Johann David Wyss - Der Schweizerische Robinson/Johann Karl Wezel - Robinson Krusoe

Johann David Wyss - Der Schweizerische Robinson/Johann Karl Wezel - Robinson Krusoe

Johann David Wyss - Der Schweizerische Robinson/Johann Karl Wezel - Robinson Krusoe

Von Kurt Darsow

Reif für die Insel: Zwei deutschsprachige Robinsonaden aus dem achtzehnten Jahrhundert demonstrieren Weltflucht.

Johann David Wyss
Der Schweizerische Robinson
Die Andere Bibliothek, 2016
1176 Seiten
68,00 Euro

Johann Karl Wezel
Robinson Krusoe
Hrsg. von Wolfgang Hörner und Jutta Heinz
Mattes Verlag, 2016
332 Seiten
59,00 Euro

Eine Geschichte des Menschen im Kleinen

"Er floh die Spur alles dessen was Mensch heißt; ging nie bei Tag aus; durchstreifte von Einbruch der Nacht bis zum Morgengrauen die Wälder; genoß nichts als dünnen Eichelkaffee und Pellkartoffeln."

Johann Karl Wezel, geboren 1747 im Sondershausen und gestorben 1819 dortselbst in geistiger Umnachtung. Hätte Arno Schmidt sich des thüringischen "Schreckensmannes" nicht angenommen, wäre dessen Roman "Belphegor" wohl für immer ein Geheimtip geblieben; und wahrscheinlich gäbe es auch den "Robinson Krusoe" des "Sonderlings aus Sondershausen" nicht, den der Mattes Verlag in Heidelberg jetzt im Rahmen einer vorzüglichen Wezel-Gesamtausgabe herausgebracht hat. Unter den zahlreichen Bearbeitungen, die Daniel Defoes "Adventures of Robinson Crusoe" aus dem Jahr 1719 auslöste, ist er mit Sicherheit die respektloseste. Das geht schon daraus hervor, dass Wezel den berühmten Insulaner nicht als Ich-Erzähler zu Wort kommen lässt, sondern in der dritten Person abhandelt. Zudem hat er Defoes umständliches Original energisch zusammengestrichen und dafür umso prägnanter die Modellhaftigkeit der insularen Isolation herausarbeitet. Robinson sei eine "Geschichte des Menschen im Kleinen", ein "Miniaturgemälde der verschiedenen Stände", hebt Wezel schon in der Vorrede seiner Robinsonade aus dem Jahr 1779 hervor. Damit grenzt er sich auch von dem Pädagogen Joachim Heinrich Campe ab, dessen zeitgleich erschienene Adaption "Robinson der Jüngere" primär der moralischen und religiösen Unterweisung von Kindern diente.

Erfindergeist und Cordialwasser

"Sonach war Robinson alle Stände der Menschheit durchwandert: er war Jäger, Fischer, Ackersmann, Hirte gewesen: er hatte Handwerke, Künste und Schifffahrt erfunden; und er befand sich itzo in dem Genusse der erfundenen Bequemlichkeiten so wohl, daß ihm Ruhe und Sicherheit Langeweile machten."

Johann Karl Wezel

Johann Karl Wezel

Dass die Wezel-Herausgeber Wolfgang Hörner und Jutta Heinz auf der ruppigen Sprache des Originals punktgenau beharren, spricht für die editorische Sorgfalt der vorliegenden Neuausgabe. So kommen die Leserinnen und Leser von heute nicht nur in den Genuss einer wunderbar patinierten und betörend kernigen Diktion; auch der aufrührerische Geist des Siècle des Lumières rumort darin unvermindert weiter. Johann Karl Wezels Zorn galt vor allem dem "Empfindsamkeitsfieber" seiner Zeit, das allem und jedem einen tieferen Sinn beimaß. Wenn Defoes Robinson sein beschwerliches Inseldaseins also darauf zurückführte, dass er gegen den Willen seines Vaters zur See gefahren war, statt den Anwaltsberuf zu ergreifen, fühlte Wezel sich herausgefordert.

Sein Robinson nimmt sein Schicksal selbst in die Hand, statt sich himmlischen Mächten zu unterwerfen. Wenn es hart auf hart kommt, verlässt er sich lieber auf seinen Erfindergeist und einen kräftigen Schluck herzstärkendes "Cordialwasser". Wie anders dagegen der biedere Baseler Hauptpfarrer Johann David Wyss. Der machte Defoes einsamen Schiffbrüchigen zu einem kreuzbraven schweizerischen Kolonisten, der mit seiner fünfköpfigen Kleinfamilie auf einer Insel vor der Küste Australiens strandet.

Aufrechter Gang und gebeugte Häupter

"Kinder sagte ich zu meinen erschrockenen und wimmernden vier Knaben, Gott kann uns wohl erretten, wenn er will, und findet ers nicht gut, so sollen auch wirs nicht wollen. Dann aber geht es uns ganz gewiß im Himmel ewig gut, und wir bleiben dort unzertrennlich beyeinander."

Man schrieb das Jahr 1812, als der Sohn des Verfassers, den 1793 in gestochener Kurrentschrift zur Unterweisung seiner Kinder niedergelegten "Schweizerischen Robinson" in gedruckter Form herausgab. In dieser Version war Robinson zwar vom aufrechten Gang der Aufklärung wieder zu den gebeugten Häuptern der Vergangenheit zurückgekehrt, aber das glaubensstarke Werk muss dennoch einen Nerv der Zeit getroffen haben. Während Wezels Befreiungsschlag in den Büchermagazinen verstaubte, fand Wyssens "Familien-Robinsonade" massenhafte Verbreitung und zahlreiche Nachahmer: von Frederick Marryats "Sigismund Rüstig" über Jules Vernes "Schule der Robinsons" bis zu Peter Stamms Nacherzählung aus dem Jahr 2012. Sogar Walt Disney hat den Stoff in einem Farbfilm mit dem Titel "Swiss Family Robinson" verwertet.

Die Blaupause vom Schiffbruch auf einer einsamen Insel bis zur Gründung eines utopischen Musterstaates ist eben für Befindlichkeiten aller Art geeignet. Wann immer die Menschen der Neuzeit ihren Problemen nicht gewachsen waren, träumten sie sich an den Nullpunkt der Geschichte zurück, begannen sie das Geschäft der Welteroberung noch einmal ganz von vorn. In dieser Hinsicht hat auch der religiös unterfütterte "Schweizerische Robinson" durchaus seine Qualitäten. Über weite Strecken ist er ein naturgeschichtliches Kompendium mit anschaulichen Beschreibungen der örtlichen Tier- und Pflanzenwelt. Starkfarbig und bilderreich ist der mehr als tausendseitige Band wie geschaffen zum Versinken und Zeitvergessen – erst recht in der mit anheimelnden Illustrationen versehenen und in schönem Druck daherkommenden Langfassung der Anderen Bibliothek.

Johann David Wyss - Der Schweizerische Robinson

WDR 3 Buchrezension | 10.01.2017 | 05:34 Min.

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Stand: 05.01.2017, 11:58