Heimito von Doderer - Die Strudlhofstiege

Heimito von Doderer - Die Strudlhofstiege

Heimito von Doderer - Die Strudlhofstiege

Von Christoph Vratz

Das außergewöhnliche Projekt "Große Werke. Große Stimmen" des Audio-Verlags ist um einige neue Folgen reicher. Dabei sticht die Lesung von Heimito von Doderers Roman "Die Strudlhofstiege" mit Peter Simonischek heraus.

Große Werke. Große Stimmen

Von Kennern wird er neben Thomas Mann oder Marcel Proust zu den Klassikern des frühen 20. Jahrhunderts gezählt. Liebhaber schätzen seine Komik, seinen Humor, seine oft skurrilen Einfälle; andere scheitern schon nach wenigen Seiten an seinen teils dicken Romanen. Der österreichische Schriftsteller Heimito von Doderer spaltet die Leserschaft. Schon zu Lebzeiten hat sein Kollege Elias Canetti beim Nobelpreis-Komitee in Stockholm Doderers Krönung hintertrieben. In der Hörbuch-Reihe "Große Werke. Große Stimmen" des Audio-Verlags ist Doderers Roman "Die Strudlhofstiege" erschienen – auf drei mp3 CDs mit dem Schauspieler Peter Simonischek. Es ist ein Roman über das Wien im frühen 20. Jahrhundert – die Handlung ist verworren. Und genau das ist einer der Reize dieses Buches.

Der erste Satz

"Als Mary K.s Gatte noch lebte, Oskar hieß er, und sie selbst noch auf zwei sehr schönen Beinen ging (das rechte hat ihr, unweit ihrer Wohnung, am 21. September 1925 die Straßenbahn über dem Knie abgefahren), tauchte ein gewisser Doktor Negria auf, ein junger rumänischer Arzt, der hier zu Wien an der berühmten Fakultät sich fortbildete und im Allgemeinen Krankenhaus seine Jahre machte."

Heimito von Doderer

Heimito von Doderer

Dieser erste Satz aus Heimito von Doderers Roman "Die Strudlhofstiege" zählt zu den bekanntesten der deutschen Literaturgeschichte – zum einen wegen seiner ungewöhnlichen Satzbau-Konstruktion, zum anderen weil hier auf ein Ereignis (den Straßenbahn-Unfall) hingewiesen wird, das der Erzähler erst etliche hundert Seiten später gegen Ende des Romans näher erklären wird. Das ist bezeichnend für dieses Buch; denn eine Inhaltsangabe ist nahezu unmöglich. Doderer selbst sagte einmal lakonisch: "Das Buch zeigt, was alles zum Dasein eines verhältnismäßig einfachen Menschen gehört."

Wien, zwischen 1911 und 1925

Dieser relativ einfache Mensch ist der Amtsrat Melzer. Der Untertitel des Buches lautet entsprechend: Melzer und die Tiefe der Jahre. Die Handlung oder vielmehr die unendlich vielen Handlungsstränge und -fetzen spielen zwischen 1911 und 1925, wobei der Erste Weltkrieg geradezu demonstrativ ausgeblendet wird. Das räumliche Zentrum des Romans bildet Wien:

"So im Dufte gehend, in dieser geschlossenen kühlen Kugel rollend, verließ er die Währingerstraße und schritt die Waisenhausgasse, welche jetzt lange schon Bolzmanngasse hieß, auf der rechten Seite, bei der Parkmauer des Palais Clam-Gallas, entlang, um den Umweg über die Strudlhofstiege zu nehmen."

Der symbolische Ort, an dem die einzelnen Handlungs- und Personenfäden zusammenlaufen – der genius loci, wie Doderer es immer wieder nennt – ist die Strudlhofstiege.

"Hier schien ihm eine der Bühnen des Lebens aufgeschlagen, auf welchen er eine Rolle nach seinem Geschmack zu spielen sich sehnte, und während er die Treppen und Rampen hinabsah, erlebte er schnell und zumindest schon einen Auftritt, der sich hier vollziehen könnte, einen entscheidenden natürlich, ein Herab- und Heraufsteigen und Begegnen in der Mitte, durchaus opernhaft."

Ein architektonischer Geniestreich

Die Strudlhofstiege in Wien

Die Strudlhofstiege in Wien

Die Strudlhofstiege befindet sich im 9. Wiener Gemeindebezirk (übrigens unweit des Geburtshauses von Franz Schubert). Die Treppenanlage wurde 1910 eingeweiht und gilt mit ihren zwei Brunnenbecken und ihrer symmetrischen Struktur, mit ihren grünen eisernen Geländern und Lampenkonstruktionen als architektonischer Geniestreich.

"Das ist eine ganz geheimnisvolle Stelle. Wie sich diese Stiegen hinab senken, wie aus einer neuen Stadt und ihren Reizen in eine alte und ihren Reiz! Eine Brücke zwischen zwei Reichen. Es ist, als stiege man durch einen verborgenen Eingang in die schattige Unterwelt des Vergangenen."

Die Stiege wird in Doderers Roman zur Bühne und gleichzeitig zu einem Ort zeitlicher Verbindungslinien zwischen Erinnerung und Gegenwart. Hier begegnet sich, wer zusammengehört und wer nicht zusammengehört – vergleichbar mit Doderers Sprach-Stil, der einerseits beobachtend genau ist und sich andererseits mit einer Fülle von Andeutungen begnügt.

"Hier wurde mehr als wortbar, nämlich schaubar deutlich, dass jeder Weg und jeder Pfad (und auch im unsrigen Garten) mehr ist als Verbindung zweier Punkte, deren einen man verlässt, um den anderen zu erreichen, sondern eigenen Wesens, und auch mehr als seine Richtung, die ihn nur absteckt, ein Vorwand, der versinken kann noch bei währendem Gehen."

Allen Einschüben, Klammern und Gedankenstrichen zum Trotz

Doderers komplexer, oft verschachtelter Satzbau macht eine Lektüre nicht gerade leicht, vom verwirrenden Gespinst der Handlungs- und Personenkonstellationen ganz abgesehen. Umso herausragender ist, wie Schauspieler Peter Simonischek mit diesem Text umgeht. Mit geradezu unerschütterlicher Ruhe und Übersicht liest er diesen Roman, allen Einschüben mit Klammern und Gedankenstrichen zum Trotz.

Schauspieler Peter Simonischek

Peter Simonischek

"Die Stiegen lagen da für jedermann, für’s selbstgenuge Pack und Gesindel, aber ihr Bau war bestimmt, sich dem Schritt des Schicksals vorzubereiten, welcher nicht geharnischten Fußes immer gesetzt werden muss, sondern oft fast lautlos auf den leichtesten Sohlen tritt, und in Atlasschuhen, oder mit den Trippelschrittchen eines baren armen Herzens, das tickenden Schlags auf seinen Füßlein läuft, auf winzigen bloßen Herzfüßlein in seiner Not: auch ihm geben die Stiegen, mit Prunk herabkaskadierend, das Geleit, und sie sind immer da, und sie ermüden nie uns zu sagen, das jeder Weg seine eigene Würde hat und auf jeden Fall immer mehr ist als das Ziel."

Peter Simonischek hat bereits in der 2007 produzierten Hörspielfassung der "Strudlhofstiege" von Helmut Peschina mitgewirkt. Jetzt liegt Roman ungekürzt auf drei mp3-CDs vor, und zwar in der herausragenden Serie "Große Werke. Große Stimmen" des Audio-Verlages. Simonischek gliedert die Sätze souverän, so dass der Hörer jederzeit mühelos folgen kann. Er liest mit moderatem Tempo und leichtem Dialekt; außerdem verzichtet er darauf, jede der vielen Figuren mit einer eigenen Färbung zu charakterisieren – denn das wäre bei diesem Roman nahezu unmöglich. Anders gesagt: Peter Simonischek ist eine Idealbesetzung für dieses Hörbuch. So können auch diejenigen, die als Leser an Doderers „Strudlhofstiege“ gescheitert sind, einen neuen Zugang zu diesem außergewöhnlichen Roman finden.

Heimito von Doderer - Die Strudlhofstiege

WDR 3 Buchrezension | 28.09.2017 | 06:18 Min.

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Stand: 04.10.2017, 13:02