigenes. Während der Schriftsteller und Regisseur vergangenheitsselig die Wiegenlieder seines russischen Kindermädchens zu rekonstruieren versucht, nicht ohne Selbstironie eine „russische Seele“ in sich entdeckt und in Kotelnitsch ganz nach Landessitte wodkaselig auf ein Filmsujet wartet, bahnt sich zuhause in Paris ein Drama an. Carrères Freundin Sophie ist nicht die Glückliche, die er hinter ihrer strahlenden Erscheinung vermutet. Er träumt von ihr, er ruft sie an, schwärmt ihr vor, fragt sie um Rat, er begehrt sie, aber sie kämpft mit der Haltlosigkeit der Gewissheiten und Gefühle.

"Sie sagt, sie liebe mich und wisse, dass auch ich sie auf meine Weise liebe, aber für die sei es furchtbar, sich wie auf einem Schleudersitz und ständig meinen Launen ausgesetzt zu fühlen. Ständig habe sie Angst, mir nicht mehr zu gefallen, Angst vor meinem unerbittlichen Blick auf sie, Angst mir nicht zu genügen."

Reportage mit dem Pathos eines Liebeskranken

Der russische Roman verhandelt große Gefühle: Es geht um Liebe und Lust, um Wahrheit und Betrug, um Obsessionen, und Enttäuschungen. Entsprechend schwankend sind die Stil- und Stimmungslagen von Carrères Erzählen, mühelos verbindet er die Sachlichkeit einer Reportage mit dem Pathos eines Liebeskranken, das Feuer und die Lakonie eines verspielt ironischen Erzähltons mit dem Ernst einer um Aufklärung bemühten Prosa. Getragen wird alles von einem menschlich feinen Einfühlungsvermögen und einer kunstvollen Dramaturgie: Carrère verquickt drei Geschichten – die Story seines Großvaters und des blinden Flecks in der Familiengeschichte, die Ereignisse rund um den Dokumentarfilm in Kotelnitsch und das Beziehungsdrama mit seiner Freundin Sophie – zu einem Erzählstrang, der mit großer Gelassenheit anfängt und erst allmählich mit dem Tempo anzieht bis sich die Ereignisse überstürzen. Im Zentrum des Romans steht eine Geschichte in der Geschichte, ein Lehrstück darüber, wie Worte ihre gewünschte Wirkung in der Wirklichkeit verfehlen können.

Die Zeitung "Le Monde" bittet Emmanuel Carrère um eine Kurzgeschichte für eine Sommerserie. Der Autor nutzt den öffentlichen Raum, um Sophie eine höchst intime und riskant an Pornographie grenzende Liebeserklärung zu machen. Es soll eine Überraschung werden.

"Ein leichter Rausch wie bei einem Countdown ergreift mich, eine Mischung aus Furcht und Begeisterung, wobei zweite klar überwiegt. Ich denke an den Journalisten, der mich interviewte und meinen Umgang mit meinem Pulverfass so überraschend sorglos fand. Ein Pulverfass! Der arme Kerl! Welche Widrigkeiten sollten unserem Glück denn noch im Weg stehen? Ein Streit? Meine Familie? Ich weiß, dass meine Eltern prüde sind, aber ich habe sie sicherheitshalber mit einem Wort aus ihrem eigenen Wortschatz vorgewarnt: Ich hätte in der Le Monde eine etwas „pikante“ Geschichte geschrieben."

Eine Hymne auf die Zwangsläufigkeit

Es kommt alles ganz anders und der "russische Roman" ist nicht zuletzt eine Hymne auf die fulminante Zwangsläufigkeit des Lebens, in dem wie in einem Uhrwerk alles ineinander greift. Das Schicksal, so legt es der Roman beziehungsweise das Leben nahe, greift nicht nur zeitlich weit in "dunkle Räume" zurück, sondern es formt und modelliert bereits das, was auf uns zukommt.

"Und an diesem Abend (…) wusste ich, dass ich sie verloren hatte und dass ich diesen Schritt selbst herbeigeführt hatte, ohne es zu wollen – aber das war noch schlimmer, als wenn ich es gewollt hätte -, so sauber und chirurgisch wie nur möglich."

Die Wirklichkeit, klagt Carrère einmal, habe sich "seinen Plänen entzogen.“ Das ist der Unterschied zum Roman. Zum Glück für den Leser, der es mit einer tollkühnen Geschichte zu tun hat. Sie ist schamlos, rücksichtslos, empathisch, männlich vermessen, humorvoll, selbstironisch, zärtlich und gewagt – kurz, sie kommt dem Leben mitreißend nahe.

Emmanuel Carrrère - Ein russischer Roman

WDR 3 Buchrezension | 26.07.2017 | 06:10 Min.

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Stand: 24.07.2017, 15:50