Lawrence Osborne - Denen man vergibt

Lawrence Osborne - Denen man vergibt

Lawrence Osborne - Denen man vergibt

Von Peter Henning

Eine gleißende Parabel auf die Arroganz des Westens - filmisch und wunderbar altmodisch.

Lawrence Osborne
Denen man vergibt
Aus dem Englischen von Reiner Pfleiderer
Klaus Wagenbach Verlag, 2017
272 Seiten
22,00 Euro

Solche Rechnungen gehen selten auf

"War es wirklich eine gute Idee gewesen, die überstürzte Abreise, das spontane Hetzen ins Vergnügen? Alles nur um des Spaßes willen, um einer Freundschaft willen, für drei Tage unter einer unerbittlichen Sonne. Er wusste, sie hatte nicht mitkommen wollen... Sie hatte gehofft, eine Fahrt durch die Wüste würde sie auf Ideen für ein neues Buch bringen, aber solche Rechnungen gehen selten auf.
Im nächsten Moment stiegen ihr die Tränen in die Augen und sie spürte einen irrationalen Hass auf die Situation. Die Gründe waren die üblichen. Die Hitze, die Schwüle, der starke Kaffee. Sie merkte, wie sie langsam die Fassung verlor."

Vom Trip zum Horrortrip

Eigentlich hatten David und Jo Henniger der Einladung in die Wüste gar nicht folgen wollen. Doch Jo, englische Schriftstellerin mit naiven Vorstellungen von einem Leben ohne Fesseln und quälenden Pflichten, gibt dem Drängen ihres Mannes, des Arztes David, schließlich nach. Und so macht sich das Paar, das sich bereits in Marokko aufhält, von Chefchaouen aus mit dem Wagen ins Landesinnere auf, um dorthin zu gelangen, wo das schwule Paar Richard und Dally eine Reihe illustrere Gäste zu einer extravaganten Party erwartet. Auf dem Programm steht ein ausschweifendes Gelage mit Alkohol, Kokain, mit Cannabis versetztem Honig und Nacktschwimmen - Dekadenz unter glühender marokkanischer Sonne. Doch kaum dass sie losgefahren sind, stürzt ihr Schöpfer, der amerikanische Reiseschriftsteller Lawrence Osborne, sie in ein Abenteuer, das in seiner zersetzenden Wucht alles übertreffen wird, was die beiden bislang gemeinsam erlebt haben: David, leicht alkoholisiert, überfährt einen Fossilienverkäufer, der plötzlich am Straßenrand auftaucht – und was als Trip in ein Wochenende voller erhoffter süßer Delirien geplant war, wandelt sich innerhalb von Sekunden in einen veritablen Albtraum:

"Das Pappschild flog durch die Luft, und zwei gegensätzliche Welten prallen zusammen. Jedenfalls kam Jo dieser Gedanke. In Wirklichkeit ging alles viel zu schnell, um einen klaren Gedanken zu fassen. Autoblech traf auf Menschenknochen, und das Geräusch, das dabei entstand, war wie ein einzelner Schlag auf eine große, straffe gespannte Trommel – ein Bumm, das eine Sekunde lang wie betäubend wirkte. Ein Geräusch, von dem sie sicher war, dass sie es schon einmal gehört hatte, das gleichzeitig aber ganz neu und frisch für sie war und von nichts Bekanntem herrührte."

Von der Wüste geschluckt

Lawrence Osborne

Lawrence Osborne

Der Brite Lawrence Osborne, 1958 geboren, zählt zu den großen Unbekannten der englischsprachigen Literatur, obgleich diverse seiner Reisereportagen in der “New York Times“ erschienen sind – und bereits elf Bücher auf sein Konto gehen. Der Name des 59-Jährigen fiel wiederholt in einem Atemzug mit denen von Bruce Chatwin, Paul Theroux und Patrick Leigh Fermor – renommierte Reise-Schriftsteller allesamt. Doch Osborne, das demonstriert sein erster nun auf Deutsch vorliegender Roman, ist der zweifellos dunkelste, abgründigste von ihnen; ein ins Abseitige, Finstere und Amoralische der menschlichen Seele vernarrter existenzialistischer Wanderer, der es versteht, seinen erkennbar wenig hoffnungsvollen Blick auf den Menschen in Szenarien von bildmächtiger Härte auszumalen.

Darin erinnert er an Paul Bowles, jenen 1999 in Tanger verstorbenen amerikanischen Schöpfer existenzialistischer Endspiele vor marokkanischer Kulisse, der sich mit Romanen wie "Himmel über der Wüste", "Das Haus der Spinne" oder "So mag er fallen" dauerhaft in den Kanon der zeitgenössischen amerikanischen Literatur einschrieb. Und Osborne verneigt sich wiederholt vor Bowles, in dem er nicht nur auf dessen Person und Werk in seinem Roman anspielt – sondern mit seinen sehenden Auges ins Unglück stürzenden Protagonisten Jo und David unverhohlen auf Kit und Port Moresby anspielt, die Protagonisten von Bowles berühmtestem Roman "Himmel über der Wüste", welche sich am Ende in ihren Delirien verlieren – und von der Wüste geschluckt werden.

Ein packendes Stück Literatur

So gehen Jo und David am Ende den "Moresby-Weg": Zwar gelingt es ihnen mit Hilfe von Richard und Dally, einer Bestrafung durch die marokkanische Polizei zu entgehen. Doch als der Vater des getöteten junger Arabers in der Villa des schwulen Paares auftaucht, und darauf besteht, dass David an der Beisetzung seines Sohnes teilnimmt, gabelt sich der Weg der Hennigers: Jo bleibt zurück - und verliert sich in einer Liaison mit einem undurchsichtigen Amerikaner, während David Ismael, dem Vater des getöteten jungen Mannes, in dessen Dorf folgt – eine Entscheidung mit ungeahnten Konsequenzen.

Mit seinem Roman "Denen man vergibt" ist Lawrence Osborne ein packendes Stück Literatur über Amoral, Irrationalismus, Schuldfähigkeit und die Entfremdung des Einzelnen von sich selbst und seinen einstigen Träumen und Idealen geglückt; eine gleißende Parabel auf die Arroganz des Westens – ein fiebriges Lehrstück über Schuld und Sühne. Filmisch und wunderbar altmodisch zugleich.

Lawrence Osborne - Denen man vergibt

WDR 3 Buchrezension | 16.05.2017 | 05:14 Min.

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Stand: 15.05.2017, 11:52