Karl Ove Knausgård - Das Amerika der Seele. Essays.

Karl Ove Knausgård - Das Amerika der Seele. Essays.

Karl Ove Knausgård - Das Amerika der Seele. Essays.

Von Andreas Wirthensohn

Der norwegische Autor Karl Ove Knausgård erweist sich auch in seinen Essays als ein Meister der Weltwahrnehmung und der Empathie.

Karl Ove Knausgård
Das Amerika der Seele. Essays.
Aus dem Norwegischen von Paul Berf und Ulrich Sonnenberg
Luchterhand Literaturverlag, 2016
496 Seiten
24,00 Euro

Ein Wikinger in Beirut

Es muss ein seltsamer Anblick gewesen sein. Da sitzt im Mai 2013 ein norwegischer Schriftsteller, dessen äußere Erscheinung durchaus etwas Wikingerhaftes an sich hat, in einem Café in Beirut, blickt hinaus auf das rege Treiben auf den Straßen und beschäftigt sich mit Sören Kierkegaards Schrift über den Begriff der Angst. Abends liest er dann zusammen mit acht anderen Schriftstellern aus seinem autobiographischen Projekt. Er liest eine Passage, in der er sich als junger Mann das Gesicht zerschneidet, weil eine Frau seine Avancen zurückgewiesen hat. Und je länger der Abend dauert, desto mehr regt sich in ihm ein schreckliches Gefühl der Scham. Im Nachbarland Syrien herrscht Krieg, der Libanon ist voller Flüchtlinge und selbst noch immer von den langen Jahren des Bürgerkriegs gezeichnet.

"Und da komme ich daher und lese, dass ich mir das Gesicht mit einer Glasscherbe aufgeschnitten habe. Kann man narzisstischer sein? Nach der Lesung wendet sich ein Araber, der ungefähr Mitte sechzig ist, an mich und fragt in gebrochenem Englisch, woran ich gerade arbeite. Ich verstehe, dass auch er Schriftsteller ist. Ich antworte, dass ich derzeit Essays schreibe. Er fragt, geht es um Politik? Ich überlege, schüttele den Kopf und sage, no, not politics. Er sieht mich kurz an, dann dreht er sich wortlos um."

Alle Wahrheit im subjektiven Erleben

Wer von Karl Ove Knausgård politische Einmischungen erwartet hat, der dürfte von seinen Essays in der Tat enttäuscht sein. Allerdings wäre es doch etwas überraschend gewesen, von einem Autor, für den alle Wahrheit im subjektiven Erleben liegt, Ausführungen, sagen wir, zur Flüchtlingskrise, zur Globalisierung oder zum grassierenden Populismus zu lesen. Wobei daran erinnert sei, dass ein Text von Knausgård vor ein paar Jahren durchaus Wellen schlug. „Der monofone Mensch“ ist er betitelt, und er beschäftigt sich mit dem norwegischen Massenmörder Anders Breivik, der 2011 77 zumeist junge Menschen erschossen hat. Knausgård will dessen grausame Tat nicht auf Abstand halten, er will sie nicht ideologisch oder pathologisch, sondern menschlich erklären, also mit Verweis auf charakterliche Prägungen, innere Kämpfe und eine schwierige Beziehung zu den Eltern:

Karl Ove Knausgård

Karl Ove Knausgård

"Der kleine innere Konflikt in Breivik wurde nach außen, in die große Ideologie getragen, die plötzlich, als das für ihn unerreichbare Chaos und der durch Selbstbetrug entstandene Druck unerträglich wurden, einen Ausweg präsentierte. Ich kann das wirklich tun, muss er gedacht haben. Ich brauche es nur zu tun. […] Die meisten, die wie er in einer solchen Sackgasse enden, in der alles unerträglich ist und aus der es keinen Ausweg mehr zu geben scheint, nehmen sich das Leben. Das hätte ich getan. Andere bringen zuerst ihre Familie um, ehe sie dem eigenen Leben ein Ende setzen, auch das kommt vor. Breivik tat weder das eine noch das andere, er war ein Gläubiger. Das ist kein Mysterium, das ist kein Rätsel, das ist menschlich."

Dreh- und Angelpunkt dieser Essays

Der Fanatiker Breivik glaubte fest daran, dass seine Wahrheit, seine Entscheidung, seine Tat das einzig Richtige waren. Und jeglicher Widerstand bestärkte ihn nur in der Richtigkeit seines Glaubens. Vom Menschlichen ist viel die Rede in diesen Essays, und einer der eindringlichsten Texte ist gar dem allzu menschlichen Bedürfnis des Stuhlgangs gewidmet – für Knausgård ist dieser Aufenthalt auf der Toilette so etwas wie „die letzte Barriere des Individuums“, der letzte Rückzugsort selbst noch im privaten Umfeld der Familie. Was Knausgård aus diesem eher peinlichen, weitgehend tabuisierten Thema macht, wie er, ausgehend von der eigenen Person, eine Art Philosophie des scheißenden Menschen entwickelt, ist durchaus irritierend, aber zugleich große Kunst, die vor allem durch eines besticht: eine extrem feine Wahrnehmung der eigenen Körperlichkeit, aber auch der Wirklichkeit rings um dieses erlebende Ich. Die eigene Person, ihr subjektives Welterleben ist denn auch Dreh- und Angelpunkt dieser Essays – ganz gleich ob es darin um die Bilder von Cindy Sherman, um Knut Hamsuns Romane, um die Literatur und das Böse, um das Selbstporträt oder um die Wolken am Himmel geht. „Weltgefühl“ nennt Knausgård dieses Erleben, und es ist der Kern seiner künstlerischen Existenz, seines Schreibens:

"Das meditativ und religiös gefärbte Erlebnis des Jetzt, diese ungeheure Konzentration auf den Augenblick, die enorme Wellen von Verbundenheitsgefühlen mit der Welt auslöst, und vielleicht nichts weiter sagt als »ich existiere«, ist nur möglich, wenn die Welt sichtbar wird als Welt und nicht als die Welt des Ichs, und das tut sie nur, wenn dieses Ich außerhalb von ihr steht. In ein und derselben Bewegung entfernt die Kunst uns von der Welt und führt uns näher zu ihr heran, zu dieser himmelumspannten und sich langsam bewegenden Materie, aus der auch unsere Träume sind."

Metaphysische Dimension

Präsenz und Distanz, Ich und Welt, die physische Existenz und die metaphysische Tätigkeit des Schreibens – zwischen diesen Koordinaten und Gegensätzen bewegt sich auch Knausgårds großes autobiographisches Werk. Dass diese radikale Selbsterkundung eine durchaus religiöse, romantische, eben metaphysische Dimension besitzt, das ist die vielleicht überraschendste Erkenntnis, die dieser Band vermittelt. Und diesen Essays gelingt, was nach Knausgård das Besondere der Kunst ausmacht: Sie erheben uns und setzen uns am Ende woanders wieder ab – klüger, mit einem anderen Blick auf die Welt und auf das, was man das Leben nennt.

Buchrezension Karl Ove Knausgård: "Das Amerika der Seele

WDR 3 Buchrezension | 04.01.2017 | 06:05 Min.

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Stand: 30.12.2016, 15:02