Juliana Kálnay - Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens

Juliana Kálnay - Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens

Juliana Kálnay - Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens

Von Cornelius Wüllenkemper

Ein vielversprechendes Debüt, das ein faszinierendes Universum surrealer Bilder entwirft.

Juliana Kálnay
Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens
Wagenbach, 2017
192 Seiten
20,00 Euro

Rita

Im ersten Stock rechts wohnt Rita, eine Figur in Juliana Kálnays Roman, die wenigstens ein stückweit Orientierung verspricht. Rita war jedenfalls „von Anfang an da“ und scheint die meisten der Bewohner der vier Stockwerke in diesem merkwürdigen Haus zu kennen. Rita beobachtet die Nachbarschaft mit Hilfe eines Spiegels, den sie auf ihrem Balkon platziert hat. Aber vielleicht sind Ritas Auskünfte, ihre Geschichten und Gerüchte pure Erfindung? Figuren und ihre Geschichten kommen und gehen wie Schatten in Juliana Kálnays Roman "Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens".

(O-Ton: Kálnay)
"Der Roman arbeitet sehr viel mit Leerstellen. Es sind Fährten gelegt, die beim Leser bestimmte Assoziationen auslösen können, die auch so intendiert sind, die aber so nie explizit drinstehen. Und dann gibt es wieder Fährten, die vielleicht Assoziationen in eine andere Richtung lenken, und am Ende liest dann jeder vielleicht ein anderes Buch, weil vieles, was da an Fährten gelegt wird, gar nicht wirklich aufgelöst wird."

Ein Haus und ein literarisches Universum

Die Wills zum Beispiel aus dem obersten Stockwerk links, hat bis zu ihrem plötzlichen Auszug nie jemand zu Gesicht bekommen. Tom dagegen hat sich im Fahrstuhl eingerichtet, was anfänglich kaum jemandem auffällt. Außerdem gibt es Kasi, die bei Oscar im Bidet wohnt. Oder die Gramo-Zwillinge, die vielleicht auch nur eine Person sind. Maia ist verschwunden versteckt sich in ihren Löchern, und die Morans aus dem Souterrain, zwei Fotografen, leben in völliger Dunkelheit. Juliana Kálnay schafft mit den erzählerischen Versatzstücken über ihr Haus ein literarisches Universum mit starker Anziehungskraft.

(O-Ton: Kálnay)
"Es war nie so gedacht, dass ich so eine Art Erzähllinie hatte, wo ich dann wusste, das passiert, und dann wird das wieder aufgelöst. Jetzt ist es eben dieses Auswuchernde in viele verschiedene Richtungen, weil eben bestimmte Handlungsideen durch andere Texte ausgelöst werden. Und da fand ich auch die Figur des Baumes schön, den es ja auch im Buch als Figur gibt, mit den Ästen, die in unterschiedliche Richtungen wuchern."

Aus der Perspektive eines Baumes

Juliana Kálnay

Juliana Kálnay

"Meine Frau Lina, stolze Besitzerin eines grünen Daumens, die sich schon immer einen Garten mit Laubbäumen gewünscht hatte, stellte mich auf den Balkon. Sie sagte, nur dort bekäme ich genügend Sonne ab. Meine Frau war es auch, die mir täglich Wasser in die Stiefel goss, als im Herbst meine Zehen Wurzeln geschlagen hatten und eine mächtige Baumkrone mir die Sicht versperrte. Sie löste meine Tabletten im Gießwasser auf und summte mir unbekannte Melodien vor, während sie mir die Äste ins Gesicht kämmte. Im darauffolgenden Frühling brüteten in meinen Achselhöhlen Rotkelchen, und im Spätsommer besuchten mich die Kinder aus dem Viertel täglich, um von den Früchten, die ich trug, zu kosten. Nachmittags kochte Lina daraus Marmelade, deren Geruch zum Fenster herausströmte und die ganze Nachbarschaft anlockte."

Die Erzählung aus der Perspektive eines Baumes, das ist nur einer von den überraschenden Einfällen, die diesen Roman so unterhaltsam machen. Mann oder Baum, Tier oder Mensch, ein Schatten oder doch der Nachbar - ebenso unvorbereitet wie bereitwillig folgt man Kálnay in ihre literarische Welt.

(O-Ton: Kálnay) "Es ist nicht so, dass ich primär von der Realität ausgehe, dass ich sage, ich habe etwas beobachtet und möchte das in Literatur umwandeln. Bei mir geht es eher von den Motiven aus, und das sind meistens eher surreale oder groteske Motive, an denen ich mich dann entlang schreibe."

Nina

Da gibt es etwa die Gruppe der "chronisch Schlaflosen", die Kinder haben, penibel auf die Ordnung im Hause achten, etwas zu bemüht die gute Nachbarschaft pflegen und schließlich doch nur an ihr eigenes Wohl denken. Und dann ist da noch Nina, deren Eltern sie und ihren kleinen Bruder plötzlich verlassen:

"Nina, sechzehn-, siebzehn- achtzehnjährig, die auf dem elterngroßen Bett Mittagsschlaf hält. Sie hat Eltern, die verschwunden sind, doch darüber spricht sie nie. Nina, wie sie den Bruder in den Schrank hievt, damit er ruhig ist. Nina glaubt nicht mehr an Geister. Nina, die nicht viel davon hält, den Bruder mehr herzuzeigen als nötig wäre, und noch weniger von den Kinder im Haus."

Ein poetischen Schelmenstück

Was hier zunächst wirkt wie eine realistische Zustandsbeschreibung, wandelt sich kurz darauf in ein federleichtes, burleskes literarisches Motiv. Juliana Kálnay spielt so freihändig und gekonnt mit der Handlung, mit Erzählhaltungen, sprachlichen Stilen und literarischen Formen, dass man nur beeindruckt sein kann von diesem poetischen Schelmenstück voller doppelter Böden. Am Ende dieser Chronik des Auftauchens und Verschwindens eines Hauses und seiner Bewohner, bei einem letzten Fest, scheinen sich endlich einige Rätsel zu lösen. Sicher ist man sich dessen jedoch nicht.

Juliana Kálnay-Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens

WDR 3 Buchrezension | 14.02.2017 | 04:58 Min.

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Stand: 08.02.2017, 15:45