Britta Boerdner - Am Tag, als Frank Z. in den Grünen Baum kam

Bildmontage: Foto des hessischen Ortes Schwarzenborn mit dem Cover des Romans "Am Tag, als Frank Z. in den Grünen Baum kam" von Britta Boerdner

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Britta Boerdner - Am Tag, als Frank Z. in den Grünen Baum kam

Von Michael Reinartz

Ein Amerikaner kommt 1969 in die hessische Provinz, wo ihn ein familiäres Geheimnis erwartet. Dieser Roman hat sehr viel zu bieten, sagt unser Kritiker - und er ist ein Heilmittel für all die, die glauben, dass früher alles besser war.

Die Handlung

Im heißen Sommer des Jahres 1969, genau eine Woche vor der ersten Mondlandung, landet der US-Amerikaner Frank Z. ohne es zu wollen in Randstetten, einem Dorf im hessischen Wetteraukreis. Weil sein VW-Käfer mitten in der westdeutschen Provinz einen Achsbruch erleidet.

Für ein paar Tage will der 28-jährige Musiker mal raus aus der kalifornischen Heimat. Denn ausgerechnet dort fühlt er - mitten in der Hochzeit von "Flowerpower" - eine geistige Enge, der er entfliehen will. Um den Kopf endlich mal wieder frei zu kriegen. Deutschland kennt er von einem Aufenthalt ein paar Jahre zuvor. Als er, der gut aussehende, coole und langhaarige Komponist, mal in Hessen am Musikinstitut studiert hat.

An einem Freitagabend endet der kleine Erholungstrip vor der einzigen Kneipe von Randstetten, dem "Grünen Baum". Hier lebt und arbeitet Rosi, eine Mittdreißigerin, die als Teenagerin mal eine Affäre mit einem US-Besatzungssoldaten hatte. Aus dieser Verbindung stammt die 17-jährige Tochter Evelyn, was der Rest der Dorfbevölkerung zum Glück nicht weiß. Denn als uneheliches Kind hätte Evelyn hier ein noch weitaus beschwerlicheres Leben gehabt, als sie es ohnehin schon führen muss.

Patronin des "Grünes Baumes" ist die Oma von Evelyn, dem "Evschen". Die alte Frau Böhm zieht in der Kneipe und in der Familie sämtliche Fäden. Zum Grünen Baum gehört auch Rudi, Rosis Bruder und Evelyns Onkel, der schon am frühen Morgen für den Eigenbedarf Asbach Uralt aus der nach unten aufgehängten Riesenflasche im Thekenraum zapft. Ein Alkoholiker, ein Außenseiter, der im Dorf nur verhöhnt und verlacht wird.

Evis Welt ist überschaubar. Manchmal fährt sie an Samstagen mit dem Zug zum Einkaufen nach Frankfurt. Die große weite Welt kennt sie aus "Bravo" und "Quick". Dort sieht sie die verstörenden Fotos von Uschi Obermaier und Uschi Glas. In der Dorfdisco, die wegen des guten Geschäftssinns des "Dorfältesten" Jupp sogar von jungen Leuten aus den naheliegenden Städten besucht wird, hört sie Fleetwood Mac und Procul Harum, Cat Stevens und die Songs der späten Beatles.

In der Musikbox des Grünes Baumes werden eher Freddy Quinn oder Dalida gedrückt. Und in Wirklichkeit verachtet Discotheken-Besitzer Jupp seine Kundschaft, die aus "Schmarotzern" und langhaarigen "Gammlern" besteht.

So also kommt Frank Z. aus der gefühlten Enge Kaliforniens in die tiefste bundesdeutsche Provinz. Wo man sich gegenseitig beobachtet und belauert, sich nichts gönnt, und wo der Vater am Samstagabend vor versammelter Mannschaft in der Kneipe den eigenen Sohn verprügelt.

Dann kommt das Wochenende mit dem Besuch von Frank Z. in Randstetten. Damit verändert sich das Leben in dem kleinen Ort, für manche Figuren sind die Änderungen sogar sehr nachhaltig. Vor allem für Evi. Sie ist zum ersten Mal in ihrem Leben wirklich verliebt und macht den entscheidenden Schritt auf dem Weg zum Erwachsensein.

Die Bewertung

Michael Reinartz

Michael Reinartz

Derzeit gibt es viele Menschen in Deutschland, die sich in die scheinbar heile Welt der guten alten Bundesrepublik vor Mauerfall und Flüchtlingskrise zurücksehnen. Wer diesem Trend unkritisch folgt, der sollte diesen Roman lesen. In "Am Tag, als Frank Z. in den Grünen Baum kam", erleben wir einen Alltag der späten 1960er Jahre, der geprägt ist von echter provinzieller Miefigkeit und Muffigkeit. Voller Argwohn und Neid. In dem man ständig eine leichte Bewegung der Gardinen hinter den Fenstern spürt. In dem Alkohol immer wieder als wichtigste Möglichkeit zur Flucht aus der Realität genutzt wird. Zumal man mit 1,3 Promille im Blut noch als fahrtüchtig gilt.

Dieser Text ist voller Zeitkolorit. Voller (Pop-) Musik jener Zeit. Den damals beliebten Fernsehsendungen und Eissorten. Daher meine Empfehlung an die 25- bis 30-Jährigen: Lest diesen Roman, und Ihr kennt die Rahmenbedingungen, unter denen eure Eltern oder Großeltern aufgewachsen sind. Und die 50- oder 60-Jährigen können sich noch einmal daran erinnern, wie es wirklich so war, als sich die Dorfjugend überall in Deutschland mit dem Mofa an der Bushaltstelle traf und alle Erwachsenen sonntags den "Internationalen Frühschoppen" im TV sahen.

Drei ereignisreiche Tage in einem Dorf am Ende eines Jahrzehnts. Präzise beobachtet und atmosphärisch dicht aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Weit entfernt am Horizont zeichnet sich so etwas wie eine neue Zeit ab.

Im Mittelpunkt jedoch steht die Liebesgeschichte zwischen Evelyn und Frank. Nur eine weibliche Autorin wird sich so tief in die Gefühlswelt einer 17-Jährigen einfinden können. Britta Boerdner gelingt das.

Die Autorin

Die im Jahre 1961 geborene Britta Boerdner ist in der hessischen Provinz, in Gelnhausen, aufgewachsen. Zeitweise hat sie in Kalifornien studiert. Die beiden Welten von Evelyn und Frank kennt sie aus eigener Anschauung – das wird beim Lesen dieses Romans deutlich.

Britta Boerdner - Am Tag, als Frank Z. in den Grünen Baum kam

WDR 2 Bücher | 19.03.2017 | 05:07 Min.

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Britta Boerdner
Am Tag, als Frank Z. in den Grünen Baum kam
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
ISBN: 978-3627-0023-50
Preis: 22,00 Euro

Stand: 16.03.2017, 00:00