Die Maiski-Tagebücher. Ein Diplomat im Kampf gegen Hitler 1932 – 1943

Die Maiski-Tagebücher. Ein Diplomat im Kampf gegen Hitler 1932 – 1943

Die Maiski-Tagebücher. Ein Diplomat im Kampf gegen Hitler 1932 – 1943

Von Uli Hufen

Eine aufregende Quelle: Aus dem Tagebuch eines sowjetischen Diplomaten geht hervor, wie am Vorabend des 2. Weltkriegs und im Krieg Weltpolitik gemacht wurde.

Die Maiski-Tagebücher. Ein Diplomat im Kampf gegen Hitler 1932 – 1943
Herausgegeben von Gabriel Gorodetsky
Aus dem Englischen von Karl Heinz Siber
Verlag C.H.Beck, 2016
896 Seiten
34,95 Euro

Ein Botschafter der Sowjetunion

Am 29. März 1938 besucht Iwan Maiski, 54 Jahre alt und seit beinah sechs Jahren Botschafter der Sowjetunion in London, eine Sitzung des britischen Oberhauses. Zwei Wochen nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Er hört, wie diverse Lords ihre Bewunderung für Hitler bekunden. Er hört, wie verlangt wird, "Mein Kampf" ins Englische zu übersetzen. Und er hört, dass es nicht im englischen Interesse liege, der Tschechoslowakei gegen Hitler zu helfen.

"Niemals in meinem Leben habe ich eine solche Ansammlung von Reaktionären gesehen wie in diesem Oberhaus. Sichtbar überwachsen vom Schimmel der Jahrhunderte. Sogar die Luft in der Kammer ist abgestanden und gelblich. Sogar das durch die Fenster herein scheinende Licht ist funzelig. Die Männer, die auf diesen roten Bänken sitzen, sind geschichtsblind wie Molche und bereit, wie geprügelte Hunde dem NS-Diktator die Stiefel zu lecken. Sie werden dafür bezahlen, und ich werde es noch erleben!"

Beobachter, Chronist und Akteur

Schon der kurze Auszug lässt ahnen, warum Iwan Maiskis Tagebücher so außerordentlich bedeutsam sind. Maiski war über viele Jahre in entscheidenden Momenten der Weltgeschichte in entscheidender Funktion am entscheidenden Ort. Als Beobachter, als Chronist und als Akteur. Er war ein kluger, weitsichtiger Mann. Er konnte schreiben. Und - überaus ungewöhnlich für einen Mann in seiner Position: Maiski ging das Wagnis ein, private Aufzeichnungen zu produzieren.

(O-Ton Gorodetsky)
"Ohne Zweifel wurde vieles davon für die Nachwelt geschrieben. Schon 1932 ahnte Maiski, dass Hitler wahrscheinlich Kanzler in Deutschland werden würde und dass das zum Krieg führen würde. Und er wusste, dass er selbst eine große Rolle spielen würde. (…) Darum beschloss er seine Erlebnisse aufzuzeichnen. Andererseits war er jemand, der ohnehin schrieb: Literatur. Gedichte. Fast schon zwanghaft. Darum zeigt das Tagebuch die politische Situation auf dem Weg zum Krieg und ist gleichzeitig voll mit persönlichen Details. Es ist ein Hybrid aus Literatur, Politik und Geschichte."

Gabriel Gorodetsky

Gabriel Gorodetsky

Gabriel Gorodetsky

Der heute in Köln lebende Historiker Gabriel Gorodetsky beschäftigt sich seit den 90er Jahren mit den Tagebüchern von Iwan Maiski. Für die vorliegende deutsche Edition hat er eine Auswahl getroffen, die ungefähr ein Viertel des kompletten Textes ausmacht. Sorgfältig kommentiert und in jahrelanger Kleinarbeit abgeglichen mit anderen Quellen und der Fachliteratur. Das war aus sachlichen Gründen geboten, es zeigt aber auch, wie fasziniert Gorodetsky von Maiski war und ist. Ein Grund: Der Mann, der 1932 den Botschafterposten in London antritt, ist ein geistreicher Sozialist, mehrsprachig, weit gereist und weltgewandt.

(O-Ton Gorodetsky)
"Die Leute in England erwarteten nicht einen derart feinen Mann, der den meisten Leuten, mit denen er in London zu tun hatte, intellektuell definitiv weit überlegen war. (…) Chamberlain sagte über ihn: "Ich habe diesen miesen kleinen, aber sehr cleveren Juden getroffen". Also: man war ambivalent."

Nichtangriffspakt

Quer durch die 30er Jahre arbeitet Maiski unermüdlich daran, eine Anti-Hitler-Allianz auf die Beine zu stellen. Als Stalin - ohne Wissen Maiskis - im August 1939 stattdessen einen Nichtangriffspakt mit Hitler abschließt, ist Maiski schockiert.

"Gestern gegen Mitternacht erhielt ich einen Anruf von Hillman vom International News Service; in großer Alarmstimmung und Erregung brüllte er ins Telefon, gerade sei aus Berlin die folgende Meldung hereingekommen: Deutschland und die UdSSR seien dabei, einen Nichtangriffspakt zu schließen. Ribbentrop werde zu diesem Zweck morgen nach Moskau fliegen. Sei das die Möglichkeit? Unwillkürlich schlug ich die Hände vors Gesicht."

Die große Anti-Hitler-Koalition

Es folgen die wohl schwersten Jahre in Maiskis Londoner Zeit. Während Großbritannien Hitler zunächst mehr oder weniger allein gegenüber steht, besetzen sowjetische Truppen Ostpolen und das Baltikum. Churchill hat dafür Verständnis, trotzdem muss Maiski seine ganze diplomatische Kunst aufbieten, um die guten Beziehungen in London zu bewahren. Im Juni 1941 greift Hitler die Sowjetunion an und Maiski wird zu einem der Dreh- und Angelpunkte der großen Anti-Hitler-Koalition.
Für Gabriel Gorodetsky bieten Iwan Maiskis Tagebücher einmalige Einblicke in Schlüsselmomente der europäischen Diplomatie der 30er und frühen 40er Jahre.

(O-Ton: Gorodetsky) "Wir erfahren aus dem Tagebuch viel darüber, wie die Briten zunächst fünf Jahre lang nicht auf die Nazi-Gefahr reagierten. Dann das Münchner Abkommen. Wir wussten bis jetzt nicht, ob die Russen wirklich bereit waren, der Tschechoslowakei zu helfen. Wir lernen, was die Russen dazu brachte, den Ribbentrop-Molotow-Pakt abzuschließen. Und wir erfahren, wie die neue Allianz mit den USA und Großbritannien geschmiedet wurde und wie die britischen imperialen Ambitionen die Zusammenarbeit mit der Sowjetunion untergruben und die Grundlagen für den folgenden Kalten Krieg legten. … Also: es geht nicht um einzelne brandheiße Kracher-Informationen, es geht ums Ganze."

Nach dem Krieg

1943 wird Iwan Maiski, der den Großen Terror der späten 30er Jahre mit Glück und Geschick unbeschadet überstanden hatte, aus London abberufen und verliert seinen Einfluss. Kurz vor Stalins Tod wird er beschuldigt ein britischer Spion und ein Zionist zu sein. Maiski verbringt zwei Jahre im Gefängnis, schreibt weiter Romane, Gedichte und Memoiren und stirbt 1975 mit 91 Jahren. Sein Tagebuch aber lagert seit 1953 in den Archiven des Außenministeriums. Man konnte es ihm nicht zurückgeben, es enthielt zu viele Staatsgeheimnisse. Jetzt liegen sie vor. Auf Deutsch gedruckt in einer hervorragend kommentierten Ausgabe mit vielen Fotos aus dem Privatarchiv eines der großen Diplomaten des 20.Jahrhunderts.

"Die Maiski Tagebücher" von Gabriel Gorodetsky

WDR 3 Buchrezension | 23.11.2016 | 06:17 Min.

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Stand: 22.11.2016, 14:09