Buchrezension - Das Mädchen mit dem Fingerhut

Das Mädchen mit dem Fingerhut

Buchrezension - Das Mädchen mit dem Fingerhut

Von Barbara Geschwinde

Michael Köhlmeier erzählt in starken Bildern und ohne Sentimentalität die Geschichte eines kleinen Mädchens, das seine Herkunft nicht kennt und eine Heimat sucht.

Michael Köhlmeier
Das Mädchen mit dem Fingerhut
Hanser Verlag, 2016
140 Seiten
18,90 Euro

Ein kleines Mädchen wird jeden Morgen von einem Mann, den sie Onkel nennt, auf dem Marktplatz einer westeuropäischen Stadt abgesetzt. Es soll sich selbst etwas zu essen besorgen. Am Abend wird das Mädchen vom Onkel per Pfiff wieder zurückgerufen. Als es eines Abends nicht abgeholt wird, beginnt es, sich alleine durchzuschlagen. Es hat gelernt, beim Wort "Polizei" laut zu schreien und sich aus Müllcontainern Essensreste zu beschaffen. Als es dennoch aufgegriffen und ihn ein Kinderheim gebracht wird, bekommt das Mädchen sein erstes Geschenk:

"Er griff in seine Tasche, holte etwas heraus. Es war ein Fingerhut, er war aus Messing und sah aus wie Gold. Er hielt ihn dem Kind vors Gesicht, bewegte ihn hin und her, einmal vor das eine Auge, dann vor das andere, langsam. Er nahm die Hand des Kindes und steckte den Fingerhut auf den Daumen mit dem Pflaster und drückte ihn fest. Das Kind verbarg den Daumen und den Fingerhut in der Faust."

Der Fingerhut als Pakt

Der Fingerhut besiegelt einen Pakt. Das Mädchen Yiza bekommt ihn von dem Jungen Arian geschenkt, als sie zu Dritt mit einem noch älteren Jungen aus dem Kinderheim fliehen. Yiza freut sich über den Fingerhut als ihren einzigen Besitz, den sie hütet wie einen kostbaren Schatz. Dabei hätte Yiza, die sich diesen Namen selbst gegeben hat, im Heim eine neue Bleibe gehabt und nach bürgerlichen Maßstäben, die Chance auf eine anständige Existenz und Zukunft. Denn Yiza ist ein Mädchen, das eine gewinnende Ausstrahlung hat und den Beschützerinstinkt bei ihren Mitmenschen weckt, wie bei der Heimschwester.

"Die Schwester hätte das Kind bei der Kleiderausgabe abgeben können, es gehörte nicht zu ihren Pflichten, sich weiter um es zu kümmern. Aber dieses Kind war nackt. Seine Kleider waren nicht in die Wäsche gegeben worden. Man hatte sie in den Müll geworfen. Sie wollte das Kind, nur mit einem Badetuch bekleidet, nicht allein vor der Tür zur Kleiderausgabe stehen lassen. Sie wollte auch achtgeben, dass ihrem Liebling schöne Sachen ausgehändigt wurden."

Über die Herkunft des Mädchens erfährt der Leser nichts. Das Mädchen ist zu klein, um es selbst zu wissen. Erst im Heim trifft es einen Jungen, der seine Sprache spricht. Eine Sprache, deren Name nicht benannt wird.

Eine Parabel auf die aktuelle Situation


"Das Mädchen mit dem Fingerhut" weckt Assoziationen an das Märchen "Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern" von Hans Christian Andersen. Das kleine Mädchen im Märchen erfriert am Ende, nachdem es alle Schwefelhölzchen abgebrannt hat, an denen es sich zu wärmen glaubte. Yizas Zukunft bleibt offen und bewegt sich zwischen Hoffnung und der Furcht, es nicht zu schaffen.

Gast Michael Köhlmeier

Michael Köhlmeier


Zugleich muss der Roman als eine Parabel auf die aktuelle Situation der minderjährigen Flüchtlingskinder gelesen werden, die heute in Europa ankommen, und über die Menschen, denen sie hier begegnen. Sie treffen auf gute Menschen, auf pflichtbewusste Menschen oder auch auf selbsternannte Lebensretter, die unter dem Deckmantel des Gutmenschentums die Flüchtlinge benutzen. So wird das Mädchen Yiza eines Tages von einer namenlosen Frau aufgegriffen, die es gesund pflegt, aber auch einsperrt.

Die Frau sagte, und ihre Stimme war nun ganz ruhig: Yiza. Ich weiß, dass du vor der Tür stehst. Du hast mein Vertrauen missbraucht. Jetzt müssen wir beide wieder von vorne anfangen. In wenigen Tagen hätten wir den Schlüssel nicht mehr gebraucht, keinen Schlüssel mehr, stell dir vor. Das wäre die Überraschung gewesen, von der ich dir erzählt habe. Und nach weiteren Tagen wären wir zusammen in den Garten gegangen und hätten gepflanzt. Und im Sommer hättest du ganz allein in den Garten gehen dürfen. Jetzt müssen wir von vorne anfangen. Aber wahrscheinlich ist alles zu Ende.

Sicherheit versus Freiheit

Yiza gelingt die Flucht, als ihr einziger Freund Arian wieder auftaucht. Ihm vertraut sie. Für Yiza stellen sich die Fragen nach Sicherheit versus Freiheit oder Sesshaftigkeit versus Vagabundiererei nicht, denn sie ist nicht verwurzelt und ihr fehlen die entsprechenden Denkkategorien. Mit erstaunlicher Klugheit und einem kindlichen Überlebensinstinkt geht das Mädchen seinen eigenen Weg und überrascht durch Anpassungsfähigkeit und Freiheitsliebe. Michael Köhlmeier stellt implizit existenzielle Fragen. Was bedeutet Wohlstand oder ab wann wird Besitz zum Gefängnis, zur Festung? Wie sieht wahre Nächstenliebe aus und wo beginnt Scheinheiligkeit?


Damit steht dieser kurze Roman in der Tradition des Schriftstellers. In seinen Werken stellt er ethische und philosophische Fragen und überlässt es dem Leser, für sich die passenden Antworten darauf zu finden. Die Protagonisten von Michael Köhlmeier beschäftigen sich häufig mit dem Weiterleben, auch wenn das noch so sehr an den eigenen Kräften zehrt. In "Das Mädchen mit dem Fingerhut" erzählt er in starken Bildern und ohne Sentimentalität die Geschichte eines kleinen Mädchens, das plötzlich ganz allein auf sich gestellt ist. Es ist ein Buch, das die aktuelle Situation von Flüchtlingskindern beschreibt, deren Erfahrungen unsere Vorstellungskraft übersteigen.

Michael Köhlmeier: Das Mädchen mit dem Fingerhut.

WDR 3 Buchrezension | 07.03.2016 | 05:28 Min.

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Stand: 08.03.2016, 08:44