Johannes von Saaz - Der Ackermann und der Tod

Johannes von Saaz - Der Ackermann und der Tod

Johannes von Saaz - Der Ackermann und der Tod

Von Christian Kosfeld

Der Böhme Johannes von Saaz verfasste um 1400 ein Streitgespräch zwischen einem Ackermann und dem Tod. Ein Meisterwerk der Dichtung des Spätmittelalters, dramaturgisch ausgefeilt, rhetorisch brillant, klug und unterhaltsam.

Johannes von Saaz
Der Ackermann und der Tod
Aus dem frühen Neuhochdeutschen
übertragen und mit einem Essay versehen von Hubert Witt
Gesprochen von Thomas Dehler und Friedhelm Eberle
Buchfunk
1 CD, 79 Minuten
14,90 EUR
ISBN 978-3-86847-411-4

Wütend, erbost, kämpferisch

"Unverschämter Bösewicht! Euer übles Andenken leb und traure dahin ohne Ende. Grauen und Furcht scheide von euch nicht, wo ihr wandert und wohnet. Von mir und jedermann sei ständig geschrien über euch, streitbares Zetergeschrei, mit gewundenen Händen."

Wütend, erbost, kämpferisch beginnt dieser Text und dieses Hörbuch. Der Tod wundert sich sehr, wer ihn da so wild angeht, wer ihm alle Übel der Welt an den Schnitterhals flucht. Er ist das allerdings auch gewohnt:

"Hört hört hört! Neue Wunder, grausame, unerhörte Beschuldigungen fechten uns an. Von wem die kommen, das ist uns äußerst fremd. Doch Drohens, Fluchens, Zetergeschreis, Händeringens und allerart Anfeindungen sind wir Elender bisher wohl genesen."

Johannes von Saaz - Der Ackermann und der Tod

WDR 3 Mosaik | 10.11.2016 | 05:39 Min.

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Die Grausamkeit des Todes

Denn schon immer haben sich die Menschen bitterlich beschwert über die Grausamkeit des Todes, der jeden dahin rafft. In diesem Fall klagt ihn ein Ackermann aus Böhmen an, ein braver Mann, der um seine Ehefrau trauert. Die ist im Kindbett gestorben, er hat also wirklich allen Grund, sich über die Grausamkeit und Unbarmherzigkeit des Todes zu beschweren.

Ackermann aus Böhmen

Ackermann aus Böhmen

"Ihr nahmt sie dahin, meine allerdurchlustigste Augenweide, sie ist dahin! Mein Schutzschild war sie vor allem Ungemach. Hinweg ist meine wahrsagende Wünschelrute! Hin ist hin! So steh ich armer Ackermann allein. Verschwunden ist mein Lichter Stern am Himmel. Zur Ruh gegangen ist meines Heiles Sonne. Nimmermehr geht sie auf, nimmermehr geht auf mein Morgenstern, gesunken ist sein Glanz…."

Wortschlacht, das Gefecht, die Debatte

Der Notar und Dichter Johannes von Saaz schildert mit einer reichen Bildsprache, mit stilistischer und rhetorischer Raffinesse die Wortschlacht, das Gefecht, die Debatte zwischen böhmischem Bauer und dem Tod. Thomas Dehler als Ackermann attackiert, klagt, lobt seine Frau, wütet und zürnt. Friedhelm Eberle als Tod verteidigt sich, weicht aus, begründet, lenkt ein und schlägt zurück. Es gibt Lobreden auf die Verstorbene wie in der Minnelyrik, gelehrte Exkurse in die Theologie, historische Anekdoten aus der Antike, philosophische Argumente. Ackermann und Tod begegnen sich im Streit auf Augenhöhe, und debattieren leidenschaftlich und anschaulich:

"Ein Fuchs schlug einen schlafenden Löwen an die B acke, darum war ihm sein Balg zerrissen. Ein Hase zwackte einen Wolf, darum ist er noch heute schwanzlos. Eine Katze kratzte einen Hund, der da schlafen wollte, immer muss sie des Hundes Feindschaft tragen. Grade so willst Du Dich an uns reiben. Doch glauben wir: Knecht bleibt Knecht, und Herr Herr. Wir wollen zeigen, dass wir recht wägen, recht richten und recht verfahren in der Welt."

Der Tod betont, dass er gerecht sei

Der böhmische Bauer erklärt seine Trauer und Wut, der Tod versteht das, weist aber darauf hin, dass er gerecht sei, und dass ohne ihn die Welt viel schlechter wäre, voller Mücken und Wölfe, und es dann auch zu viele Menschen gäbe, die sich dann nicht ernähren könnten. Der Tod betont, dass er gerecht sei, sich nicht durch sozialen Stand, Macht oder Alter beeinflussen lässt, und dass zu jedem Anfang auch ein Ende, zum Leben eben der Tod gehört.

 Johannes von Saaz

Johannes von Saaz

"Herr Tod, ein rechtschaffener Mäher, braun, rot grün, blau, grau gelb, und allerlei heile Blumen und Gras haut er vor sich nieder. Ihre Glanze ihrer Kraft ihrer Vortrefflichkeit ungeachtet. Da helfen dem Veilchen nicht seine schöne Farbe, sein reicher Duft, seine wohlschmeckenden Säfte. Siehe: das ist Gerechtigkeit."

Meisterwerk der Volten und Finten

80 Minuten dauert dieser Disput, schnell hat man sich eingehört in die kongeniale Neuübertragung von Hubert Witt, der gerade erst im Oktober verstarb. Ein Essay von Witt führt in die Epoche und den kulturgeschichtlichen Hintergrund des Werks ein. Thomas Dehler und Friedhelm Eberle spielen dieses Feuerwerk und Meisterwerk der Volten und Finten, der Angriffe und Argumente, Sprach-Bilder und Sprach-Spiele genüsslich aus. So weist der Ackermann darauf hin, dass es doch eine Schande sei, dass man etwas so Wunderbares wie den Menschen sterben lasse:

"Sich selber gleich hat Gott ihn gebildet. Wie er denn selbst in der ersten Urkunde der Welt gesprochen hat. Wo schuf je ein Werkmann ein so geschicktes und reiches Werkstück und so handwerksgerechten kleinen Kloß wie eines Menschen Haupt, mit kunstreichen Wundern darin, die allen andern Göttern verborgen sind. Da ist im Augapfel die Sehkraft, der allergewisseste Zeuge, meisterlich nach Art eines Spiegels geschaffen, bis an des Himmels klare Schöpfung reichend. Da ist in den Ohren das fernhin wirkende Gehör, schützend mit einer dünnen Haut vergittert, zur Unterscheidung und Prüfung mancherlei süßen Getöns."

Am Ende kann und muss der Herrgott selbst entscheiden

Johannes von Saaz Dichtung wirkt in der Darstellung von Dehler und Eberle wie ein virtuoses Zwei-Mann Stück mit einer ausgefeilten Dramaturgie. Im Laufe des Gesprächs verändert sich das Verhältnis der beiden Streitenden, der Ackermann tritt für die Menschen ein, der Tod für Theologie, Vernunft, Weltordnung. Am Ende kann und muss der Herrgott selbst entscheiden. Den Menschen im 15. Jahrhundert schuf Johannes von Saaz eine so gelehrte wie verständliche Dichtung über Tod und Leben. Aber mit heutigen Ohren ist dieser Dialog, den Thomas Dehler und Friedhelm Eberle mit virtuoser Sprechkunst gestalten, erst recht ein Vergnügen, ein Gewinn und eine Entdeckung.

Stand: 10.11.2016, 11:16