Saskia de Coster - Wir & Ich

Saskia de Coster, Wir & Ich

Saskia de Coster - Wir & Ich

Von Holger Heimann

Eine belgische Bestsellerautorin ist zu entdecken. Saskia de Coster erzählt in ihrem sechsten Roman, ihrem ersten ins Deutsche übersetzten Buch, von einer Familie, der es eigentlich an nichts und doch an ganz vielen Dingen fehlt.

Die Reichen bleiben am liebsten unter sich

Auf dem Berg ist das Leben ein anderes. Hohe Hecken umgeben die protzigen Häuser mit den weitläufigen Gärten und den großen Swimmingpools. Die Türen werden mehrfach abgeschlossen, Alarmanlagen sorgen für zusätzliche Sicherheit. Nur zwei Straßen führen vom Ort hinauf zu der abgeschotteten Villengegend. Die Reichen bleiben am liebsten unter sich und verabscheuen jede Störung.

"Alle Arbeitskräfte, die zum Berg gehen, wissen auf die Sekunde genau, wann sie erwartet werden. Gärtner, Putzfrauen und die Damen von der Maniküre haben ihre festen Zeiten. Sogar die sonntägliche Klinkenputzerkolonne, abwechselnd schwarze Männer aus Zaire oder die Zeugen Jehovas, halten sich an den streng vorgegebenen Zeitplan in der stillen Wohngegend und kommen nur sonntags zwischen elf und zwölf vorbei."

Rituale und Regeln

Es ist ein eigenartig konserviertes und steriles Leben, von dem die flämische Autorin Saskia de Coster in ihrem sechsten Roman, dem ersten, der ins Deutsche übersetzt wurde, erzählt. Während die Herren der Häuser als Manager und Starchirurgen genug Geld verdienen, damit alles so bleiben kann, wie es ist, sterben ihre Ehefrauen fast vor Langeweile und flüchten sich auf der verfehlten Suche nach ein bisschen Lebenssinn in Depressionen und Neurosen. Manche von ihnen kämmen hingebungsvoll Teppichfransen, bis sämtliche Fäden schön ordentlich nebeneinanderliegen.

Saskia de Coster

Saskia de Coster

Saskia de Coster wurde 1976 in Löwen geboren. Ganz in der Nähe der kleinen Universitätsstadt, wo sie später germanische Sprachen studiert hat, ist sie selbst in einer Villensiedlung aufgewachsen. Der Alltag dort wurde bestimmt von allerlei Ritualen und Regeln, die nicht ihre waren. Sie hat sich früh als Fremde in der eigenen Familie gefühlt. Ihr Roman, der die Familie Vandersanden in den Mittelpunkt rückt, ist eng an ihre eigene Kindheit angelehnt. Doch als Abrechnung will sie das Buch, in dem das Elend einer verkorksten Gemeinschaft durch eine manchmal etwas laute Situationskomik aufgefangen wird, nicht verstanden wissen. Es sei ihr vielmehr darum gegangen, ihre Familie besser zu verstehen. Das spiegelt sich in der Anlage des temporeich und schwungvoll erzählten Romans wieder:

Das Leben auf dem Berg wird abwechselnd mit den Augen einer der drei Hauptfiguren betrachtet. Während Mutter Mieke und Tochter Sarah dabei ein wenig blass bleiben, ist es vor allem Stefaans Aufsteigerbiografie, der de Coster Farbe und Kontur zu verleihen vermag. Kein Wunder, der Ehemann und Vater ist den weitesten Weg gegangen, hat sich mit großem Elan nach oben gekämpft. Auf einem Bauernhof aufgewachsen, schwört er sich selbst früh, dass er nicht bei den Kühen enden will. Tatsächlich bringt er es zum hochdotierten Manager in einem Pharmaunternehmen. Fehler macht er keine, sogar unliebsame Mitarbeiter entsorgt er fast geräuschlos. Aber die glänzende Karriere hat ihren Preis, dem Druck der Perfektion, des beständigen Wettbewerbs und der permanenten Selbstoptimierung ist Stefaan immer weniger gewachsen.

"Ein Schluck Tee, das müsste gehen. Süßer Tee, er ist von klein auf ein Schleckermaul. Er nimmt das Gläschen, schenkt sich ein und bekleckert das Unterhemd. Auf seinem Bauch wächst ein grünbrauner Fleck. Er schaut zu. Er würde ja gern reagieren, aber sein ganzes System ist blockiert. Er diskutiert mit sich, bettelt: Jetzt mach was, fluche, lache, weine."

Widerspruch gegen die Konvention

Der Karrierist hat sich verbraucht. De Coster zeichnet ihn als tragische Figur. Angetrieben von der Angst zu scheitern, den Anforderungen nicht zu genügen, vergisst Stefaan, wofür er sich eigentlich müht, wohin ihn sein Ehrgeiz bringen sollte. Er hat den Kontakt zum eigenen Leben und zu seiner Familie verloren. Seine Tochter ist ihm fremd geworden, ebenso wie umgekehrt der jungen Frau ihr Vater. Dessen Leben, sein Streben nach Erfolg wird für sie zur Negativfolie. Sarah bricht rigoros mit der eigenen Familientradition und sucht ein freieres Leben. Sie experimentiert mit Drogen, gründet eine Band. Ihr Widerspruch gegen die Konvention wird zum Fluchtpunkt einer Erzählung, die zuletzt herausführt aus dem Kokon von Betäubung und Langeweile inmitten einer beziehungsgestörten Oberschichtfamilie. Das Spannungsverhältnis – das schon im Titel „Wir & Ich“ anklingt – zwischen Individualität und Gemeinschaft, zwischen Freiheitsstreben und dem Gewicht der Tradition durchzieht den Roman, vor allem aber ist es bestimmend für die Biografie Sarahs. Mit achtzehn Jahren kehrt sie dem Berg den Rücken und geht nach New York. Alles ist anders in der neuen Welt. Und doch wird der Rebellin bewusst, dass sie die Verbindung zu ihrer Familie und der eigenen Vergangenheit nicht gänzlich kappen kann. Ganz zuletzt scheint sie bereit zu einer Versöhnung.

Lust auf eine Fortsetzung

Saskia de Coster bringt nahezu alle zwei Jahre einen neuen Roman heraus. In ihrer Heimat gibt es bereits eine Fortschreibung von "Wir & Ich" – mit dem Titel – "Was nur wir hören können". Deutsche Leser können einstweilen eine Autorin mit ihrem vielleicht wichtigsten, auf jeden Fall aber persönlichsten Roman entdecken, der auf eine Fortsetzung allemal Lust macht.

Wir & Ich

WDR 3 Mosaik | 11.01.2017 | 04:55 Min.

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Stand: 05.01.2017, 12:50