M. Karagatsis - Das gelbe Dossier

M. Karagatsis - Das gelbe Dossier

M. Karagatsis - Das gelbe Dossier

Von Stefan Berkholz

Ein literarisches Ereignis: mit M. Karagatsis ist der moderne griechische Roman neu zu entdecken.

M. Karagatsis
Das gelbe Dossier
Aus dem Neugriechischen von Theo Votsos
Mit einem Vorwort von Petros Markaris
Verlag der Griechenland Zeitung, 2016
640 Seiten
24.80 Euro

Ein literarisches Ereignis

Dieser griechische Roman ist in eine Reihe mit der europäischen Weltliteratur zu setzen. Es gab also nicht nur Nikos Kazantzakis, sondern auch M. Karagatsis. Das ist das eigentliche literarische Ereignis dieser Veröffentlichung. „Das gelbe Dossier“ von Karagatsis muss die Konkurrenz zu französischen Realisten wie Balzac oder Flaubert tatsächlich nicht scheuen. Und ein Hauch von Tschechow liegt über dem nöligen Ensemble, wenn Karagatsis den „Kreis der griechischen Intelligenzija“ beleuchtet. Dieser Gesellschaftsroman besticht durch Dynamik, Sprache und Modernität. Dieser Roman von 1956 ist eine Entdeckung.

"Wie alle Welt weiß, wurde Manos Tassakos am Morgen des 5. Mai 1938 in seinem Arbeitszimmer aufgefunden, tot, mit einer Kugel in der Brust. In seiner rechten Hand hielt er eine Pistole. Auf dem Tisch lag ein Zettel mit sechs Worten, die in der Handschrift des Toten geschrieben worden waren: Ich bringe mich um. Manos Tassakos. Es bestand nicht der geringste Zweifel, dass es sich um einen Suizid handelte."

Ein Selbstmord mit Merkwürdigkeiten

Ein Selbstmord ist der Ausgangspunkt dieses raffinierten und wohl formulierten Romans. Ein Selbstmord scheint unzweifelhaft zu sein und weist doch einige Merkwürdigkeiten auf. Dieser Manos Tassakos war ein berühmter Schriftsteller, er polarisierte, er verstörte durch seinen Zynismus, er war gerissen und wirkte geldgierig, so schaffte er sich Feinde. Der Clou dieser Geschichte aber ist nun, dass der Autor dieses Romans selbst, also M. Karagatsis, zum Ermittler wird und Licht in diese Angelegenheit bringen soll. Petros Markaris, der populäre griechische Kriminalschriftsteller der Gegenwart, nennt diese Romanidee in seinem Vorwort einfach genial. Karagatsis erhält, so erfahren wir, sechzehn Jahre nach dem Tod des geliebten Freundes und Kollegen von einer Frau "Das gelbe Dossier" mit Aufzeichnungen des Toten.

"Manos Tassakos‘ Wille war es, dass ich auf der Grundlage dieses Materials an seiner statt einen Roman schreibe. Ich habe versucht, es zu tun. Ich weiß nicht, ob es mir genauso gelungen ist, wie es sich mein toter Freund gewünscht hätte."

Nach Aktenlage des gelben Dossiers

M. Karagatsis

M. Karagatsis

In drei Teile (und eine Nachgeschichte) hat Karagatsis seinen umfangreichen Roman gegliedert. Nach der Vorgeschichte erzählt er im Hauptteil "die Ereignisse, wie sie sich nach Aktenlage des gelben Dossiers darstellen". Die Verwicklungen, Verstrickungen und Intrigen, die aus dem monströsen Material hervorgehen, das der tote Tassakos hinterlassen hat. Um abschließend ein "nachträgliches Fazit" zu liefern, in dem er den Fall auf überraschende Weise aufklärt. Das ist alles klar und eindeutig und schillernd konstruiert - die gut sechshundert Seiten vergehen wie im Flug. Im Mittelpunkt steht der skrupellose Schriftsteller Tassakos, ein Teufel in Menschengestalt, der die Menschen gegeneinander ausspielt.

Ein passender Stellvertreter für das "Jahrhundert des Satans", wie es einmal heißt.

"Die Natur erschuf mich als Führer, und den Führern ist alles gestattet, zum Wohle der Untertanen. Wenn ich, um meinen Zweck zu erfüllen, gezwungen sein sollte, auch über einige Leichen zu gehen, werde ich gewiss nicht zögern. Das Leben ist ein Krieg; und der Krieg ist der Versuch, mit unmoralischen Mitteln ein moralisches Resultat zu erreichen."

Ein schillerndes Figurenensemble

Neben seinen dämonischen Autor stellt Karagatsis ein schillerndes Figurenensemble. Da sind Hallodris und Schmarotzer, zynische Intellektuelle, Männer, die gutgläubige Frauen nur für ihre Lust nutzen und Frauen, die auf der Suche nach Sicherheit sind. Eine patriarchalische Welt vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Und da der Roman im intellektuellen Milieu angesiedelt ist, wird über viele Themen debattiert, die ganz gegenwärtig sind: die Verfassung und die Schwächen der Demokratie; Fragen der Moral und die Ursachen von Kriegen; Gedanken über den Sinn des Lebens und die Wirkung und Aufgabe von Kunst und Literatur. Und Erkenntnisse über die menschliche Natur, die zwischen ihren Leidenschaften, der Liebe und der Habgier, hin- und hergerissen ist. Herausragend aber ist der Strippenzieher und Regisseur des Unglücks, Manos Tassakos, den Karagatsis überlegen lässt:

"Schauen wir uns einmal an, wie der Autor wohl einen experimentellen Roman aufbauen würde. Er geht von einer theoretischen Annahme aus: dass zum Beispiel unter den Leidenschaften der menschlichen Natur die Besitzgier an oberster Stelle steht und daher jedes andere Gefühl wie etwa Zuwendung, Liebe, Begehren, Mitleid, Philanthropie, Ehrlichkeit usw. überlagert. Sodann erfindet er eine Gruppe von Menschen, die über all diese Gefühle miteinander verbunden sind."

Mehr als sechshundert Seiten die Spannung

Genau das findet im Roman von Karagatsis statt. Die Erfindung und Führung von Figuren, um daraus einen Roman zu konstruieren. Erstaunlich, wie der damals 48-Jährige Schriftsteller über eine Strecke von mehr als sechshundert Seiten die Spannung aufrechterhält, seinen Helden Tassakos immer neue Manöver fahren lässt, das Innenleben seiner Figuren so detailliert zeichnet wie die Physiognomie, Tonlagen ändert, Ironie einsetzt, Sarkasmus. All das ist vorzüglich übersetzt von Theo Votsos, der die verschiedenen Tonlagen einfühlsam herausschält. "Das gelbe Dossier" ist eine Entdeckung, der viele Leser zu wünschen sind.

M.Karargatsis - Das gelbe Dossier

WDR 3 Buchrezension | 03.01.2017 | 05:49 Min.

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Stand: 06.01.2017, 12:15