Marion Poschmann - Die Kieferninseln

Marion Poschmann, Die Kieferninseln

Marion Poschmann - Die Kieferninseln

Von Dirk Hohnsträter

Hochpräzise Unschärfe: Marion Poschmann ist mit ihrem Japan-Roman ein berückendes Buch gelungen.

Marion Poschmann
Die Kieferninseln
Suhrkamp, 2017
168 Seiten
20,00 Euro

Der Ort der Handlung

Vergessen Sie den Anfang. Es kommt nicht darauf an, dass der Held des neuen Romans von Marion Poschmann Hals über Kopf nach Tokyo fliegt, nur weil er geträumt hat, dass ihn seine Frau betrügt. Beachten Sie lieber den Ort der Handlung. Denn dass der Kaffee trinkende Protagonist ins Teeland Japan aufbricht, in ein Territorium, wo wie nirgends sonst die Ästhetik im Alltag zuhause ist, erst das ermöglicht es Marion Poschmann, ihr ganzes literarisches Können zu entfalten:

"Die japanische Stewardess kam mit einem Korb, aus dem es dampfte. Sie reichte ihm mit einer langstieligen Metallzange ein aufgerolltes heißes Frotteetuch. Er wischte sich mechanisch damit die Hände ab, wrang das Tuch um seine Handgelenke, ließ die stechende Hitze in seinen Puls dringen, die reinste Wohltat, diese Sitte, dachte er, ein seltsamer Flug, bei dem man alles dransetzte, ihn zu beruhigen, er fuhr sich mit dem Tuch über die Stirn, eine Mutterhand bei Fieber, erstaunlich angenehm, aber schon begann es abzukühlen, er legte es sich aufs Gesicht, ein paar Sekunden nur, bis es nichts war als ein feuchter, kalter Lappen."

lichtnadelig und andere Wortkreationen

Die kleine Szene stimmt ein auf ein Schreiben, das simple Dinge, einfache Verrichtungen und elementare Landschaft ebenso genau wie spannungsreich, ebenso gehaltvoll wie unangestrengt erfasst. Poschmanns bezwingende Spracharbeit reicht so weit, dass sie immer wieder Wörter erfindet, von denen man kaum glauben mag, dass es sie zuvor noch nicht gab: "lichtnadelig" beispielsweise, oder - wie im folgenden Abschnitt - "schneckenlahm und wolkenbehäbig":

"Seine Annäherung an Matsushima war weniger Reisen, es war mehr ein Gleiten oder Schleichen, ein schneckenlahmes Vortasten, ein wolkenbehäbiges Heranrutschen, er reiste, so schien es ihm, wie eine just ausgestülpte, glänzende Puddingfigur, die langsam erkaltete, nachzitterte, die auf einer schrägen Fläche keinen Halt fand und die mit jeder amöbenhaften Bewegung mehr Form verlor."

Sieben Orte und sieben Kapitel

Marion Poschmann

Marion Poschmann

In sieben, nach japanischen Orten benannten Kapiteln erzählt dieser Roman die Geschichte des durchblickerischen Akademikers Gilbert Silvester, der zusammen mit dem Selbstmordkandidaten Yosa Tamagotchi nach Matsushima pilgert, zur Bucht der Kieferninseln.

Das Hin und Her zwischen den Figuren gibt dem Roman Schwung, und im Verlauf der Geschichte erweist sich das ungleiche Protagonistenpaar als überraschend ähnlich, wie Poschmann in humorvollen Szenen immer wieder verdeutlicht:

"Er nahm aus den Augenwinkeln wahr, wie Yosa neben ihm Unmengen an Proviant verschlang, den er irgendwo in Sekundenschnelle erstanden haben musste, ohne dass Gilbert es auch nur mitbekommen hatte. Algenumwickelte Reisdreiecke mit verschiedenen Füllungen, die Yosa jedes Mal ankündigte, bevor er hineinbiss: Salzpflaume. Thunfisch. Irgendein goldener Pilz. Rindfleisch. Spinat. Hatte Yosa nicht begriffen, dass sie sich auf eine Fahrt voller Mühsal und Einschränkungen begaben? (…) Schließlich wurde es Gilbert zu dumm, und er ließ sich ein nachtschwarzes Dreieck mit Krabben in Mayonnaise geben."

Weltvergegenwärtigende Präzision

Auf jeder Seite dieses Buches staunt man über das Sprachvermögen der Autorin, ihre weltvergegenwärtigende Präzision und ihr untrügliches Gespür für Rhythmus. Zugleich unterlaufen verschmitzte Momente die Versuchung, einen Kult der Achtsamkeit zu zelebrieren und Japans als Ort des Anderen zu überhöhen. Die Kirschbäume blühen nicht, vermeintlich unberührte Landschaft stellt sich als vermüllt heraus und filigrane Grüntöne als allzu vertraut:

"Gilbert vertiefte sich in die verschiedenen Grüntöne, während er mit den beiden Taschen über Äste und Farnkraut stolperte. Supermarktgrün. Das feine Grün eines Kopfsalats, das glatte Grün polierter Äpfel, das herbe Spinatgrün, zartes Fenchelgrün. Sportliches Zahnpastagrün, biederes Ostergrasgrün."

Schönheit, die sich nichts vormacht

Die große Kunst dieses kleinen Buches liegt darin, einer Schönheit Form zu geben, die sich nichts vormacht und doch ganz bei den Dingen ist. Die ihr sprachliches Sensorium weit öffnet und doch durch Sinn fürs Komische und Schäbige Abstand vom Schwärmerischen zu wahren versteht. Marion Poschmann ist ein berückender Roman gelungen, der mit einer Ankunft endet, die dem Weg dorthin in nichts nachsteht:

"Matsushima-Kaigan. Verhangener Himmel, ein seidiges Grau, über das sich die Wolken schoben, schlanke und flache Wolken wie von japanischen Wandschirmen, Wolken aus abgerundeten Streifen und funkelnden Blattgoldquadraten, nur angedeutete, stark stilisierte Wolken, deren Funktion sich darauf belief, Teile der Landschaft zum Verschwinden zu bringen (…) die Wolken, die für den ersten Moment erstarrt schienen, wanderten in zügigem Tempo weiter, der Wind wehte kühl und salzig, vom Bahnhof aus sah man direkt auf das Meer."

Marion Poschmann - Die Kieferninseln

WDR 3 Buchrezension | 09.10.2017 | 05:32 Min.

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Stand: 05.10.2017, 14:47