Oscar Wilde - Die Seele des Menschen im Sozialismus – Ein Essay

Oscar Wilde, Die Seele des Menschen im Sozialismus – Ein Essay

Oscar Wilde - Die Seele des Menschen im Sozialismus – Ein Essay

Von Kurt Darsow

Ein viktorianischer Schöngeist nimmt sich die Freiheit, den Sozialismus neu zu denken.

Oscar Wilde
Die Seele des Menschen im Sozialismus – Ein Essay
Aus dem Englischen von Christine Koschel und Inge Weidenbaum
Mit einem Vorwort von Anselm Lenz und Illustrationen
Edition Nautilus, 2017
112 Seiten
24,00 Euro

Der Utopist im Samtanzug

"Die Abschaffung des Privateigentums wird den wahren, schönen, gesunden Individualismus mit sich bringen. Niemand wird sein Leben mit der Anhäufung von Dingen und ihrer Symbole vergeuden. Man wird leben. Wirklich zu leben ist das Kostbarste auf der Welt."

Von „Produktivkräften“ und „Produktionsverhältnissen“ ist in Oscar Wildes Zukunftsentwurf aus dem Jahr 1891 keine Rede. Stattdessen stellt der viktorianische Schöngeist darin einen Glaubensartikel zur Disposition, an den sich in dieser Radikalität nicht einmal Karl Marx heranwagte: Private property, Privateigentum in jeder Form ist für Oscar Wilde die Wurzel allen Übels. Höchstens russische Anarchisten und israelische Kibbuzim sind in der Eigentumsfrage derart aufs Ganze gegangen wie er. Zwischen antiker Sklaventreiberei und kapitalistischer Ausbeutung besteht aus seiner historisch-unspezifischen Sicht kein grundsätzlicher Unterschied. Nur Glücksfälle wie die Renaissance ragen aus dem epochenübergreifenden Kontinuum historischer Leiden heraus.

Oscar Wilde

Oscar Wilde 1882

Der "von scheußlicher Armut, von scheußlicher Hässlichkeit, von scheußlichem Hunger" zermürbten Arbeiterklasse seiner Zeit dagegen traut Wilde die Sprengung ihrer Fesseln nicht zu. Schon gar nicht den in ihrem Namen auftretenden „Arbeiterstaaten“, die sich um 1900 bereits am Horizont der Geschichte abzeichneten. Wie alle Staaten dieser Welt würden auch sie auf kurz oder lang den Versuchungen der Macht erliegen. Echten Wandel dagegen verspricht sich der Utopist im Samtanzug von einem technischen Fortschritt, der den Menschen von der Fron der Lohnarbeit befreit und sein brach liegendes kreatives Potential zur Entfaltung bringt.

Stures Weitermachen

"Gegenwärtig konkurriert die Maschine mit dem Menschen. Unter den richtigen Verhältnissen wird die Maschine dem Menschen dienen. Dies ist ohne Zweifel die Zukunft der Maschine; und so wie die Bäume wachsen, während der Landwirt schläft, so wird die Menschheit sich vergnügen oder sich der geistvollen Muße hingeben."

Oscar Wilde 1889

Oscar Wilde 1889

Sechzig Jahre nachdem Oscar Wilde seine Programmschrift „The Soul of Man Under Socialism“ veröffentlichte, hat George Orwell ihre zentralen Denkfehler benannt. In utopischem Überschwang habe der Verfasser nicht nur den Umfang des zu verteilenden Reichtums überschätzt, sondern auch die Fähigkeit der Maschine, dem Menschen sämtliche kräftezehrenden und abstumpfenden Arbeiten abzunehmen. Doch in unseren Zeiten, in denen der private Reichtum ins Unermessliche wächst und Industrieroboter mit ungeahnten Fähigkeiten vor der Tür stehen, wiegt Orwells Kritik aus dem Jahr 1948 vielleicht nicht mehr ganz so schwer.

Es darf wieder ins Blaue gedacht werden, gerade weil eine selbsternannte Elite sich weiterhin jeden Gedanken über den Tag hinaus verbittet. Wer immer noch nach dem Irrenarzt ruft, wenn das Wort Vision fällt, nimmt einfach nicht zur Kenntnis, dass stures Weitermachen uns statt blühender Landschaften die exzessive Bereicherung einer frivolen Superklasse, weltweite Flüchtlingsströme und einen ökologisch kollabierenden Planeten beschert hat.

Das Imperium schlägt zurück

"Eine Weltkarte, die das Land Utopia nicht enthielte, wäre nicht wert, dass man einen Blick darauf wirft, denn auf ihr fehlte das einzige Land, in dem die Menschheit immer landet. Und wenn die Menschheit dort gelandet ist, hält sie wieder Ausschau, und sieht sie ein schöneres Land vor sich, setzt sie Segel. Fortschritt ist die Verwirklichung von Utopien."

Worte eines weitblickenden Dichters und keines wissenschaftlichen Sozialisten. Doch selbst der grimmige Karl Marx hatte bekanntlich seine schwachen Momente. Wenn er von einer Welt fabelt, die es "möglich macht, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben und nach dem Essen zu kritisieren wie ich gerade Lust habe", steht er dem Anarchosozialisten Oscar Wilde gar nicht so fern, der den Künstler zur Leitfigur freien Menschentums ernennt. Darauf nämlich läuft sein Gesellschaftsmodell hinaus. Genervt von den Erwartungen des Publikums, gegängelt von den Geschmacksregeln der Zensur, bedrängt von Sittenwächtern und Moralaposteln wollte er nichts weiter, als an seinem Schreibtisch in Ruhe gelassen zu werden. Die schöpferische Freiheit, die er sich dort wünschte, wünschte er sich auch für den Straßenreiniger, der während acht Stunden des Tages bei scharfem Ostwind schmutzige Straßenkreuzungen zu kehren hatte. Der Mensch sei für Besseres geschaffen, als Dreck aufzuwirbeln, merkt er dazu an. Dass dies im viktorianischen England bereits zu viel verlangt war, hat er am eigenen Leib erfahren, als ihm im Zuchthaus zu Reading bei harter Zwangsarbeit für den Rest seines Lebens die utopischen Flügel gestutzt wurden: Das Imperium schlug zurück.

Oscar Wilde - Die Seele des Menschen im Sozialismus

WDR 3 Buchrezension | 12.05.2017 | 05:06 Min.

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Stand: 09.05.2017, 18:58