Antanas Škėma - Das weiße Leintuch

Antanas Škėma - Das weiße Leintuch

Antanas Škėma - Das weiße Leintuch

Von Jürgen Buch

Ein moderner Klassiker der litauischen Literatur entstand im Exil - Antanas Škėma erzählt von der Vertreibung aus dem Paradies.

Antanas Škėma
Das weiße Leintuch
Aus dem Litauischen von Claudia Sinnig
Mit einer biographischen Skizze von Jonas Mekas
Guggolz Verlag, 2017
255 Seiten
21,00 Euro

Antanas Škėma - Das weiße Leintuch

WDR 3 Buchrezension | 21.03.2017 | 05:55 Min.

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Kreativer Nihilismus

Der Schriftsteller Antanas Škėma war selbst ein Vertriebener. 1944 floh er vor der Roten Armee aus Litauen. Über ein Lager für Displaced Persons in Deutschland gelangte er schließlich in die USA. Ebenso der Held seiner Erzählung, Antanas Garšva. Die biographischen Grenzen zwischen Schriftsteller und Protagonist verschwimmen. Was Škėma über sein Weltbild sagte, gilt auch für seine Figur Garšva: verstrickt ins Gewirr der Illusionen ist seine Religion "kreativer Nihilismus".
Wie Škėma arbeitet Garšva als Liftboy, im Zwang moderner Strukturen.

"Ihre Etage, bitteschön, dankeschön, Antanas Garšva drückt auf den Knopf, die Etage, dankeschön, bitteschön, auf den Knopf, dankeschön, bitteschön. Der grüne Pfeil leuchtet auf, Antanas Garšva streckt die Hand mit dem weißen Handschuh aus, fertig, wir fahren nach oben, der Aufzug wird im Dreizehnten angehalten, die Tür öffnet sich, ein Gast kommt herein, Ihre Etage, bitteschön, den Knopf, dankeschön, Hand an den Griff, 14, 15. Up und down, up und down in einem streng eingerahmten Raum. Sisyphos, von neuen Göttern an diesen Ort versetzt."

Die alten Götter sind tot.

Antanas Garšva, der Liftboy, der eigentlich ein Dichter ist, verfällt in seinem Aufzug in Erinnerungen - und es wird deutlich, was um ihn und in ihm alles zerstört worden ist: Garšva wurde in sowjetischer Haft gefoltert, weil er nicht proletarisch dichtete, er sah, wie die Sowjets in Litauen Nonnen deportierten, er tötete als Partisan einen jungen Russen, durchlebte Flucht und Lager, er hat seine geisteskranke Mutter gegen ihren Willen in eine Anstalt einweisen lassen. Die alte Ordnung, die Heimat ist verloren, die alten Götter – es gibt sie nur noch in den archaischen litauischen Gesängen, den Sutartines.

"Lole palo Tannenbäumchen, lepo leputeli, klingen kleine Kankles, lioj ridij augo trillerte die Nachtigall. Man musste nur meditieren, ohne zu urteilen. Diese Worte waren noch magische Formeln. Unverständlich und sinnvoll wie die wandelbaren Nebelschwaden. Man musste nur die scharfzüngigen Flammen des ewigen Feuers betrachten, die die Tannen-Türme angestrahlt haben, und die unermesslich große Erde war ein Tempel. Geboren werden, leben, sterben. Sich auflösen in den Nebeln. Und für den Fall, dass Trauer und Angst aufkamen, konnte man hölzerne Skulpturen mit menschlichen Zügen schnitzen und sie am Wegrand aufstellen."

Das Leintuch

Antanas Škėma

Antanas Škėma

Antanas Garšva weiß, dass es diese heile Welt nicht mehr gibt und vielleicht nie gegeben hat. Er ist ein Mensch der Moderne, desillusioniert. Ein rätselhafter Hotelgast verwickelt ihn in ein Gespräch. Er sagt: Eine Seele in ein weißes Leintuch gehüllt. Das ist Ihre Erlösung. Ein Leintuch erscheint mehrfach in den Erinnerungen Garšvas: Seine Mutter hält ein solches Tuch in der Hand, mit kleinen Kreuzen bestickt. Garšva findet einen Säugling auf einer Parkbank, in ein schmutziges Leintuch gewickelt. Wofür mag es stehen? Ist es ein Grabtuch? Ein Schweißtuch? Oder steht es für das Leinen der alten Litauer, den uralten Stoff, in den die Überlieferungen von Geistern und Göttern eingewoben sind?

Merkwürdigerweise weiß der fremde Hotelgast um das Leintuch und seine Bedeutung für Garšva. Und er nimmt ihm den Glauben an seine naive Hoffnungsformel „o felix culpa“ – oh glückliche Schuld: Je intensiver Garšva versucht, zu leben, desto größer wird sein Leiden. Und als sich gegen Ende wider alle Wahrscheinlichkeit doch noch alles zusammenfügen will, ein Gedicht zu gelingen und die große Liebe aufzugehen scheint, kulminiert die Erzählung in fieberhaftem Wahn.

"Die Frau im weißen Kleid, sie ruft: O felix culpa. Zwei Seelen und ein Cembalo. Die vergoldeten Statuen, sie fließen über eine Granittreppe. Bernsteinkäfer, krabbelnd im Sand. Zur blauen Ostsee. Ach blühe, blühe, weißer Apfelbaum, singt die Seele, in ein weißes Leintuch gehüllt. O felix culpa! Du meine Kindheit, du mein Leben, du mein Tod."

Von Schicksalsstrom zu Bewusstseins-Strom

Škėma hat mit diesem Roman für die litauische Literatur Neuland betreten. Er machte Schluss mit der pathetischen Verklärung der Vergangenheit, die er bei litauischen Exilanten beobachtete. Sein Dichter Garšva polemisiert gegen die literarischen Schablonen, in denen Škėma viele litauische Schriftsteller verhaftet sah. Mit der sauberen Technik des traditionellen Schreibens, so heißt es, könne man vielleicht Werbung für Schuhcreme machen. Škėma löst im "Weißen Leintuch" die Bewusstseinsschichten seines Protagonisten auf. Er springt assoziativ zwischen den Zeitebenen, Reales und Surreales überlagert und verkantet sich. Die Elemente scheinen sich zu verselbständigen und Garšva den Strömungen seines Schicksals auszuliefern. Antanas Škėma hat damit litauischen Autoren neue erzählerische Wege eröffnet. Sigitas Parulskis steht heute in Škėmas Tradition und der vor kurzem verstorbene Romualdas Granauskas hat in einer seiner Erzählungen die Memel als Schicksalsstrom zu einem Bewusstseins-Strom gemacht, an dem sich die Lebensläufe seiner Figuren entscheiden. Obwohl "Das weiße Leintuch" schon 60 Jahre alt ist, ist es in bestem Sinne modern; eine Lektüre, die die Litauer erst nach der Sowjetzeit für sich entdecken konnten und die jetzt – endlich – auch für deutsche Leser bereitliegt.

Stand: 20.03.2017, 11:00