Stefan Hertmans - Die Fremde

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Stefan Hertmans - Die Fremde

Von Michael Reinartz

Ein ungewöhnlicher historischer Roman: Autor Stefan Hertmans begibt sich in der Provence auf die Spurensuche nach einer historischen Frauenfigur, einer zum Judentum konvertierten Christin; beschreibt Unruhe, Vertreibung und Flucht. Die Parallelen zur Gegenwart sind verblüffend.

Die Handlung

Der belgische Schriftsteller Stefan Hertmans lebt seit fast einem Vierteljahrhundert in Monieux, einem kleinen Ort in der Provence. Irgendwann erfährt er, dass in seiner eigentlich doch so friedvollen zweiten Heimat im 11. Jahrhundert mal ein Pogrom stattgefunden hat. Dieses Massaker an dem jüdischen Teil der Bevölkerung lässt ihn fortan nicht mehr los. Wie ein in Kairo gefundenes Dokument beweist, hat es bei diesem Mord einige Überlebende gegeben. Darunter eine Frau die ursprünglich christlichen Glauben gewesen ist. Sie kam aus dem Norden, aus Rouen in der Normandie. Eine gebildete und privilegierte junge Frau aus bestem Hause, deren Vater normannischer Ritter, Nachfahre der Wikinger gewesen war. Hertmans kennt ihren richtigen Namen nicht. Er nennt sie "Vigdis", macht sie zur Hauptfigur seines Romans. Später, nachdem sie den Sohn eines Rabbiners geheiratet hat, wird sie den Namen Hamutal tragen.

Für Vigdis/Hamutal beginnt ein Leben auf der Flucht, verfolgt von normannischen Rittern. Denn aus der damaligen christlichen Perspektive war die Liebe zu einem Mann jüdischen Glaubens natürlich ein absolutes Tabu.

Hertmans pendelt erzähltechnisch zwischen dem Hochmittelalter und der Jetztzeit. In Teilen ist es ein aktueller Reisebericht. Denn der Autor folgt seiner Romanfigur auf ihren Wegen, spürt ihr nach, will wissen, wie sie welches Tal durchquert und welchen Fluss überschritten hat. Am Ende macht sogar eine Entdeckung von archäologischer Bedeutung.

"Die Fremde" von Stefan Hertmans

WDR 2 Bücher | 23.04.2017 | 05:28 Min.

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Die Bewertung

In der Regel schrecke ich vor der Lektüre historischer Romane mehr oder weniger stark zurück. Vor allem, wenn sie vom Mittelalter erzählen.

Doch "Die Fremde" ist kein schwülstiges, pathosüberladenes Monumentalwerk, das es mit den historischen Fakten nicht so ganz genau nimmt. Hertmans vermengt das Wissen aus historischen Quellen mit seinen historischen Fähigkeiten. "Die Fremde" ist ein eher stilles Werk geworden – auch wenn hier viel von schrecklichen Ereignissen berichtet wird.

Der Autor erzählt die tragische Geschichte der jüdischen Konvertitin mit viel emotionaler Nähe zu seiner Hauptfigur. Berichtet von einem fürchterlichen Weltenbrand, verursacht durch den Aufruf von Papst Urban II im Jahr 1095. Mit der Anstiftung zu den Kreuzzügen erblickt der Begriff des Heiligen Krieges das Licht Welt. Hertmans macht klar: hier geht eine Epoche relativer Entspannung zwischen den drei großen Religionen auf dem europäischen Kontinent zu Ende. Der Leser erfährt, mit welcher Wucht und Unerwartetheit es die Menschen von damals getroffen hat. Beschreibt Unruhe, Vertreibung und Flucht. Vigdis/Hamutal verliert ihre Gewissheiten, wird zur Getriebenen, zur Zerrissenen zwischen den Religionen und den Gesellschaften. Am Ende steht der totale  Identitätsverlust. Die Parallelen zur Gegenwart sind gravierend. Vigdis/Hamutal wird zu einer modernen Person. Es ist, als lägen keine 1.000 Jahre zwischen unseren Lebenswirklichkeiten.

Der Autor

Der Autor Stefan Hertmans

Der Autor Stefan Hertmans

Stefan Hertmans ist ein mehrfach ausgezeichneter, 1951 in Gent geborener Schriftsteller. Unter anderen hat er 1995 den Belgischen Staatspreis für Lyrik gewonnen. Mit kulturgeschichtlichen und philosophischen Themen hat er sich im Laufe seines Lebens immer wieder auseinandergesetzt.

Michael Reinartz

Michael Reinartz

Stefan Hertmans
Die Fremde
Verlag: Hanser
ISBN: 3446254692
Preis: 23,00 Euro

Stand: 23.04.2017, 10:48