Orhan Pamuk - Die rothaarige Frau

Orhan Pamuk - Die rothaarige Frau

Orhan Pamuk - Die rothaarige Frau

Von Stefan Berkholz

Orhan Pamuk schildert in seinem neuen Roman, "Die rothaarige Frau", den Aufstieg und Fall eines Neureichen in der Gegenwart, leicht und hintergründig und geradeaus erzählt. Eine lehrreiche Geschichte in klassischem Gewand.

Orhan Pamuk
Die rothaarige Frau
Aus dem Türkischen von Gerhard Meier
Hanser Verlag, 2017
272 Seiten
22,00 Euro

Von Joghurtverkäufern und Brunnenbauern

Wie in seinem vorangegangenen Roman von 2016, "Diese Fremdheit in mir", erinnert Orhan Pamuk zunächst an ein untergegangenes Handwerk der Vergangenheit. War es damals ein Joghurtverkäufer, dessen Schicksal Pamuk über die Jahre verfolgte, so ist es im vorliegenden Roman ein Brunnenbauer, den der Schriftsteller an den Anfang seines Romans setzt.

"Maschinen für Probebohrungen gab es damals noch nicht. Wo mit großer Wahrscheinlichkeit Wasser anzutreffen war, mussten Brunnenbauer über Jahrtausende hinweg erahnen. Meister Mahmut wusste natürlich, was manche Kollegen um die Wassersuche für ein Brimborium veranstalteten. Ernst nehmen konnte er aber nicht, wenn jemand mit einer Wünschelrute auf und ab ging und dabei rätselhafte Sprüche murmelte. Er fühlte, dass er zur letzten Generation gehörte, die diesen Beruf auf althergebrachte Weise ausübte, und darum trat er nicht großsprecherisch auf, sondern bescheiden."

Ödipus und Sohrab

Und so lernen wir zunächst allerlei über das Handwerk eines Brunnenbauers kennen. Pamuk liefert sogar eine Skizze von einem Holzgestell mit Seilwinde und Eimer, das über ein zu bohrendes Loch zu konstruieren war und am Beginn einer mühsamen und auch gefährlichen Arbeit stand. Doch mit den beiden Zitaten vorneweg setzt Pamuk den Leser bereits auf die entscheidende Fährte. Er stellt ein Zitat aus Sophokles‘ „König Ödipus“ voran sowie eines aus einer persischen Legende. Im "Ödipus" tötet ein Sohn versehentlich seinen Vater, in der persischen Legende ist es umgekehrt.

"Sowohl Ödipus als auch Sohrab gerieten auf der Suche nach dem verschwundenen Vater in ferne Gefilde und wurden dort ungewollt zu Vaterlandsverrätern. Dieses Dilemma wurde jedoch in beiden Geschichten nicht weiter betont, da jeweils die Treue zu Familie, König, Vater oder einer Dynastie eine wichtigere Rolle spielte als ein ausgeprägtes Volksgefühl. Dennoch bleibt unbestritten, dass sowohl Ödipus als auch Sohrab mit den Feinden ihres Landes gemeinsame Sache machten."

Boomtown bis zum Brunnen

Der Erzähler Cem Celik ist anfangs ein suchender, verträumter Jugendlicher. Wir befinden uns in den 1980er Jahren, Istanbul entwickelt sich allmählich zur Mega-City. Cem Celik versucht sich als Lehrling beim Brunnenbau, weit draußen, vor den Toren Istanbuls, in der Wüstenei. Später wird diese Gegend zum Spekulationsobjekt, und die Boomtown erreicht auch diese Region. Meister Mahmut aber, der Brunnenbauer, ist so etwas wie ein Vaterersatz für Cem geworden. Bis beim Brunnenbau ein Unglück geschieht, und der Jugendliche nicht weiß, wie er sich verhalten soll. Er flieht vom Ort des Schreckens und lädt sich damit ein Schuldgefühl auf, das sein Leben lang anhält.

"Irgendwie […] trug ich die Überzeugung in mir, dass ich durch diesen endlosen Geschichtenstrom dem Rätsel meines Lebens auf die Spur kommen und dadurch an die Gestade innerer Ruhe gelangen würde."

Die rothaarigen Frau

Orhan Pamuk

Orhan Pamuk.

Mit dem "endlosen Geschichtenstrom" sind Cem Celiks kunst- und literaturgeschichtliche Studien gemeint, womit er die Kulturgeschichte zur Ödipus-Legende überblicken möchte. Die rothaarige Frau aber, eine Theaterschauspielerin, hatte nicht nur Cems Vater einst geliebt. Sie war auch in der einen Nacht mit dem jugendlichen Cem schwanger geworden. Und ausgerechnet am Brunnen kommt es gegen Ende zur folgenreichen Begegnung zwischen Vater und Sohn, die sich zu spät erkennen. Das Unglück ist vorgezeichnet. Im letzten Kapitel wechselt Pamuk die Perspektive und lässt die Geschichte aus der Sicht der rothaarigen Frau zu Ende erzählen.

"Zwischen meinem Weinen damals auf der Bühne und den Tränen, die ich dreißig Jahre später am Brunnen um Vater und Sohn vergossen habe, bestehe eine zwingende Verbindung, nämlich die zwischen Legende und Leben."

In einem Interview äußerte sich der Schriftsteller kürzlich über Sinn und Zweck seiner Literatur:

(O-Ton: Pamuk)
" The point about writing books is: You express yourself thoroughly, deeply. I’m not saying, that culture or book reading is a solution to solve problems. I’m not writing my books for that kind of utilitarian purposes. […] I write my books for the person, for the good reader, who jumps into this sea of world to have an experience and another universe. […] It’s an alternative world in itself and thats enough."

(Übersetzung:)
"Der Punkt beim Schreiben eines Buches ist: Du drückst dich selbst gründlich und tief aus. Ich sage nicht, dass Kultur oder das Lesen von Büchern eine Möglichkeit ist, Probleme zu lösen. Ich schreibe meine Bücher nicht für solche nützlichen Zwecke. Ich schreibe meine Bücher für den guten Leser, der in eine Welt eintaucht, um ein anderes Universum kennenzulernen. Es ist eine andere Welt aus sich selbst heraus und das ist gut so."

Ich erzähle bloß Geschichten

Orhan Pamuk hat das Buch vor zwei Jahren verfasst, also noch vor dem versuchten Militärputsch in der Türkei und der weiteren Verhärtung des Despoten Erdogan. Pamuk wehrt sich stets gegen die Bezeichnung "politischer Schriftsteller". Nein, er sei kein politischer Schriftsteller, behauptet er, er erzähle bloß Geschichten. Doch sein Buch widmet er "Asli", und der Leser darf annehmen, dass er damit die politisch verfolgte Schriftstellerin Asli Erdogan meinen könnte. Und zwischen den Zeilen spricht Pamuk auch den Despotismus und die Gewalt in seinem Land an. Mithilfe von Legendenschreibungen hat der Schriftsteller ein Gleichnis auf die Schicksalshaftigkeit menschlichen Daseins verfasst, erneut in der klaren und eingängigen Übersetzung von Gerhard Meier. Als Gleichnis funktioniert der Roman, auch wenn er kompliziert und verwickelt konstruiert ist; wer ein offenes Ende und eine spannungsgeladene Lektüre erwartet, könnte aber eher enttäuscht sein.

Orhan Pamuk - Die rothaarige Frau

WDR 3 Mosaik | 25.09.2017 | 05:31 Min.

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Stand: 24.09.2017, 21:27