Durs Grünbein - Zündkerzen. Gedichte

Durs Grünbein - Zündkerzen. Gedichte

Durs Grünbein - Zündkerzen. Gedichte

Von Dirk Hohnsträter

Ein Buch der Übergänge: Durs Grünbein sucht in seinem jüngsten Gedichtband nach einem neuen Ton.

Durs Grünbein
Zündkerzen. Gedichte
Suhrkamp, 2017
152 Seiten
24,00 Euro

Durs Grünbein - Zündkerzen

WDR 3 Buchrezension | 08.11.2017 | 04:28 Min.

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83 Gedichte

Knallrotes Cover, Fotos zwischen den Gedichten, das Satzbild in serifenloser Schrift: zu diesem Buch greift man in der Hoffnung, Durs Grünbein neu entdecken zu können. 1988 als junge Ausnahmeerscheinung begrüßt, hatte sich der gebürtige Dresdener zwischenzeitlich in einen angelesen wirkenden Klassizismus verirrt. Kommt jetzt, mit Mitte 50, etwas Frisches? Das erste der 83 Gedichte lässt hoffen:

"Gigantische Agenda, dieses Leben –
Das so ganz anders kam und dann doch so.
Wir sehen uns, wenn wir die Augen schließen,
In einem Fahrstuhl, der die Jahre wie Etagen zählt.
Oft steigt einer mittendrin aus, läuft auf sich zu
Den Flur hinab, sein eigener Doppelgänger.
Die Hälfte ist Stolpern, an falsche Türen Klopfen,
Weil von außen ein Herz aufgemalt ist. Und dann –
Dies Niedersinken vor Müdigkeit, das so gut tut."

Groß ist die Sehnsucht,

Grünbein hat ein Buch vorgelegt, das nicht zuletzt vom Älterwerden handelt. Das lyrische Ich weiß, dass Manches nicht mehr möglich sein wird und sorgt sich vorm Vergessen werden. Groß ist die Sehnsucht, wieder ein unbeschriebenes Blatt zu sein:

"So leicht erreichbar schien vieles.
Aber nun ist es ein Ausverkauf,
Ein Schimmer zwischen Terminen,
Reiseplanung, Zahnprophylaxe
Im Turnus zum Festtagsfinale,
Und es gilt, früh zu buchen."

Kulturkritik und Plattitüden

Durs Grünbein

Durs Grünbein

Hätte Grünbein es bei Sätzen dieser Güte belassen, man könnte das Buch bedenkenlos empfehlen. Doch der Autor lässt sich immer wieder zu einer manierierten Kulturkritik hinreißen. Dann wundert er sich über tätowierte junge Leute, leidet wie ein Staatsbürgerkundeschüler an der Tauschwirtschaft und verkündet Plattitüden wie diejenige, dass jeder Mensch ein „Brillant / Im Rohzustand“ sei. Perplex sitzt man vor Texten wie folgendem:

"Für immer ein Rätsel bleibt,
Warum das Mädchen im Bus
Uns, ohne genervt zu sein,
Freundlich Auskunft erteilte.
Dabei fuhren wir über Dörfer
Mit hoher Arbeitslosigkeit,
Vielen Migranten, und doch
Gelang dieser Augenblick."

Ein Kindheitssommer

Warum nur, fragt man sich beim Lesen dieser Zeilen, sollte nicht auch unter Migranten und Arbeitssuchenden freundlich Auskunft gegeben werden? Man legte diesen Band ratlos beiseite, könnte Grünbein nicht auch anders: ohne weltanschauliche Aufladung, ganz aus Erinnerung und genauer Beobachtung heraus schreibend. Dann wird ein Kindheitssommer präzise präsent, eine Landschaft versiert eingefangen:

"Wieder das Scharren in der Luft, Gitarren
Aus Stacheldraht, weit übers Land gespannt.
Zikadenfunk, Telephonie der Gliederfüßler,
Die sich die Beine wetzen, sandpapierne Zungen."

Alle Register der Sprache

Zahlreichen Gedichten merkt man an, dass Grünbein sich in Rom niedergelassen hat. Mit Erleichterung nimmt man zur Kenntnis, dass der Alltag nicht vor lauter Antikisierung untergeht und ihn immer wieder die alte Lust packt, alle Register der Sprache zu ziehen. Zum Beispiel, wenn er in sieben Pinien-Gedichten aus dem Buchstaben P herausholt, was aus einem P herauszuholen ist:

"Vermesse das P,
Du, den kaum einer
Vermißt, Naturalist, (Pinien-Faschist).
Präzisiere das P.

Persistenz ist
Die Praxis der Pinie,
Ihr stilles Politikum
Reine Präsenz."

Zündkerzen

Grünbeins "Zündkerzen" ist ein Buch mit vielen Gesichtern. Mal blitzt die poetische Energie des jungen Dichters auf, mal ergeht es sich im großkulturellen Gestus der mittleren Jahre, mal greift er mit neuem Material nach dem alten Thema der Vergänglichkeit. Es ist ein Buch der Übergänge, und das lyrische Ich weiß das auch:

"An diesem antiken Tag wurde ihm klar:
Er war ein Dichter der Übergänge.
Seine Gedichte sind alle Abenteuer,
Resultate der kleinen und großen
Wenden von Zeiten, die sich mischen"

Stand: 08.11.2017, 09:00