Michael Köhlmeier - Der Mann, der Verlorenes wiederfindet

Michael Köhlmeier - Der Mann, der Verlorenes wiederfindet

Michael Köhlmeier - Der Mann, der Verlorenes wiederfindet

Von Ulrich Deuter

Der Heilige Antonius von Padua – sagt uns der noch irgendwas? Nach der Lektüre dieser thematisch mutigen und ungemein dichten Novelle lautet die Antwort: unbedingt.

Michael Köhlmeier
Der Mann, der Verlorenes wiederfindet.
Novelle
Carl Hanser Verlag, 2017
160 Seiten
20,00 Euro

Die letzten Stunden

Am letzten Tag seines Lebens liegt der Heilige auf der Straße. Auf einer Pritsche lagert er vor dem Kloster in Arcella, Mitte dreißig ist er erst, doch sein Leib ist ruiniert. Es sind die letzten Stunden des heiligen Antonius von Padua.

"Eine Handbreit über der Erde lag er, seine nackten Fersen berührten das Pflaster, aber sein Blick ging in den Himmel, und der war blau und ohne eine Wolke an diesem späten Juninachmittag. Dreitausend waren es, die dem Pferdewagen von Camposampiero nachgefolgt waren, eine lange und breite Prozession […] Alle wollten Zeuge sein, wenn Gott seinen Heiligen zu sich holte."

Eine Heiligenfantasie

Das ist das Setting, das ist der Sound – um mit ostentativer Nüchternheit zu kontrastieren, was in dieser Novelle heiliges Geschehen ist und fast hoher Ton. Denn es stimmt, was man beim Lesen der ersten Seiten nur widerstrebend wahrhaben will: Michael Köhlmeier erzählt uns in seinem jüngsten Buch eine Heiligengeschichte, eine Heiligenfantasie, komponiert aus den unendlich vielen seelischen Prüfungen eines Gottsuchers. Diese Versuchungen sind vor allem die des Geistes: Intelligenz, Selbstbewusstsein, rhetorisches Talent. Ja, der Verstand selbst ist die schlimmste der Anfeindungen. Ein Leben lang. Bis zuletzt, als er da liegt, gepeinigt von Schmerzen und Durst.

"Nun musste sich Antonius mit drei Plagen schlagen: der Versuchung, für eine Kanne Wasser von Gott abzufallen; der Frage, ob es überhaupt einen Gott geben kann; und, wenn nein, mit dem Gedanken, dass sein ganzes Leben für die Katz gewesen war. Und er fürchtete, auch der Hiob könnte ihm gestohlen bleiben. Was für ein Trost war denn aus dieser Geschichte zu ziehen, die uns erzählte, dass Verzweiflung und Unheil über einen Mann kommen, weil Gott mit Satan eine Wette abgeschlossen hat?"

Lebensthema und Lebensqual

Michael Köhlmeier

Michael Köhlmeier

Antonius starb 1231. Und so hocken wir Leser 786 Jahre später und 157 Buchseiten lang auf dem Pflaster neben der Bahre des Sterbenden und blicken von dieser niedrigen Warte aus in den hohen Himmel eines geistigen Rigoristen und verbissenen Scholastikers, der sich regelmäßig im Baum der Erkenntnis verklettert, bis ihn der Schwindel packt. Hiob und die Theodizee, also die Rechtfertigung Gottes angesichts des Leidens in der Welt, sind Antonius’ Lebensthema und Lebensqual.

Antonius von Padua ist eine historische Figur. Um 1195 als Sohn eines Adligen in Lissabon geboren, Taufname Fernando, wird er Franziskaner-Mönch. Lehrt an der Universität Bologna und lebt als Einsiedler und Bußprediger wie sein Zeitgenosse Franz von Assisi, der ihm endgültig den Weg der Armut und der Selbstverleugnung weist. Wegen der vielen Wunder, die Antonius wirkt, und der Predigten, in denen er die Massen betört, gilt er schon zu Lebzeiten als Heiliger – Michael Köhlmeier streift diese biografischen Stationen nur, in denen sich Historisches und Legendäres vermischt. Breitesten Raum gibt er den religiösen Landschaften, die Antonius, Erkenntnis suchend, durchwandert. Es existiert mit Sicherheit kein Roman aus jüngerer Zeit, in dem so viele und lange Zitate heiliger Schriften die Lektüre zu einem Gebet erheben.

Ein Doppelbild extremer Außenseiter

Warum musste dieses Buch geschrieben werden? Sicher, es entfaltet mit der sprachlichen Kraft, derentwegen man Köhlmeier liebt, das Drama des mittelalterlichen denkenden Menschen, seine Emotionalität, sein Hin- und Hergerissensein zwischen glückseliger Erkenntnis und Haltlosigkeit. Damit steht "Der Mann der Verlorenes wiederfindet" seltsam quer zur Jetztzeit – und musste möglicherweise gerade deshalb geschrieben sein. Zusammen mit "Das Mädchen mit dem Fingerhut" aus dem vergangenen Jahr zeichnet diese Novelle ein Doppelbild extremer Außenseiter aus unserer Sicht, ein Diptychon radikaler Gegenentwürfe. Der katholischen Überzeugung nach ist Antonius der Heilige, der verlorene Dinge wiederfindet; doch Köhlmeiers Antonius mag auch der sein, der für uns unsere verlorene Spiritualität zurückholt. Jedenfalls lässt einen das Buch, entgegen der Anfangserwartung, so schnell nicht mehr los.

"Inzwischen war später Abend geworden, nur ein Schimmer wie geschliffenes Metall erleuchtete den Westen über den Giebeln der Häuser. Da war er, und um ihn herum im Kreis standen, hockten, saßen, lagen die Dreitausend. Fackeln waren angezündet worden, an den Ecken loderten kleine Lagerfeuer, an denen Fische geröstet wurden, der Schein beflackerte die Hauswände. Weinkrüge wurden weitergereicht. Es war auch schon gesungen worden. Und immer wieder begann ein Gebet, das die Dreitausend erfasste wie eine Windböe und nach einer Weile wieder verebbte. Unter diesen Menschen lag er."

Im Geist erscheint dem Sterbenden sein Großvater selig, ein Freigeist avant la lettre, ein Anachronismus, den Köhlmeier sich erlaubt. Er ist die am lebendigsten gestaltete Figur. Bald ist es Nacht vor den Toren Paduas; die Menge schläft. Und dann hat der Mann, der Verlorenes wiederfindet, auf Erden nichts mehr zu suchen.

Michael Köhlmeier - Der Mann, der Verlorenes wiederfindet

WDR 3 Buchrezension | 06.09.2017 | 05:53 Min.

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Stand: 06.09.2017, 09:18