Astrid Schmetterling - Charlotte Salomon. Bilder eines Lebens

Astrid Schmetterling - Charlotte Salomon. Bilder eines Lebens

Astrid Schmetterling - Charlotte Salomon. Bilder eines Lebens

Von Brigitta Lindemann

Umgeben von privaten und politischen Katastrophen hält eine Künstlerin ihr Leben in Bildern und Texten zusammen: zum 100. Geburtstag erscheint die illustrierte Biografie von Charlotte Salomon.

Astrid Schmetterling
Charlotte Salomon
Bilder eines Lebens

Mit zahlreichen farbigen Abbildungen
Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 2017
107 Seiten
25,00 Euro

1940 ist ein fürchterliches Jahr

Die junge Charlotte Salomon, im Jahr zuvor aus Berlin zu ihren im südfranzösischen Exil lebenden Großeltern geflüchtet, versucht den hochgradig verdüsterten Gemütszustand ihrer Großmutter aufzuhellen - vergeblich. Im März stürzt sich Marianne Grunwald aus dem Fenster. Salomon erfährt von ihrem Großvater, dass nicht nur seine Frau sondern auch seine Tochter, Charlotte Salomons Mutter, sich umgebracht hatte. Der damals Neunjährigen wurde erzählt, die Mutter sei an einer Grippe gestorben. Das Waffenstillstandsabkommen vom Mai 1940 zwischen Hitlerdeutschland und Frankreich sah vor, auch die im nicht besetzten Süden gestrandeten Flüchtlinge an Deutschland auszuliefern. Im Juni werden Charlotte Salomon und ihr Großvater Grunwald in das Lager Gurs in den Pyrenäen gebracht - im Monat darauf werden sie aufgrund des hohen Alters Ludwig Grunwalds wieder freigelassen.

Wie sich retten vor der Geschichte, vor den familiären Katastrophen? "Lieber Gott, lass mich bloß nicht wahnsinnig werden" schreibt Charlotte Salomon im Zyklus "Leben oder Theater". Astrid Schmetterling schildert, wie sich Salomon, zurückgekehrt aus dem Internierungslager, vor die Alternative gestellt sieht, entweder "sich das Leben zu nehmen oder etwas ganz verrückt Besonderes zu unternehmen".

"Charlotte Salomon entschied sich für das ganz verrückte Besondere. Umgeben von der Schönheit der Landschaft... versenkte [sie] sich in ihre Erinnerung. Sie begab sich auf eine Reise zurück zu den Wegen, die sie in Berlin gegangen war, zu den Menschen, die ihr wichtig waren."

Ein Schicksal von 1913 bis 1940

Salomon. Selbstbildnis, 1940, Collection Jewish Historical Museum(c), Charlotte Salomon Foundation

Salomon. Selbstbildnis, 1940, Collection Jewish Historical Museum(c), Charlotte Salomon Foundation

Charlotte Salomon macht sich daran, ihr Schicksal festzuhalten. Es entsteht eine Bilderzählung aus insgesamt 1325 Gouachen und Textblättern: "Leben oder Theater". Im Untertitel charakterisiert als "Dreifarben Singespiel", weil in sämtlichen Schattierungen von rot, blau, gelb gemalt und mit musikalischen Hinweisen versehen. Der vorliegende Band versammelt eine aussagekräftige Auswahl der Gouachen, hinzukommen etliche Photographien aus dem familiären Nachlass.

"Leben oder Theater", das "verrückt besondere" Werk der Charlotte Salomon spielt in Deutschland, am Ende in Südfrankreich von 1913 bis 1940. In seinem Aufbau gleicht es selbst einem Theaterstück. Es beginnt mit einer Kindheit im Berlin der Weimarer Republik, das Elternhaus großbürgerlich-liberal. Charlottes Vater, Albert Salomon, ist außerordentlicher Professor für Chirurgie an der Universitätsklinik Charité, die Mutter Franziska, geborene Grunwald, Hausfrau. Nach dem Tod der Mutter 1926 wechseln eine Weile lang Kindermädchen einander ab - eine probate Einführung eines jeden Kindes in erwachsenes Unglück. Hier wird es, wenn nicht ganz abgewendet, so doch gemildert, durch die gute Stiefmutter: die Sängerin Paula Lindberg. Sie ist Albert Salomons zweite Frau und - wenn man der Biographin Astrid Schmetterling glauben mag - die erste erotisch gefärbte Liebe Charlottens. Im Herbst 1935 - also bereits unter dem faschistischen Reinheitsgebot von Körper und Kunst - beginnt Salomon ein Studium an der Kunst-Akademie. Kurz nach der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wird der Vater verhaftet und ins Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt. Dass es Paula Lindberg gelingt, ihn mit gefälschten Entlassungspapieren zu befreien, ändert nichts an der Gefahrenlage. Im Januar 1939 flüchtet Charlotte Salomon zu den Großeltern nach Südfrankreich. Vater und Stiefmutter queren kurz darauf die holländische Grenze.

"Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen [haben] die verschiedensten Aspekte des Werks beleuchtet, seine kunsthistorischen und filmischen Bezüge, die Bedeutung der Musik und des Comics, die Rolle von Selbstmord, Trauma und den politischen Umständen. Mein eigener Essay greift all diese Motive auf, ist jedoch überdies von der feministischen und postkolonialen Kulturkritik beeinflusst."

"Kunst"-Charakter

Astrid Schmetterling ist dem Objekt ihrer Forschungsbegierde überaus gewogen. So sehr, dass sie jede Anregung, die von ihm ausgeht, als Beweis anführt für den unbezweifelbaren "Kunst"-Charakter des Salomonschen Werks: Salomon wird verstärkt ausgestellt, es gibt mehrere Spiel- und Dokumentarfilme über ihr Schicksal, eine Oper, eine Ballettoper, ein Live-Hörspiel und ein Roman sind ihr gewidmet. All das führt Schmetterling an, um beherzt und tapfer eine frühe Rezeptionsweise aus dem Feld zu schlagen. Die ordnete Salomons Werk den Naiven zu und betrachtete es als das historisch-autobiographisch zwar bedeutsame Dokument eines Shoa-Opfers - aber nicht als originellen Beitrag zum expressionistischen Kunstschaffen.

Dass Schmetterling sich so engagiert wie kenntnisreich zur Mittlerin von Leben und Werk der Charlotte Salomon macht, ist verdienstvoll. Ihre feministische Verve ob "patriarchalischer Gültigkeitsvorstellungen des Kunstkanons" erweist sich jedoch als Bumerang. Schmetterling unterschätzt den Subversionscharakter jeder echten Kunst. Die kennt keine Eindeutigkeiten.

So entsteht der Verdacht, die Biographin insistiere darum so vehement auf Salomons Beitrag zur künstlerischen Avantgarde ihrer Zeit, weil sie insgeheim der Aussagekraft der Bilder selbst nicht traut. Das ist kleinmütig und eine ganz überflüssige Sorge.

Stand: 17.04.2017, 13:51